Aus: Ausgabe vom 03.02.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kriegskalkül

Von Arnold Schölzel

In der Welt lieferten sich in der vergangenen Woche der Korrespondent des Springer-Blattes Richard Herzinger und der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki einen Schlagabtausch. Am Montag hatte Herzinger in der Druckausgabe der Zeitung unter dem Titel »Putins Türöffner« die »westlichen Demokratien« vor dem Mann im Kreml und Russland überhaupt gewarnt: »Mafiastaat«, »Nemesis der liberalen Demokratie in Europa«, ein »Neoimperialismus«, der »unter Putin massiv militärisch aufrüstet und immense Mittel zur Korrumpierung westlicher Eliten aufwendet«. Das war alles etwas langweilig, auch die aktuellen Zusätze: Putin sei ein politischer Führer, »der Teile eines europäischen Landes besetzen ließ, in Syrien einen mörderischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung führt und seine Geheimdienste auf die Zerstörung westlicher demokratischer Institutionen angesetzt hat«. Der Welt-Autor darf darauf vertrauen, dass der gesammelte Unfug hierzulande für bare Münze genommen wird. Der vom Westen finanzierte und von Faschisten getragene Putsch in der Ukraine 2014, gegen den sich Krim und Ostukraine erhoben, fand den Mainstreammedien nach faktisch nie statt. Der vom Westen und seinen Verbündeten am Golf zwecks Regime-Change angeheizte Krieg der Kopfabschneiderbanden in Syrien gilt selbst bei der Kovorsitzenden der Linkspartei Katja Kipping als »Revolution«, das militärische Eingreifen Russlands folgerichtig als Hauptursache aller Leiden der Bevölkerung. Herzingers Verschwörungstheorie von der »Zerstörung« der westlichen Demokratien durch russische Geheimdienstler schließlich steht in der Tradition faschistisch-antibolschewistischer und bundesdeutscher Kalter-Kriegs-Hetze. Herzingers Hauptsorge richtet sich dabei weniger auf die eigenen Halluzinationen als vielmehr auf die Gefahr »von innen«: »Sie geht von der Erosion grundlegender liberaler Werte und Normen in den westlichen Demokratien selbst aus, die diese für die Verlockungen des Putinschen gesellschaftlichen Gegenentwurfs empfänglich macht.« Defätisten, wenn nicht Schlimmeres, sind für den Welt-Kommentator in diesem Text der stellvertretende FDP-Vorsitzende Wolfgang Kubicki (»ein ungenierter Apologet des Kreml«) und Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz, dessen Koalitionspartner FPÖ nichts anderes sei »als eine Agentur der russischen Autokratie«. Herzinger hört ähnlich wie die Kameraden von der offen rassistischen Antiislamfront das Totenglöckchen der »westlichen Demokratien« läuten. Er raunt, »ob sie überleben, hängt davon ab, inwieweit sie die Dimension dieser Herausforderung erkennen und sich der Gefahr widersetzen können«.

75 Jahre nach dem Sieg der Roten Armee in Stalingrad, wo nach den Worten des Oberkommandos der Wehrmacht eine »europäische« Armee untergegangen war, ist das ein Wort zu rechten Zeit. Der NATO-Vormarsch Richtung Osten entlang der alten Angriffstrassen der Wehrmacht läuft, das US-Raketenabwehrsystem in Europa gegen Russland wird 2018 komplettiert, Donald Trump ruft nach mehr Atomwaffen.

Herzingers Unbehagen gilt aber allein der Tatsache, dass die Beziehungen des Westens zu Russland nicht völlig tot sind: Kubicki und Kurz stellen z. B. (wie am Montag die ostdeutschen Ministerpräsidenten) die Sanktionen in Frage. Der FDP-Politiker antwortete dem Journalisten am 1. Februar auf Welt online und fragte richtig: »Wollen wir Putin mit Waffengewalt drohen?« Was er offenbar für eine rhetorische Frage hält bzw. nicht zu denken wagt, beantworten Herzinger und die, die in NATO, Berlin, Washington etc. in seinem Sinn aufrüsten, längst mit Ja. Ein Krieg gegen Russland, wann auch immer, ist Teil ihres Kalküls. Sich den Herzingers und seinesgleichen zu widersetzen ist eine Überlebensfrage. Ein Stalingrad reicht ihnen nicht.

Kubicki antwortete am 1. Februar auf Welt online und fragte richtig: »Wollen wir Putin mit Waffengewalt drohen?« Der FDP-Politiker hält das offenbar für eine rhetorische Frage.


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