Aus: Ausgabe vom 02.02.2018, Seite 5 / Inland

Aldi-Allee im Lidl-Kiez

Discounter bauen in Berlin Sozialwohnungen. Gefördert vom Senat

Von Simon Zeise
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Nur Reklame oder schon ein Ortsschild? Discounter könnten künftig den Kiez unter sich ausmachen

Es fehlen Wohnungen in Berlin. Eine Marktlücke für private Konzerne. Nicht nur aus der Baubranche. Auch der Discounter Aldi-Nord ist auf den Trichter gekommen. Am Mittwoch kündigte das Unternehmen in der Hauptstadt an, 2.000 Wohnungen zu bauen.

Die Räume sollen zum Einkaufen animieren. An 30 Standorten des Einzelhändlers, auf denen bisher eingeschossige Filialen des Discounters samt zahlreicher Parkplätze stehen, soll aufgestockt werden. Auch Sozialwohnungen sollen darunter sein. Insgesamt soll die Miete zehn Euro pro Quadratmeter nicht übersteigen.

Ganz uneigennützig geht Aldi dabei nicht vor. Die strategische Neuausrichtung des Konzerns sieht größere Frischetheken vor. Für die brauchen die Läden mehr Verkaufsfläche. Die muss sich der Konzern genehmigen lassen. Die angekündigte Bauoffensive könnte nachhelfen. Die Bausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) sagte der Berliner Zeitung (Donnerstag), ob eine Vergrößerung der Verkaufsflächen möglich sei, müsse in der Regel im Rahmen des jeweiligen Bebauungsplanverfahrens geklärt werden.

Die Landesregierung aus SPD, Grünen und Die Linke bewertet die Pläne »positiv«, erklärte eine Sprecherin des Bausenats am Donnerstag gegenüber jW. Schließlich brauche Berlin Wohnungen, und Bauland werde immer knapper. Wenn ein Discounter freiwillig Wohnungen im Preissegment zwischen 6,50 und zehn Euro pro Quadratmeter anbiete, sei das zu begrüßen. Deshalb würden die Sozialwohnungen auch mit einer Förderung des Landes Berlin gebaut. »Wir leben nun mal in einer Marktwirtschaft«, so die Sprecherin. Außerdem wolle man den Bewohnern Berlins die Möglichkeit bieten, »möglichst wohnortnah zu konsumieren«.

Spott gab es von der CDU. Es sei bezeichnend, dass ein Lebensmitteldiscounter dem »rot-rot-grünen« Senat aus der Patsche helfen müsse, weil dieser mit den eigenen Bauvorhaben nicht vorankomme, sagte der Abgeordnete im Abgeordnetenhaus Kai Wegner der Berliner Zeitung. Zuspruch kam von der FDP: »Es ist eine Chance, dass weitere Einzelhändler diesem guten Beispiel folgen«, sagte Fraktionschef Sebastian Czaja dem Blatt. Gesagt, getan: Auch Aldi-Konkurrent Lidl will in nichts nachstehen. In drei Bezirken sollen Flachbauten mit Wohnungen überzogen werden. Frühere Projekte wurden bereits realisiert. Die neue Methode der Flachbauüberbauung ist aber erst unter der amtierenden Landesregierung entstanden.

Aldi sieht noch Spielraum nach oben: »Mit den Leuchtturmprojekten wollen wir den Startschuss für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Stadt Berlin und insbesondere den Stadtbezirken setzen. Wir möchten aktiv bei der Nachverdichtung Berlins und beim ökologischen Stadtumbau unterstützen«, hatte ein Sprecher des Konzerns am Mittwoch erklärt. Die Schaffung von Aldi-Märkten in Kombination mit Wohnraum sei nicht nur ein Vorteil für das Unternehmen und dessen Kunden, sondern »ein Mehrwert für ganz Berlin«. Bleibt die Frage zu klären, wer künftig über diesen verfügen wird.


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  • Gerhard Ulbrich: Linker Schildbürgerstreich Aldi hat offensichtlich festgestellt, dass die Grundstücke eine Goldgrube sind, wenn selbst gebaut wird – sicher und zuverlässig, ohne großen Aufwand für Logistik und ohne Konkurrenten, jeden Monat 50...

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