Aus: Ausgabe vom 03.02.2018, Seite 15 / Geschichte

Brauner Intrigantenstadl

Im Februar 1938 nutzte Adolf Hitler die Gunst der Stunde, um die Wehrmachtsführung nach seinen Maßgaben umzubauen

Von Reiner Zilkenat
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Bei den Herbstmanövern im September 1935 in Celle herrschte noch Eintracht – Werner von Blomberg, Werner Freiherr von Fritsch und Adolf Hitler (v.l.n.r.)

Am 12. Januar 1938 fand im Großen Saal des Kriegsministeriums in der Bendlerstraße in Berlin eine für diesen Ort ungewöhnliche Zeremonie statt. Der Reichskriegsminister, Generalfeldmarschall Werner von Blomberg, und die Stenotypistin Eva Gruhn wurden dort standesamtlich getraut. Als Trauzeugen fungierten Adolf Hitler und Generaloberst Hermann Göring, Reichsluftfahrtminister und nach Hitler »der zweite Mann« im faschistischen Deutschland.

Ungewöhnlich war auch der Altersunterschied zwischen dem fast sechzigjährigen Witwer und der vierundzwanzigjährigen Frau. Beruf und Herkunft der Braut, deren Vater als Gärtner und deren Mutter als Putzfrau und Masseurin tätig waren, boten dem Offizierskorps der Wehrmacht zwar Anlass für allgemeines Naserümpfen, aber schließlich hatte ja Hitler persönlich die Heirat genehmigt. Diese weitete sich jedoch zu einem handfesten Skandal mit weitreichenden politischen Folgen aus.

Gerüchteküche

Gerüchte über das »Vorleben« von Eva Gruhn hatte es bereits kurz nach der Bekanntgabe der bevorstehenden Hochzeit gegeben. Sie habe als Prostituierte gearbeitet, sei wegen Diebstahls vorbestraft und die Massagepraxis ihrer Mutter sei in Wahrheit ein Bordell gewesen. Als merkwürdig galt zudem, dass die Eheleute keine kirchliche Trauung beabsichtigten. Dies war ansonsten für Offiziere Pflicht. Nun wurde zudem verbreitet, ehemalige »Kolleginnen« der Braut hätten telefonisch ihre Glückwünsche zum unverhofften sozialen Aufstieg übermittelt – aus einschlägig bekannten »Etablissements«. Kurzum: Die Reputation des Kriegsministers stand auf dem Spiel.

Hinter dem Rücken von Blombergs agierten unter anderem der Berliner Polizeipräsident, Graf von Helldorff, der Chef des Sicherheitsdienstes (SD) der SS, Reinhard Heydrich, und die Gestapo. Sie stellten Dossiers über das »Vorleben« Gruhns zusammen und antichambrierten bei Hitler, damit dieser den Kriegsminister zum Rücktritt veranlasse.

Der Nazi-»Führer« bedachte bei der Beurteilung der Situation zweierlei: Einerseits hatte der seit dem 30. Januar 1933 im Amt befindliche von Blomberg, Träger des goldenen Parteiabzeichens der NSDAP, entscheidend dazu beigetragen, die Streitkräfte vollständig in das faschistische Herrschaftssystem zu integrieren. So hatte er jüdische Offiziere entlassen und nach dem Tod von Reichspräsident Paul von Hindenburg am 2. August 1934 veranlasst, dass alle Reichswehrangehörigen Hitler persönlich den Treueid schwören mussten. Seine guten Beziehungen zu Hitler datierten noch aus der Endphase der Weimarer Republik, als er Befehlshaber der Reichswehr im Wehrbezirk Ostpreußen war. Andererseits hatte von Blomberg am 5. November 1937 bei einem Treffen mit Spitzenmilitärs den von Hitler vorgelegten Plänen für einen in naher Zukunft auszulösenden Angriffskrieg zwar grundsätzlich zugestimmt, aber zahlreiche Einwände formuliert, die auf die Notwendigkeit einer längerfristigen militärischen Vorbereitung hinwiesen. Wenn sich der Generalfeldmarschall nun zur Demission gezwungen sähe, könnte dann Hitler nicht auch dessen Funktion als Chef der Streitkräfte übernehmen?

Am 27. Januar 1938 erfolgte schließlich die Entlassung von Blombergs. Zuletzt hatten sich immer mehr Generäle gegen ihn gewandt. Hitler hatte ihm noch das Versprechen abgerungen, wegen seiner »verletzten Offiziers­ehre« keinen Selbstmord zu begehen, um öffentliches Aufsehen zu vermeiden.

Zeitgleich kam es zu einem weiteren Skandal. Gegen den Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, wurden Vorwürfe laut, er habe gegen den Paragraphen 175 des Nazistrafgesetzbuches verstoßen und homosexuelle Beziehungen unterhalten. Die Beschuldigungen wurden im Zusammenhang mit der Neubesetzung des Kriegsministerpostens erhoben. Ein älteres Dossier, das einen derartigen Verdacht beinhaltete, tauchte nun auf. Reinhard Heydrich hatte es zwei Jahre zuvor in Verwahrung genommen. Als »Belastungszeuge« wurde von der Gestapo ein gewisser Otto Schmidt namhaft gemacht. Schmidt war bereits seit längerer Zeit polizeibekannt. Unter anderem war er wegen Betruges und der Erpressung ihm bekannter Homosexueller aufgefallen. Auch als Polizeispitzel war er wiederholt tätig.

Schmidt behauptete nun gegenüber SS-Standartenführer Werner Best und Göring jüngst einen »Herrn von Fritsch« erpresst zu haben, den er beim Geschlechtsverkehr mit einem Mann in der Nähe des Bahnhofs Wannsee beobachtet habe. Fritsch habe ihm am nächsten Tag 500 Mark Schweigegeld übergeben. Die Gestapo und Göring verlangten nun die Gegenüberstellung des »Belastungszeugen« mit General von Fritsch in Anwesenheit Hitlers, der vom Generaloberst dessen Ehrenwort bekommen hatte, mit dem ominösen »Herrn von Fritsch« nicht identisch zu sein.

Geschmierter Zeuge

So kam es in der Reichskanzlei am 26. Januar 1938 zu einer abstrusen Szene. Otto Schmidt betrat den Raum und rief, auf den Oberbefehlshaber des Heeres deutend: »Ja, das ist er, das ist er!« Er hatte seine Rolle perfekt gespielt. Denn er konnte den Generalobersten gar nicht wiedererkannt haben, da es sich bei der von ihm erpressten Person um einen Rittmeister a. D. von Fritsch handelte, der keinerlei Ähnlichkeiten mit Werner von Fritsch aufwies. Später wurde bekannt, dass angeblich Geld von Seiten der Gestapo geflossen sein soll, um von Schmidt die »richtige« Aussage zu erhalten.

Nur wenige Tage nach der Entlassung von Blombergs, am 4. Februar 1938, wurde Werner von Fritschs »Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen« bekanntgegeben. Doch die Anschuldigungen gegen ihn ließen sich nicht aufrechterhalten. Am 18. März 1938 wurde der Generaloberst durch das unter Görings Vorsitz tagende Reichskriegsgericht von allen »Anklagepunkten« freigesprochen. Eine Rückkehr in seine Funktion als Oberbefehlshaber des Heeres wurde jedoch nicht erwogen, zumal Hitler nicht vergessen hatte, dass von Fritsch ebenso wie von Blomberg am 5. November 1937 seine Kriegsplanungen als verfrüht kritisiert hatte.

Nach der Entlassung der beiden Generäle war die Bahn frei für die Umstrukturierung der Wehrmachtsführung. Das Kriegsministerium wurde abgeschafft, die Kompetenzen des Ministers übernahm weitgehend Hitler persönlich. Ihm zur Seite stand das neu geschaffene Oberkommando der Wehrmacht (OKW) unter der Leitung des Generals der Artillerie Wilhelm Keitel. Neuer Oberbefehlshaber des Heeres wurde Generaloberst Walther von Brauchitsch. Beide waren überzeugte Faschisten, die bedingungslos halfen die späteren Aggressionskriege vorzubereiten.

»Die Ereignisse des 4. Februar (Schaffung des OKW; R. Z.) sind für das deutsche Volk äußerst alarmierend. (…) Die Hitler-Regierung bereitet unmittelbar neue Kriegsaktionen vor. Sie sucht einen Ausweg aus den wachsenden Schwierigkeiten und der Massenunzufriedenheit gegen das faschistische Regime im Lande durch Kriegsabenteuer nach außen. Die faschistische Kriegspartei sucht alle im Staatsapparat noch vorhandenen Hemmungen gegen ihre abenteuerliche Kriegspolitik zu beseitigen. Hitler und Göring übernehmen selbst die Führung der Kriegsmaschine. (…) Auch aus militärischen Kreisen kam in den letzten Monaten die Warnung, dass es ein Wahnsinn sei, Deutschland an der Seite solcher wirtschaftlich schwachen Länder wie Italien und Japan in den Krieg gegen die gewaltige Übermacht der demokratischen Staaten und der Sowjetunion in eine Niederlage zu führen. (…) In tiefer Sorge um das Schicksal unserer Heimat und unseres Volkes erheben wir, die KPD, unseren warnenden Ruf: Wenn wir nicht alle mit vereinten Kräften den Kriegsbrandstiftern Hitler und Göring in den Arm fallen, dann wird unser Land morgen durch Krieg verwüstet werden.«

Erklärung des Zentralkomitees der KPD, Dokumente zur deutschen Geschichte 1936–1939, Berlin (DDR) 1977, Dok. 51, S. 69


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