Aus: Ausgabe vom 12.02.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Im Spannungsfeld

Tel Aviv und Riad bekämpfen das Gespenst eines »schiitischen Halbmonds« von Beirut bis Sanaa

Von Wiebke Diehl
RTX3DMXS.jpg
Flaggen der Hisbollah und Syriens auf einem Militärkonvoi während der Qalamun-Offensive im August 2017

Israel werde sich »entschlossen gegen jeden Angriff auf uns verteidigen und gegen jeden Versuch des Iran, sich militärisch in Syrien oder irgendwo sonst zu verankern«, erklärte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Samstag, nachdem die syrische Luftabwehr ein israelisches Kampfflugzeug abgeschossen hatte, das Stellungen des syrischen Militärs angegriffen hatte.

Die aggressiven Worte Netanjahus waren allerdings vor allem der Tatsache geschuldet, dass sich die Situation sowohl in Syrien als auch in der gesamten Region zuungunsten der Akteure in Tel Aviv, Washington und Riad entwickelt. Vor diesem Hintergrund machte Israels Generalstabschef Gadi Eizenkot bereits im November die seit Jahren bestehende, bislang aber geheimgehaltene Kooperation zwischen Riad und Tel Aviv im Interview mit einer saudischen Zeitung öffentlich. Dass er dies trotz der saudischen Bemühungen um eine Verbesserung des Verhältnisses zu Russland sowie der Schwächung Riads durch Konflikte zwischen den Unterstützern der syrischen Opposition tat, zeigt, dass in Tel Aviv und bei seinen Verbündeten alle Alarmglocken läuten.

Das seit Frühjahr 2011 aktiv verfolgte Projekt, die syrische Regierung von Präsident Baschar Al-Assad mit Hilfe einer massiv aufgerüsteten Opposition und durch die Einschleusung ausländischer Kämpfer zu stürzen, ist gescheitert. Vor allem aber konnte das Ziel, durch das Schüren von interkonfessionellem Hass die syrische Gesellschaft zu spalten, nicht erreicht werden.

Nach fast sieben Jahren des Blutvergießens in Syrien ist klar, dass es sich von Beginn an um einen Stellvertreterkrieg handelte – befeuert durch einen aggressiven, interventionistischen und gegen ein Erstarken der Schiiten gerichteten Kurs Saudi-Arabiens und seiner regionalen Verbündeten. Dabei konnten sie sich der Unterstützung Tel Avivs sicher sein. Dort wurde das vom jordanischen König geprägte Mantra vom »schiitischen Halbmond«, der vom Libanon über Syrien, Irak und Iran bis Bahrain und schließlich Jemen reiche, dankbar aufgegriffen.

Die USA und andere westliche Mächte sind ebenfalls seit Beginn in diesen Konflikt involviert und verfolgen eigene Interessen. Die sowohl von islamistischen Gruppen als auch von westlichen Unterstützern der sogenannten Revolution in Syrien vorgebrachte Behauptung, Tel Aviv habe kein Interesse an einem Sturz Assads, da es an der Grenze zwischen beiden Ländern seit 1974 ruhig geblieben sei, ist absurd. Das belegen mindestens drei Fakten eindrücklich: Erstens das strategische Bündnis, das seit der »Islamischen Revolution« im Iran 1979 zwischen Teheran und Damaskus besteht und seit Mitte der 1980er Jahre auch die explizit als Widerstandsbewegung gegen Israel gegründete Hisbollah umfasst. Zweitens waren sowohl Hafis als auch Baschar Al-Assad niemals bereit, den von Israel besetzten Teil der Golanhöhen aufzugeben, der völkerrechtlich eindeutig zum syrischen Staat gehört, von Tel Aviv aber als strategisch unentbehrlich betrachtet wird. Drittens hat die syrische Regierung nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie auf einem Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge gemäß Resolution 194 der UN-Generalversammlung besteht. Dementsprechend erfuhren die in Syrien lebenden palästinensischen Flüchtlinge zwar im Vergleich zu anderen arabischen Ländern eine sehr gute Behandlung, eingebürgert wurden sie aber nicht. Die medizinische Behandlung oppositioneller Kämpfer aus Syrien in Israel, die Tatsache, dass sich israelische Luftangriffe nie gegen oppositionelle Milizen richteten sowie Berichte über eine zunehmende israelische Kontrolle über syrisches Territorium und den Aufbau von zivilen Projekten auf syrischem Staatsgebiet verdeutlichen das Interesse Tel Avivs an einem Regime-Change in Syrien.

Tel Aviv, Riad, Washington sowie ihre regionalen und internationalen Verbündeten hofften nach dem Eintritt der Hisbollah in den syrischen Krieg, diese werde aufgerieben und gemeinsam mit der syrischen Regierung untergehen. Im Gegensatz dazu ist die Hisbollah allerdings militärisch gestärkt worden. Mehr noch, sowohl der iranische als auch der russische und chinesische Einfluss in der Region haben stark zugenommen. Das gescheiterte Referendum über eine Unabhängigkeit des Israel und den USA zumindest vergleichsweise freundlich gesinnten »Irakisch-Kurdistan« sowie die Rücknahme des saudisch forcierten Rücktritts des libanesischen Ministerpräsidenten Saad Hariri zeugen von dieser neuen Ordnung ebenso wie die von Iran, Russland und der Türkei unter Zustimmung der Hisbollah initiierten Friedensgespräche von Astana und Sotschi.

Die Eskalation der militärischen Spannungen zwischen Israel und Syrien am Samstag kam nicht überraschend. Fast 100mal sollen israelische Kampfflugzeuge seit Beginn des Krieges in Syrien Ziele im Nachbarland bombardiert haben, meist ohne dass Tel Aviv dies offen zugegeben hätte. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu betont zwar regelmäßig, dass man alles tun werde, um eine Stärkung der Hisbollah zu unterbinden. Freimütig zur israelischen Urheberschaft bekannt haben sich aber nur einzelne, zumeist ehemalige israelische Militärs und Geheimdienstler.

In den ersten Jahren des Krieges war Tel Aviv bemüht, sich nicht in den Konflikt hineinziehen zu lassen. Man verließ sich darauf, dass die militärischen Angriffe, die sich in den allermeisten Fällen gegen Konvois der Hisbollah und teilweise auch der Iraner richteten, nicht beantwortet werden würden. Zugleich war deutlich, dass Israel an seiner seit dem Abzug aus dem Südlibanon im Jahr 2000 angewandten Taktik festhält, jeder in den eigenen Augen gefährlichen Näherung des Erzfeindes an die eigenen Grenzen zuvorzukommen.

Seit dem letzten Herbst aber ist ein deutlich verschärftes, qualitativ neues Vorgehen zu beobachten: Im September wurde erstmals eine syrische militärische Forschungseinrichtung bombardiert. Im Januar 2018 wurde die syrische Militärbasis Kutaifa nahe Damaskus beschossen – beide Angriffe erfolgten widerrechtlich aus dem libanesischen Luftraum. Tel Aviv fürchtet ob der verschobenen Machtverhältnisse in Syrien, dass sich sowohl der Iran als auch die Hisbollah im Nachbarland festsetzen und eine zweite Front gegen Israel eröffnen könnten.

Weder Damaskus noch die Hisbollah haben ein Interesse an einer neuerlichen militärischen Auseinandersetzung mit Israel. Seit Samstag aber ist klar: Israel kann nicht mehr davon ausgehen, dass Angriffe unbeantwortet bleiben. (wd)


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Die libanesische Hisbollah ist alles andere als eine Marionette ausländischer Mächte
    Wiebke Diehl