Aus: Ausgabe vom 05.02.2018, Seite 12 / Thema

Der verkannte Machtfaktor

Die Arbeiterklasse zwischen Mythos, Verleugnung und Realität

Von Werner Seppmann
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Betriebsabläufe stören. Die Veränderungen im Produktionsregime haben zwar vielerorts eine Entsolidarisierung mit sich gebracht, weil die Arbeiter besser gegeneinander ausgespielt werden können. Andererseits führen ­aufgrund einer ­engmaschigen Vernetzung der Produktionsprozesse schon geringfügige Eingriffe zu schmerzhaften Konsequenzen für das Kapital (Beschäftigte im Warnstreik, am 24. Januar im Seehafen Rostock)

»Das Industriesystem als die entscheidende Stütze materieller Produktion [ist] ein Machtzentrum der Gesellschaft. Immer noch gilt deshalb: Hat man im industriellen Sektor das Sagen, so hat man eine gesamtgesellschaftliche Schlüsselposition inne«. (Michael Schumann, Soziologe)

Immerhin sind die Zeiten vorbei, als selbst in linken Kreisen, wenn von der Arbeiterklasse gesprochen wurde, schnell die Frage auftauchte: »Ja gibt es die denn überhaupt noch?« Auch in dieser Hinsicht haben die Weltwirtschaftskrise sowie die gesellschaftlichen Polarisierungstendenzen für Klarheit gesorgt und die Entwicklung halbwegs realistischer Gesellschaftsbilder gefördert. Aber einen großen Verbreitungsgrad haben sie dennoch nicht erreicht, denn noch immer hält sich hartnäckig die Behauptung, die Arbeiterklasse sei, wenn schon nicht verschwunden, dann zumindest einem rasanten Bedeutungsverlust unterworfen, weil die kapitalistischen Metropolenländer sich von Industrienationen zu »postindustriellen Gesellschaften« gewandelt hätten. Zentral ist die These, dass die in der materiellen Produktion Beschäftigten zu einer Minderheit in der Arbeitswelt geschrumpft und Wirtschafts- und Sozialgeschehen nicht länger durch die industrielle Produktion, sondern vorrangig durch Dienstleistung, Kommunikation und Informatisierung geprägt seien.

Wer jedoch mit offenen Augen durch die Welt läuft, wird schnell feststellen, dass viele Annahmen des Postindustriealisierungstheorems einer Überprüfung nicht standhalten, denn es ist kaum zu übersehen, dass der materielle Produktionssektor in den Arbeitsgesellschaften der Metropolen zentrale Bedeutung besitzt, auch wenn die schwerindustriellen Segmente »abgeschmolzen« sind. Aber dennoch verdoppelt sich der globale Rohstoffverbrauch. In den meisten Fällen im Zehn-Jahres-Rhythmus.

Schon ein einziges Indiz ist geeignet, das Postindustrialisierungskonstrukt ins Wanken zu bringen: nämlich die Zahl der Lkw, die alleine in Europa im Einsatz sind. Es gibt auf dem Kontinent 700 Millionen Einwohner und 30 Millionen Lkw. Es entfällt also statistisch auf 23 Europäer ein Lkw, der meist Tag und Nacht unterwegs ist. Die Kleinlaster sowie der Schiffs-, Flugzeug- und Eisenbahntransport sind dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Strukturwandel der Klasse

Die zentrale Bedeutung der materiellen Produktion ändert indes nichts an der Tatsache, dass die Arbeiterklasse zahlenmäßig geschrumpft ist. Aber selbst nach den fragwürdigen Maßstäben der herrschenden Sozialstatistik, stellt sie mit knapp zehn Millionen Beschäftigten in der Bundesrepublik immer noch einen beträchtlichen »sozialen Block«. In den gleichen Statistiken ist auch davon die Rede, dass sich der Produzentenanteil an der Gesamtheit der abhängig Arbeitenden zugunsten von »Beschäftigten im Dienstleistungsbereich« reduziert habe und deshalb von einer Dienstleistungsgesellschaft gesprochen werden müsse. Doch auch diese Sichtweise hat nicht viel mit der Realität zu tun, weil viele Tätigkeiten, die heute statistisch mit dem Begriff »Dienstleistung« belegt werden, fraglos dem Produktionssektor zuzurechnen sind, denn der »ausgelagerte« und bei einer Dienstleistungsfirma beschäftigte Lagerarbeiter übt weiter eine produktionsbezogene Tätigkeit aus. Werden die Vorgänge im Kontext betrachtet, wird jedenfalls schnell deutlich, »dass so manche Verschiebung vom Industriellen- zum Dienstleistungssektor lediglich eine neue Namensgebung für im wesentlichen ähnliche Tätigkeiten darstellt«.¹

Die Statistik verrät auch nicht, wie elementar sich der Bedeutungsgehalt des »Dienstleistung«-Begriffs gewandelt hat. Er wird auf der Grundlage der arbeitsorganisatorischen Veränderungen eben nicht nur für planende, verwaltende, programmierende, vermittelnde und organisatorische Tätigkeiten verwandt, wie es traditionell der Fall war. »Dienstleistung« kann deshalb nicht umstandslos mit »immaterieller Arbeit« gleichgesetzt werden, weil es sich in vielen Fällen mittlerweile um Tätigkeiten handelt, die funktional den produktiven Kernprozessen zugeordnet sind. Das ist bei der Rohstoff- und Zulieferungslogistik der Fall, oder wenn der als »Dienstleister« kategorisierte Vertragsarbeiter beim Zusammenschrauben von Motorenteilen eingesetzt wird. Er übt also den sozialstatistischen Zerrbildern zum Trotz eine »produktionsbezogene Wirtschaftstätigkeit« aus, die »in typisch entwickelten Ländern immer noch mittel- und unmittelbar etwa zwei Drittel aller Arbeitsplätze« umfasst, »trotz allen Geredes von einer postindustriellen Gesellschaft«.²

Immaterielle oder produktive Arbeit?

Auch die Zunahme tatsächlicher Dienstleistungen, also die Erhöhung des Anteils diverser Formen »geistiger« und organisatorischer Arbeit, sowie das Anwachsen der »technischen Intelligenz« rechtfertigte zu keinem Zeitpunkt die Rede vom Beginn eines »postindustriellen Zeitalters«, denn diese Entwicklungen fanden innerhalb des Industriesystems statt und stellen eine wesentliche Bedingung seiner Fortexistenz dar. Die Verschiebungen zwischen den Beschäftigungs- und Qualifikationsgruppen haben wenig an der zentralen Bedeutung produktionsbezogener Lohnarbeit – also den industriellen Vorgängen einer Umformung des Naturstoffs – geändert.

Während die Zahl der unmittelbaren Produktionsarbeiter tatsächlich abgenommen hat (wer im Rückgang der Beschäftigten im ölverschmierten Arbeitskittel ein »Absterben der Arbeiterklasse« sieht, kann gleichwohl beruhigt sein, denn auch die gibt es noch zur Genüge), ist die Zahl der ihnen zugeordneten produktiven Arbeiter in den der materiellen Produktion zugehörigen »Randbereichen« beträchtlich angewachsen. In einem jener immer wieder erstaunlichen Sätze, mit denen Marx Entwicklungen anspricht, die sich zu seiner Zeit bestenfalls schemenhaft abzeichneten und deren Bedeutung erst ein Jahrhundert später vollständig deutlich wurde, verweist er darauf, dass sich »mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst (…) notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers des produktiven Arbeiters« erweitert. »Um produktiv zu arbeiten ist nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine Unterfunktion zu vollziehen«.³ Die Zunahme der vermittelnden (heute in der Regel mikroelektronisch bzw. kommunikationstechnologisch unterstützten) Tätigkeiten ist also nicht Ausdruck einer Abnahme der produktiven Arbeit, sondern eines Wandels ihrer Organisationsformen.

Wie immer man den Stellenwert einer sogenannten immateriellen Arbeit einschätzen mag: Sie führt keine selbständige Existenz, sondern ist in ihrem Kern der materiellen Produktion, als dem dominierenden Sektor, zugeordnet: »Die Verwandlung von Dienstleistungen in materielle Produkte« ist »die vorherrschende Tendenz«.⁴ Es gehört jedenfalls viel weltfremde »Phantasie« dazu, vom Verschwinden der Arbeiterklasse zu reden, oder, wie die »Multitude«-Theoretiker Michael Hardt und Toni Negri, gar zu behaupten, dass die Frauen und Männer in den Fabriken politisch bedeutungslos geworden seien. Fraglos hat es tiefgreifende Veränderungen in der Arbeitswelt gegeben, und es hat sich, teilweise in gravierender Weise, auch die Zusammensetzung der Arbeiterklasse verändert. Aber diese Transformationen haben aufgrund gewandelter Verwertungsstrategien des Kapitals (und eben nicht bloß als Ausdruck wertfrei verstandener »technologischer Innovationen«) und im Rahmen ­industriekapitalistischer Strukturen stattgefunden.

Existentielle Unsicherheit

Es ist für das Verständnis des Formationscharakters des Gegenwartskapitalismus aufschlussreich, dass es bei den traditionellen Merkmalen der Lohnabhängigenexistenz nicht nur eine hohe Konstanz, sondern auch sozialpolitische Tendenzen des Rückschritts gibt. Jenes Viertel der Lohnabhängigen, das in prekären Arbeitsverhältnissen steht, ist Ausdruck der Verbreitung von Widerspruchsformen, die schon als überwunden galten. Sie sind Beleg dafür, dass die »Unsicherheit der Lebensstellung« immer noch das prägende Merkmal für fast alle Menschen ist, die nur vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben, was sie schließlich »zu Proletariern macht«.⁵

Solche existentielle Unsicherheit ist auch zentrales Charakteristikum der digitalen Tagelöhner, den sogenannten Clickworkern, die nur nach Aufgabenanfall beschäftigt werden. Dieses neue Modell durch das Internet organisierter prekärer Arbeit nimmt einen größer werdenden Platz in der kapitalistischen Arbeitswelt ein und dient dazu, auch qualifizierte Lohnarbeiter weltweit gegeneinander auszuspielen.

Trotz vieler arbeitsorganisatorischer Veränderungen ist das Industriesystem vor allem in seinen Negativaspekten erstaunlich konstant geblieben. Arbeitsbelastung, Leistungsdruck und Reglementierung haben sich durch die Ausdehnung der hochtechnologischen Bereiche sogar verstärkt. Auch hinsichtlich der »klassischen« Belastungsformen haben die Arbeitsverhältnisse immer noch einen traditionell industriegesellschaftlichen Charakter: Ein Viertel aller Beschäftigten muss schwere Lasten tragen und heben, knapp 15 Prozent müssen in Zwangshaltungen (z. B. durch Überkopf-Arbeit) ihre Tätigkeiten ausüben, und 24 Prozent sind an ihrem Arbeitsplatz starker Lärmbelästigung ausgesetzt. Dort, wo traditionelle Belastungen tatsächlich abgebaut wurden, geschieht das nicht selten um den Preis einer Intensivierung der Arbeit, höheren Leistungsdrucks und der Zunahme psychischer Belastungsmomente.

Es gibt in den Spitzenbereichen des Industriesystems zwar Segmente mit vergrößerter Eigenverantwortung der Beschäftigten, jedoch hat das mit »selbstbestimmtem Arbeiten« nichts zu tun, denn in ihrer Grundtendenz ist die Arbeitswelt weiterhin dirigistisch organisiert, bestimmt das Verwertungsinteresse des Kapitals, wie intensiv und unter welchen Rahmenbedingungen gearbeitet wird. Vor allem auch die mittlerweile mikroelektronisch gesteuerte Maschine ist »nicht nur ein Arbeitsmittel, sondern zugleich ein Beherrschungs- und Ausbeutungsmittel«.⁶ Von diesem zentralen Aspekt aber lenken Science-Fiction-Phantasien ab: Nicht die Roboter übernehmen die Herrschaft, sondern die kontrollierende Macht des Management verstärkt sich.⁷ Digitalisierung führt zwar zu größerer »Transparenz« – nicht aber für die Lohnabhängigen.

Durch den verstärkten Einsatz des Computers hat sich ein »System permanenter Bewährung«⁸ etabliert, weil keine Nachlässigkeit und kein »Leistungstief« mehr unbemerkt bleiben und permanent die einzelnen Beschäftigen miteinander verglichen werden, um sie auf Grundlage dieser Vergleiche zu »selektieren«. Grundsätzlich bieten die IT-Technologien fast unbegrenzte Möglichkeiten, jede Regung und jeden Handgriff der Beschäftigten zu erfassen. Typischer als die Informatikertätigkeit ist für die »digitalisierte Arbeitswelt« die elektronische Lenkung und Kontrolle von Lagerarbeitern, die einen Computer am Körper tragen, der ihnen jeden Arbeitsschritt vorschreibt und auch ihren »Arbeitseifer« misst.

Dequalifizierung der Arbeit

Zu betonen ist auch, dass die »Digitalisierung an sich kein bisschen dazu beiträgt, eine Ware schneller oder mit weniger Aufwand herzustellen. Sie führt lediglich dazu, dass mehr Abläufe und Sachverhalte in Daten nachvollziehbar sind.«⁹ Oft wird dabei auch das Produzentenwissen gespeichert, um es weniger qualifizierten (und billigeren) Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen. Seine aktuellen Einsatzvarianten bestätigen die schon jahrzehntealte Charakterisierung des Computers durch den Kybernetik-Pionier Norbert Wiener als »Kommando- und Kontrolltechnologie«.

Computereinsatz im Arbeitsleben bedeutet, dass alle relevanten betrieblichen Abläufe in einer so umfassenden Weise beschleunigt, reglementiert und überwacht werden, wie es in der Vergangenheit selbst durch das Fließband nicht möglich war. »Der Computer« ist damit zu einem zentralen Instrument des Klassenkampfes im Rahmen des beständigen Bestrebens des Kapitals nach einer Intensivierung der Ausbeutung geworden.

Es kann auch nicht von einem prinzipiellen Qualifizierungsschub als Konsequenz der Computerisierung ausgegangen werden. Es zeichnet sich ab, dass durch die Digitalisierung die Spaltungslinien in der Arbeitswelt, die es ja heute schon zwischen den Stammbelegschaften und den prekär Beschäftigen gibt, immer deutlicher werden. Zwar werden neue Arbeitsplätze mit hohen Qualifikationsanforderungen entstehen. Aber die sind auch in den letzten Jahrzehnten nur für eine, wenn auch umfangreiche Minderheit entstanden. Tatsächlich hat heute so mancher Produktionsarbeiter bei VW und Bosch das Qualifikationsniveau eines Technikers. Aber die High-Tech-Bereiche sind von sogenannter einfacher Arbeit (beispielsweise von den Zulieferern) umstellt.

In der Regel erfordert der Computereinsatz in der Arbeitswelt weniger Informatikerkenntnisse, als vielmehr Bedienungsfähigkeiten. Qualifizierte Informatiker werden wohl auch zukünftig in der Minderheit bleiben. Charakteristischer für die »digitalisierte Arbeitswelt« dürften die Callcenter, also jene modernen »Schwitzbuden« mit umfassender Reglementierung, Überwachung und einem auf die Spitze getriebenen Leistungsdruck, bleiben, in denen gegenwärtig alleine über eine halbe Million Menschen beschäftigt sind.

Homogenität der Arbeiterklasse?

Durch die bestehenden und neu sich entwickelnden Spaltungslinien in der Arbeitswelt werden alle Vorstellungen über die Arbeiterklasse als homogener Sozialblock in Frage gestellt. Aber sie entsprachen ohnehin nie dem Verständnis der Klassenverhältnisse bei Marx und Engels. Von konstitutiver Bedeutung war für sie die Erkenntnis, dass die Lohnarbeiter auch untereinander in einem Konkurrenzverhältnis stehen und es deshalb politischer Organisationen zur »Neutralisierung« der faktischen Spaltungseffekte durch ihre unterschiedlichen Arbeits- und Lebensverhältnisse bedarf. Soll die Arbeiterklasse zum Handlungssubjekt werden, muss der Zustand einer durch »Konkurrenz zersplitterten Masse« ¹⁰ überwunden werden.

Voraussetzung einer dieser Aufgabe angemessenen Aufklärungs- und Organisationsarbeit ist ein entwickelter Begriff von den Differenzierungsformen der Arbeiterklasse, wie er schon von Engels in seiner Untersuchung über »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« gefordert wurde. Er spricht von den »Sektionen« und den »Klassen« des Proletariats und mahnt an, zwischen den Fabrikarbeitern sowie den in handwerklichen Kleinbetrieben Beschäftigten zu differenzieren und auch die Spezifik der Lebenslagen des städtischen und ländlichen Proletariats nicht unberücksichtigt zu lassen. Ebenfalls weist er auf die ethnischen Differenzen zwischen den Arbeitern englischer und irischer Abstammung als Trennungsmomente hin.¹¹ Später hat Marx in Hinblick auf diese Konfliktlinien sogar von einer in »zwei feindliche Lager gespaltenen« Arbeiterklasse in Großbritannien gesprochen.¹²

Trennungslinien innerhalb der Arbeiterklasse und deren Reflexion im Marxismus haben also schon eine lange Tradition. Es hat innerhalb der proletarischen Klassenformation eine beständige Auf- und Abwärtsbewegung zwischen Differenzierung und Homogenisierung gegeben. Gegenwärtig kommt den Momenten der Fragmentarisierung, Spaltung und Separierung wieder besondere Bedeutung zu, die eine Einsicht in gemeinsame Interessen erschweren.¹³

Grundlegende Widerspruchserfahrung

Überwunden werden können die ideologischen Desorientierungen immer noch am besten durch politische Organisations- und Selbstbewusstwerdungsprozesse innerhalb der Arbeitswelt. Nicht zuletzt, weil im Betrieb die gesellschaftlichen Widersprüche unmittelbar und mit besonderer Intensität erfahren werden. Denn die Arbeiterklasse als Produzentin des Mehrwerts ist dem permanenten Bestreben einer Erhöhung der Ausbeutungsrate von seiten des Kapitals ausgesetzt. Dessen Dauerattacke äußert sie sich heute in einem beständigen Prozess betrieblicher »Umstrukturierungen«, die von den Beschäftigten als permanente Bedrohung erfahren werden. Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist Bestandteil und oft eine auf die Spitze getriebene Äußerungsform dieses Strebens nach einer Intensivierung der Ausbeutung.

Diese belastenden und verunsichernden Umwälzungen finden nach wie vor ihren Ausdruck in Gesellschaftsbildern der Lohnabhängigen, die konfliktorientiert sind und auch einen latenten Antikapitalismus einschließen.¹⁴ Viele neuere Untersuchungen belegen, dass sich ein Lohnarbeiterbewusstsein erhalten hat, »dessen Konturen nach wie vor ganz traditionell durch die Interessenwidersprüche von Kapital und Arbeit geprägt sind«¹⁵, so dass die Theorien über eine bruchlose Integration der Arbeiterklasse in die bürgerliche Gesellschaft Lügen gestraft werden. Dass die Verarbeitungsformen der Widerspruchserfahrungen dennoch nicht der Intensität der sozialen Konflikte entsprechen, ist Ausdruck der Tatsache, dass Klassenbewusstsein nur das Produkt organisierter Selbstaufklärung der Arbeiterklasse auf der Grundlage ihrer prinzipiell kollektiven Existenzgrundlagen sein kann. Dieser Problemkomplex steht im Mittelpunkt der marxistischen Klassentheorie. Sie fragt danach, unter welchen Bedingungen sich ein angemessenes Bewusstsein der eigenen Soziallage und über die eigenen Interessen entwickeln kann. Trotz der eine Bewusstseinsprofilierung erschwerenden Veränderungen in der Arbeitswelt bieten die großen Betriebe immer noch die besten Voraussetzungen dafür, auch wenn es durch arbeitsorganisatorische Veränderungen und eine Bedeutungszunahme mikroelektronischer Vermittlungsstrukturen neue Vereinzelungs- und Isolationstendenzen gibt. Nicht mehr selbstverständlich ist beispielsweise der persönliche Kontakt mit den Kollegen, mit denen man gemeinsam an einer Aufgabe arbeitet. Auch wenn sich durch vielfältige Rationalisierungsschübe und Auslagerungen die Belegschaften verkleinert haben, sind die größeren Betriebseinheiten immer noch von besonderer Bedeutung. Eine abnehmende Größe der Betriebseinheiten ist für die politische Sozialisation und die Organisationsfähigkeit der Lohnabhängigen weniger bedeutsam als die Qualität und Nachdrücklichkeit der Interessenartikulation, die Tradition (oder eben auch die fehlende Kontinuität) der Klassenkämpfe und die aus diesen Erfahrungen resultierenden Bewusstseins- und Handlungsdispositionen der Belegschaften. Auch große Teile einer jenseits der industriellen Kernbeschäftigung angesiedelten Lohnabhängigenklasse in den Vorsorgebereichen, den Logistik- und Personentransportunternehmen oder im Gesundheitssystem sind aufgrund ihrer kollektiven Arbeitssituation in größeren Betriebseinheiten strukturell handlungsfähig.

Neue Handlungsperspektiven

Trotz der aktuellen Digitalisierunginitiativen mit ihren Überwachungs- und Entsolidarisierungsaspekten lässt sich nicht grundsätzlich davon ausgehen, dass das strukturelle Handlungspotential der Arbeiterklasse verschwunden wäre. Es gibt zwar viele Entwicklungen, in deren Folge traditionelle Organisations- und Politisierungsvorstellungen vor eine Bewährungsprobe gestellt sind, beispielsweise weil die Beschäftigten immer intensiver gegeneinander ausgespielt werden können. Aber gleichzeitig ist durch die zunehmende Vernetzung der kapitalistische Produktions- und Reproduktionsprozess störanfälliger geworden. So könnten relativ geringfügige Eingriffe in die elektronischen Kommunikations- und Steuerungssysteme zu weitreichenden, für das Kapital schmerzliche Konsequenzen führen. Es kann allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass in den Führungsetagen der Gewerkschaften oder der organisierten Linken ein Bewusstsein über diese neuen Einflussmöglichkeiten (schon) vorhanden wäre.

Anmerkungen

1 Ch. Harman: Workers of the World. Die Arbeiterklasse im 21. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2003, S. 10

2 Th. Weiß: Dienstleistung und Globalisierung, in: Bundesarbeitsblatt, Nr. 2, 2002, S. 18

3 MEW, Bd. 23, S. 531

4 U. Huws: »Der Mythos der Weigtless economy«, in: Das Argument 238, H. 5/6, 2000, S. 648

5 MEW, Bd. 2, S. 344

6 MEW, Bd. 23, S. 674

7 Vgl.: P. Brödner: Industrie 4.0 und Big Data. Zwische Hype und Horror, Bergkamen 2016

8 A. Boes/A. Bultemeier: Informatisierung – Unsicherheit – Kontrolle, in: K. Dröge u. a., Die Rückkehr der Leistungsfrage, Berlin 2008, S. 69

9 M. M. Becker: Automatisierung und Ausbeutung. Was wird aus der Arbeit im Digitalen Kapitalismus?, Wien 2017, S. 31

10 MEW, Bd. 4, S. 470

11 Vgl.: MEW, Bd. 2, S. 320

12 MEW, Bd. 32, S. 668 f.

13 Vgl. W. Seppmann: Ausgrenzung und Herrschaft. Prekarisierung als Klassenfrage, Hamburg 2013

14 Vgl.: W. Seppmann: Die verleugnete Klasse. Zur Arbeiterklasse heute, Berlin 2011

15 M. Schumann: Metamorphosen von Industriearbeit und Arbeiterbewusstsein, Hamburg 2003, S. 102; vgl. auch: K. Dörre/A. Happ/I. Matuscheck (Hg.), Das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen. Soziologische Untersuchungen in ost- und westdeutschen Industriebetrieben, Hamburg 2013

Im Mangroven Verlag Kassel ist soeben der erste Band einer sechsbändigen Werkausgabe mit klassenanalytischen Arbeiten von Werner Seppmann erschienen: »Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I«, ca. 220 Seiten, 17 Euro.

Als weitere Bände sind geplant: »Die Aktualität der Klassenfrage«, »Krise und Widerstand«, »Die verleugnete Klasse. Zur Arbeiterklasse heute«, »Kapitalismus und Computer. Die Digitalisierung der Arbeitswelt« und »Methodenfragen der Klassenanalyse«. (www.mangroven-verlag.de)

Veranstaltung mit Werner Seppmann zum Buch »Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I« am Dienstag, den 13. Februar 2018, in der jW-Ladengelerie, Torstraße 6, 10119 Berlin. ­Beginn ist um 19 Uhr. Um Anmeldung unter mm@jungewelt.de oder 030/53 63 55 56 wird gebeten.


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