Aus: Ausgabe vom 29.01.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Aktivist der APO

Kriegsgegner, Revolutionshistoriker, Berufsschulpfarrer: Klaus Schmidt hat seine politische Biographie vorgelegt

Von Rainer Werning
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Politische Aufbruchstimmung: Demo für Freilassung von Bundeswehrdeserteuren in Westberlin (um 1968)

Die »68er-Bewegung« war ein weltweites Phänomen. Sie erfasste Großstädte in den USA sowie in Ost- und Westeuropa ebenso wie im damals sogenannten Trikont (Asien, Afrika, Lateinamerika).

Überwölbt wurden die weltweiten Proteste jedoch von dem außenpolitischen Thema schlechthin – der US-amerikanischen Aggression gegen das, was die Franzosen »Indochina« genannt hatten und womit Vietnam, Kambodscha und Laos gemeint waren.

Nun jährt sich dieses Jahr zum 50. Mal. Zig Veröffentlichungen werden sich der »68er« annehmen. Sicher ist, dass unter ihnen das Opus von Klaus Schmidt schon deshalb herausragt, weil es in wunderbarem Duktus und pointierter Diktion kritisch-solidarisch die Ereignisse der vergangenen fünf Jahrzehnte Revue passieren lässt. Es wäre nie erschienen, hätte der mittlerweile 82jährige Kölner Theologe, Historiker, Menschenrechts- und Friedensaktivist sowie politische Sachbuchautor einen anderen Werdegang eingeschlagen.

Schmidt wuchs in einer wohlbehüteten Akademikerfamilie am Niederrhein auf, besuchte das humanistische Gymnasium in Mönchengladbach und machte sein Abitur auf dem Jesuitenkolleg in Bad Godesberg. Seine Studienorte waren neben Bonn, Hamburg, Heidelberg und Göttingen auch Städte in den USA. Dort verarbeitete er zu Beginn der 60er Jahre als Stipendiat des Ökumenischen Rats der Kirchen Studien, Praktika und ein Antirassismustraining unter Martin Luther King in seinem ersten Buch »Religion – Versklavung und Befreiung. Von der englischen Reformation zur amerikanischen Revolution«.

Zurück in der damals von einer politischen Aufbruchstimmung erfassten Bundesrepublik, erfuhr Schmidt in Köln im Zeitraffer eine »Politisierung des Gewissens«, was sein weiteres Schaffen nachhaltig beeinflusste. Er engagierte sich als Berufsschulpfarrer in der außerparlamentarischen Opposition, unter anderem als Vorsitzender des »Republikanischen Clubs«. Aufrüttelnd wirkte die Staatsvisite des Schahs von Persien in der Bundesrepublik Anfang Juni 1967, bei der der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten kaltblütig erschossen wurde.

Mit der Theologin Dorothee Sölle und anderen politisch engagierten Christen führte Schmidt das »Politische Nachtgebet« durch, eine immer mehr auch auf Bundesebene beachtete Veranstaltungsreihe, die mit der Parole »Vietnam ist Golgatha« begann und von 1968 bis 1972 regelmäßig in der Kölner Antoniterkirche stattfand. Die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland hätte den »linksradikalen Pfarrer« am liebsten suspendiert, wäre ihr Ansinnen nicht durch geballte Proteste durchkreuzt worden.

In den 70er Jahren solidarisierte sich der Studierendenpfarrer Schmidt mit Teilen der (internationalistischen) Studentenbewegung und pflegte u. a. eine enge Freundschaft mit dem nikaraguanischen Staatsbürger deutscher Abstammung Enrique Schmidt-Cuadra. Dieser hatte sich mit einem Stipendium für Wirtschafts- und Sozialwissenschaft an der Universität zu Köln immatrikuliert. Dort wurde er Auslandsreferent des AStA und trat als exponierter Gegner des Somoza-Regimes in seinem Heimatland auf. Als die sandinistischen Revolutionäre nach Jahren des Guerillakampfes 1979 die Macht erlangten, wurde er Polizeichef von Managua und danach Minister für das Post- und Fernmeldewesen. 1984 kam er bei Gefechten gegen die »Con­tras« ums Leben.

1987/88 arbeitete sein deutscher Freund Klaus Schmidt, diesmal als theologischer Dozent und Menschenrechtsarbeiter, in einem Land der »Dritten Welt«, den Philippinen. Im Auftrag des dortigen Protestantischen Kirchenrats beteiligte er sich an »Fact-finding missions« zur Aufdeckung blutiger Übergriffe von Militär und Paramilitärs. Das Militär entführte ihn und zwei seiner Begleiter und unterstellte ihnen die Beteiligung an Guerillaaktionen. Dank Interventionen der Deutschen Botschaft in Manila, des Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) und zahlreicher politischer und kultureller Prominenz, darunter Schmidts langjähriger Freund Günter Wallraff, kam er auf freien Fuß.

Vor allem nach seiner Pensionierung 1994 wurde er publizistisch mit (Doppel-)Biographien über rheinische Demokraten im Umkreis der Revolution von 1848/49 tätig. Zum Standardwerk wurden seine Bücher »Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland« (2007) und »Kölns kleine Leute. Geschichten und Porträts« (2011).

Im Nachwort zu Schmidts neuem Buch merkt Wallraff an: »Die Autobiographie von Klaus Schmidt hat das Zeug, ein Dokument der Zeitgeschichte zu werden, obwohl es eine sehr persönliche Selbstbeschreibung ist. Ich habe mich beim Lesen seines Textes an viele Begebenheiten erinnert und zwischen den Zeilen immer wieder den Ratgeber entdeckt, der er mir persönlich oft war. Nicht aufdringlich, sondern die eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler reflektierend, nicht eitel, sondern oft mit einem Augenzwinkern«.

Zweierlei ist dem Autor zu wünschen: weit geöffnete Schultore und Klassenräume, um jüngeren Generationen lebendige Vermächtnisse kritischen Denkens und Handelns nahezubringen – und aufgrund seiner historischen Forschungen und seines immensen publizistischen Schaffens eine angemessene akademische Auszeichnung seitens der Historischen Fakultät zumindest einer rheinischen Universität.

Klaus Schmidt: Dran bleiben – Zuversichtliche Rückblicke eines »Alt-68ers«. Mit einem Nachwort von Günter Wallraff. LIT Verlag, Berlin 2018. 250 S., 19,90 Euro.


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