Aus: Ausgabe vom 10.02.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Stippvisite bei den Templern

Monsanto ist ein kleines Dorf mit großer Geschichte. In der dortigen Burgruine ist diese mit Händen zu greifen

Von André Steiniger
DSCF0295-Wiederhergestellt.jpg
Häufig bizarr geformte Felsen aus Granit bestimmen das Bild der Landschaft von Monsanto. Auch die Templerburg wurde aus diesem Material errichtet

Angepriesen wird es als das »portugiesischste Dorf Portugals«. Was macht den kleinen Ort so charakteristisch, dass er für ein ganzes Land stehen soll? Ich mache mich von der Hauptstadt Lissabon aus auf den Weg, um diese Frage zu beantworten. Der Name des historischen Dorfes lautet Monsanto. Das weckt wenig Vertrauen, denkt man doch unwillkürlich an den US-Agrarkonzern gleichen Namens, der für viele der Inbegriff von Umweltgiften und genmanipuliertem Saatgut ist – und der auch an der Produktion des berüchtigten Entlaubungsmittels »Agent Orange«, mit dem das US-Militär in Vietnam und Laos ungeheuerliche Verbrechen verübte, beteiligt war.

Als Name eines gut 800 Seelen zählenden Ortes ist Monsanto weit weniger Menschen bekannt, zumal dieser weit abseits von Portugals prominenten Tourismusregionen liegt. Wer in das südwesteuropäische Land reist, will sich zumeist an der knapp 1.800 Kilometer langen Küste aalen. Das schäumende Wasser des Atlantiks, einsame Buchten oder ausgedehnte malerische Sandstrände vor bizarren Felsen laden zum Baden, Schnorcheln, Tauchen, Fischen oder Surfen ein. Nur selten verirren sich daher Touristen tiefer ins Landesinnere der Pyrenäenhalbinsel. Dort ist es im Sommer trocken, heiß und staubig, kühlende Winde fehlen, im Winter ist es dagegen meist ungemütlich nasskalt.

Dennoch lohnen Abstecher in die Gebiete weitab vom Meer. In der abgeschiedenen, kargen Region nördlich des Alentejo gibt es ursprüngliche, malerische Dörfer, wie man sie anderswo in Europa kaum noch findet. Und Monsanto ist eines der urigsten unter ihnen. Es ist das berühmteste der zwölf »historischen Dörfer«, der »Aldeias Históricas«, die offiziell ausgewiesen werden. Dabei ist der Ursprung der Auszeichnung als »portugiesischstes« nicht ohne Beigeschmack: 1938 lobte der »Estado Novo«, der »Neue Staat«, wie sich das faschistische Regime unter der Ägide seines Diktators António de Oliveira Salazar (1889–1970) nannte, den Titel in einem landesweiten Wettbewerb aus. Seines reichen kulturellen und historischen Erbes wegen machte Monsanto das Rennen. Als Geschenk wurde dem Dorf ein silberner Hahn überreicht. Eine Kopie schmückt nun die Spitze der dortigen Torre do Relógio, des Uhrenturm genannten Glockenturms.

Mit dem Berg verwachsen

Als ich mich Monsanto nähere, ist am Himmel keine Wolke zu sehen, kein Lüftchen weht. Portugiesischer Hochsommer wie aus dem Bilderbuch. Bei einer Temperatur von über 40 Grad flirrt die Luft und lässt die sanft-hüglige Ebene ringsum vor den Augen tänzeln. Wasser scheint es in der Gegend nur wenig zu geben. Die meisten Wasserläufe sind um diese Jahreszeit ausgetrocknet. Nicht einmal Swimmingpools, wie man sie andernorts in den gepflegten Gärten der besseren Häuser findet, lassen sich ausmachen. Echte Villen gibt es hier, einem ärmeren Teil Portugals, freilich auch keine.

DSCF0244-Wiederhergestellt.jpg
Die Häuser des kleinen Ortes schmiegen sich eng an den Berg, der aus der Beira Baixa inselartig herausragt

Zunächst geht es über eine Serpentine bergauf. Eine einzige, schmale Zufahrtsstraße schraubt sich aus der Ebene der Beira Baixa (was so viel wie unteres Grenzgebiet bedeutet, eine der elf ehemaligen Provinzen Portugals) an einem Felshang empor. Rund 760 Meter ragt das Massiv aus der Landschaft. Schon von weitem erblickt man die roten Schindeln auf den Dächern der uralten Häuschen, die sich eng an den Inselberg schmiegen. Wie die Ställe, Gassen und Mauern sind auch sie aus dem Material errichtet, aus dem der Fels besteht: Granit. Manche der Häuser scheinen mit dem Berg verwachsen, sind teilweise in den Fels getrieben oder tragen Granitblöcke, die wirken, als würden sie die Kate gleich zerquetschen. Der Ort wirkt wie aus einem Guss. Er besteht nicht nur aus dem Gestein, er ist das Gestein.

Übrigens gelangten die germanischen Sueben im Zuge der großen Völkerwanderung nach Nordportugal, wurden hier sesshaft und gründeten ein eigenes Königreich, bevor sie von den Westgoten vereinnahmt wurden. Insofern bräuchte sich AfD-Mann Björn Höcke, der so viel auf sein Deutschtum hält, portugiesischer Vorfahren nicht zu genieren.

Zur Mittagszeit ist hier nicht viel los. Der Ort wirkt still, fast verlassen. Aber das trügt. Auf der Terrasse der »Taverna Lusitana« kann ich bei einer Sangría meinen ersten Durst löschen. Als ich anschließend durch die engen, gewundenen und leeren Gassen des Örtchens stapfe – hügelauf, hügelab – fühle ich mich in eine längst vergangene Ära zurückversetzt. Kelten, Lusitaner und Römer siedelten hier schon lange vor unserer Zeit. Dann kamen die Sueben, Westgoten und Araber. Die einen vertrieben die anderen oder mischten sich mit ihnen. Man verehrte diverse Gottheiten und praktizierte religiöse Rituale. Der dem Latein entlehnte Name Monsanto mag darauf verweisen: mons sanctus – heiliger Berg.

In einigen (ebenfalls aus Granit errichteten) Koben grunzen Schweine, in anderen gackern Hühner oder schnattern Enten. Das Dach der einen oder anderen Kate ist schon lange eingestürzt. Sträucher zwängen sich durch die Lücken. Dazwischen stehen noch halbwegs intakte oder frisch sanierte Häuser, manche davon zur Vermietung an Touristen mit dem nötigsten Komfort hergerichtet. Klimaanlagen sucht man jedoch vergebens, was dem Besucher eine schlaflose Nacht bescheren kann. Wer am Abend durch den von historischen Lampen in romantisch-orangefarbenes Licht getauchten Ort flaniert, kann in einer Taverne mit den Einheimischen ein Glas Portwein trinken oder auf den Stufen davor ein Schwätzchen halten. Für ganz waghalsige Abenteurer, die keine Furcht vor den Geistern erschlagener Ritter kennen, empfiehlt sich eine Mondscheinwanderung hinauf zur Burgruine.

DSCF0279-Wiederhergestellt.jpg
Von der alten Burgruine aus bietet sich ein großartiger Blick über den Ort, der als Inbegriff eines portugiesischen Dorfes angepriesen wird

Land der Burgen

Obwohl der Fortschritt auch hier Einzug hielt – es gibt Elektrizität, Frischwasserleitungen, Funkverstärker für Mobiltelefone und Fernsehen, hat sich Monsanto seinen mittelalterlichen Charme bis heute bewahrt. Einzig die modernistische, im Bauhaus-Stil errichtete Adega Típica direkt am Ortseingang wirkt ein wenig deplaziert, um so mehr, als der »typische Weinkeller« alles andere als typisch ist. Weitaus faszinierender ist da schon die Ruine des Kastells aus dem 12. Jahrhundert, die auf dem Gipfel des Berges thront. Man muss gut zu Fuß sein, um die alte Wehranlage zu erklimmen. Zwischen wundersam geformten Felsbrocken, Ginster- und Rosmarinsträuchern geht es auf Schlängelpfaden steil empor. Den beharrlichen Wanderer empfängt zum Dank ein atemberaubender Panoramablick über das Dorf und die unendlich scheinende Weite der umgebenden Landschaft. Die spanische Grenze, keine 20 Kilometer entfernt, scheint zum Greifen nah.

Wie die Monsantos ist ganz Portugals Geschichte eng mit der des Rittertums verwoben. Schließlich verdankt es seine Entstehung der Reconquista, also jener Epoche, in der sich das »christliche Abendland« anschickte, die Iberische Halbinsel von den muslimischen Mauren (verschiedene nordafrikanische und arabische Stämme), die ab 711 hier eingefallen waren und die Halbinsel in Besitz genommen hatten, »zurückzuerobern«.

Im Zuge dieser gut 770 Jahre andauernden »Rückeroberung« nimmt die Historie des heutigen Portugals ihren Anfang: Im Jahre 1095 vermacht König Alfonso VI. von Kastilien-León die im Nordwesten der Halbinsel gelegene Grafschaft Portucale dem Ritter Heinrich von Burgund. Er erhält sie zum Dank für seine Verdienste bei der Vertreibung der Mauren als Mitgift, da er eine Tochter des Königs ehelicht. Heinrich bleibt jedoch Vasall des Königs, erhält das Land zwischen den Flüssen Douro und Mondego lediglich als Lehen. Nach dem Tod des Schwiegervaters lässt sich der Ritter in Guimarães nieder und führt von da an den Titel »Von Gottes Gnaden Graf und Herr von ganz Portugal«. Doch erst Heinrichs Sohn Afonso Henriques wagt 1139 nach der siegreichen Schlacht von Ourique die Proklamation der Unabhängigkeit von Kastilien. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, das rückgängig zu machen, sieht sich Kastilien 1143 endlich genötigt, Portugal als einen souveränen Staat anzuerkennen. Fortan trägt Afonso Henriques den Titel eines Königs von Portugal. Guimarães wird Hauptstadt seines Reiches. Der älteste Nationalstaat Europas war geboren.

Im Süden aber herrschten nach wie vor die Mauren. Viel Blut, Schweiß, Intrigen sowie weitere gut 100 Jahre waren vonnöten, alle arabischen Verbände aus der Algarve und somit vom gesamten Territorium des heutigen Portugals zu vertreiben. Um 1250 hatte man das Kapitel »Rückeroberung« quasi abgeschlossen. Grenzstreitigkeiten mit Kastilien legte man 1297 mit dem Vertrag von Alcanizes ad acta. Seither besteht Portugal in seinen heute noch gültigen Grenzen.

DSCF0291.jpg
Nahe des Kastells ragt die Turmruine der Kirche São Miguel empor. Bereits in der Frühsteinzeit siedelten in der Gegend Menschen

Bei christlichen Eroberungen tat sich eine militärische Einheit besonders hervor: die »Arme Ritterschaft Christi und des salomonischen Tempels zu Jerusalem«, kurz die Templer. Die adligen Herren mit dem blutroten Tatzenkreuz auf ihren schneeweißen Mänteln bildeten die effektivste, schlagkräftigste, wirtschaftlich und militärisch erfolgreichste Organisation des europäischen Mittelalters. Viele Mythen und Legenden ranken sich um deren Entstehung, Wirken und ihren Untergang. Der Glaube an ihr obskures Wissen und an verborgene Templerschätze hat die Jahrhunderte überdauert und den Mythos des Ordens unsterblich gemacht. Wer hoch oben, auf den Zinnen der alten Festung von Monsanto (hoffentlich schwindelfrei) herumbalanciert oder zwischen den steinernen Sarkophagen, den abgebrochenen Wachtürmen und der Kapelle des Heiligen Johannes wandelt, spürt gewiss einen Hauch jener Epoche. Liegt nicht vielleicht unter diesen Ruinen der Burg noch ein Schatz vergraben?

Rätsel der Geschichte

Doch graben wir lieber noch etwas tiefer in der Geschichte der Templer: Für ihre Verdienste um die Eroberung des Landes und bei der Sicherung der Grenzen wurden sie von der portugiesischen Krone mit Privilegien und Landschenkungen bedacht. Zu diesen Gaben zählte auch weitläufig das Gebiet um Monsanto. Im Gegenzug musste der Orden hier zwei Wehranlagen als Bollwerk gegen eine Rückkehr der Mauren und gegen das auf Rache sinnende Kastilien errichten. So geschehen im Jahre 1165.

Noch weitere anderthalb Jahrhunderte lang dienten die Templer den portugiesischen Königen als treue Verbündete – bis zu jenem schicksalhaften Freitag, dem 13. Oktober anno 1307, als der französische König Philipp der Schöne den Orden für aufgelöst erklärte. Dessen Mitglieder ließ er gnadenlos verfolgen und die höchsten Repräsentanten nach einem Schauprozess 1314 schließlich ermorden. Da nur eine Handvoll Dokumente der Templer aus jener Zeit erhalten ist (und überdies in den Geheimarchiven des Vatikans lagert), kann nur gemutmaßt werden, was Philipp zu diesem Schritt bewog. Heute glaubt man, der über die Maßen klamme Monarch wollte sich so seiner gewaltigen Schulden bei den Templern entledigen. Wenig elegant, doch effektiv.

Der Papst jener Zeit, Clemens V., dem der Orden persönlich unterstand, war zu schwach, diesen zu retten. Clemens residierte in Avignon, was ihn von Philipp abhängig machte. In vielen Ländern Europas wurden die Templer nun verfolgt, verhaftet, gefoltert und Schauprozessen unterworfen. Einigen der Ritter jedoch gelang es, nach Portugal zu entkommen. König Dinis stellte diese Ordensmitglieder unter seinen Schutz. 1319 erwirkte er beim Papst die Gründung eines neuen portugiesischen Ritterbundes, Christusorden genannt, in den auch die Güter der Templer überführt wurden.

Das alles ist lange her, die Burg von Monsanto längst verfallen. Doch die wechselvolle Geschichte und ihre Akteure haben den Ort ebenso geprägt und zu seinem besonderen Charakter beigetragen wie der Granit und die bizarr geformten Felsbrocken. Heute geht es hier beschaulich zu, wie in vielen Ortschaften, die sich bei Reisen durch Portugal entdecken lassen. Auch Batalha oder Óbidos, Guimarães oder Ourique, Sintra oder Braga kann man ihren landestypischen Charme nicht absprechen. Dennoch: Monsanto ist wirklich ein ganz besonderer Ort. Einsam, ursprünglich, romantisch – portugiesischer geht es kaum.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage