Aus: Ausgabe vom 29.01.2018, Seite 12 / Thema

Wendepunkt des Krieges

Die Tet-Offensive der vietnamesischen Befreiungskräfte im Jahr 1968: Ein symbolträchtiger Erfolg mit weitreichenden politischen Folgen

Von Hellmut Kapfenberger
Guerrilla forces from North Vietnam's Vietcong movement cross a
Versetzten den USA 1968 mit der Tet-Offensive einen schweren Schlag und läuteten damit die Wende im Vietnamkrieg ein: die Volksbefreiungsstreitkräfte (Aufnahme von 1966)

Im Februar 1965 begannen die USA mit ihrem Luft- und Seekrieg gegen den nördlichen Teil der Demokratischen Repu­blik Vietnam (DRV). Wenig später entsandten sie auch Truppen in den 1954 völkerrechtswidrig abgespaltenen Süden des Landes. Zum Jahresende 1967 flog General William Westmoreland, Chef des allmächtigen »Militärischen Unterstützungskommandos Vietnam« (MACV) und damit Oberkommandierender der US-Truppen in Südvietnam, nach Washington. Er verließ seine Kommandofestung in Saigon in der Annahme, mit sehr guter Nachricht im Gepäck zu reisen und einem unbeschwerten Neujahrsurlaub entgegenzusehen. Schließlich war er schon im Frühjahr zu dem Schluss gelangt, der »Wendepunkt« im Krieg sei »nun erreicht«. Meinte man doch, bei anhaltenden, teils schweren Kämpfen im auslaufenden dritten Kriegsjahr, den Gegner inzwischen in einem Maße geschwächt zu haben, dass er fortan zu größeren militärischen Operationen kaum mehr imstande sei. So fehlte es an der Schwelle zum Jahr 1968 nicht an Strategen in den militärischen Stäben Saigons und Washingtons, die der Überzeugung anhingen, dass der Krieg nunmehr gewonnen werden könne. Vor einem Gremium des US-Kongresses verkündete Westmoreland denn auch, es sei »Licht am Ende des Tunnels«, der Sieg sei »in Sicht«.

Worauf baute man bei diesen kühnen Erwartungen? Eine Garantie dafür sah man darin, dass Westmoreland Ende 1967 in Südvietnam über eine eigene Streitmacht von 486.000 Mann verfügen konnte. Ihnen zur Seite standen 50.000 Südkoreaner, mehr als 2.000 Thailänder, rund 10.000 Soldaten aus Australien, Neuseeland und von den Philippinen sowie eine hochgerüstete Saigoner Armee. Eine auf das modernste ausgerüstete Streitmacht von rund 1,2 Millionen Mann stand somit den im Süden operierenden Einheiten der Vietnamesischen Volksarmee und den Volksbefreiungsstreitkräften FAPL¹ der Nationalen Befreiungsfront (FNL) Südvietnams gegenüber. Diese hatten sich im Laufe des Jahres nicht nur heftigen Bodenattacken, sondern auch den bis dahin schwersten Artilleriekanonaden und Bombenangriffen ausgesetzt gesehen. »Auf den Vietcong und von ihm kontrollierte Gebiete Südvietnams regnete es geradezu Granaten und Napalm«, ist etwa in den Memoiren des damaligen US-Verteidigungsministers Robert McNamara über jenes Jahr zu lesen.²

Der Traum des obersten Kriegsherrn der USA in Vietnam von einem Jahreswechsel in friedvoller Atmosphäre und Umgebung erfüllte sich zunächst. Doch nur kurz nach seiner Rückkehr in die Stadt am Saigon-Fluss sollte es ein böses Erwachen geben. Der Gegner, vermeintlich seinem militärischen Aus nahe, schreckte die US-Amerikaner mit Artillerietrommelfeuer und folgendem Angriff starker Kräfte auf einen festungsartigen Stützpunkt auf. Diesem kam eine Schlüsselrolle zu bei der Überwachung der Trasse für den Nachschub aus Nordvietnam – dem Ho-Chi-Minh-Pfad im äußersten Nordwesten Südvietnams an der Grenze zu Laos. Am 21. Januar 1968 begannen zwei Divisionen der Volksarmee um die Khe Sanh Combat Base, die auf einer Länge von 1,8 Kilometer ein Bergplateau einnahm, einen tiefgestaffelten eisernen Belagerungsring zu legen. Binnen kurzem waren die in der stark befestigten, unablässig unter heftigem Beschuss liegenden Basis stationierten 6.000 US-Marineinfanteristen, ein Bataillon Saigoner Ranger und eine Einheit der Special Forces (»Green Berets«) der U. S. Army von der Außenwelt abgeschnitten.

Erfolgreiches Ablenkungsmanöver

Eine herbe Niederlage schien zu drohen. Geographisch vergleichbare Gegebenheiten und ähnliches taktisches Vorgehen der Angreifer ließen in Erinnerung an Frankreichs katastrophale Niederlage von 1954 ein zweites Dien Bien Phu³ befürchten. Ein äußerst beunruhigter Präsident Lyndon B. Johnson rang in Washington dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs der Teilstreitkräfte, General Earle Wheeler, die Zusicherung ab, Khe Sanh auf jeden Fall zu halten. »Ich will kein verdammtes Dinbinphuu.«⁴ Westmoreland befahl als erstes massive Bombenangriffe auf die Belagerer. In größter Eile wurden kampferprobte »Elite«-Einheiten aus ganz Südvietnam in diesen Teil der Provinz Quang Tri entsandt. Binnen weniger Tage waren dort 50.000 Mann zusammengezogen. All ihre Versuche, mit stärkster Luftunterstützung die Zugangswege zu dem ursprünglichen Bergdorf abzuschneiden und den Ring um den Stützpunkt aufzubrechen, blieben jedoch zunächst erfolglos.

Die Aufmerksamkeit der Stäbe in Washington und Saigon war voll auf den Kampf um Khe Sanh gerichtet, den man als die letzte noch auszutragende Schlacht ansah. Bevor auch nur ein Gedanke an deren Ausgang hätte verschwendet werden können, geschah das Unfassbare, das für die US-Militärs zum Alptraum werden sollte: Am Morgen des 31. Januar brach überall in Südvietnam urplötzlich die Hölle los. Eine landesweite, von gegnerischer Seite als hervorragend koordiniert gewertete »allgemeine Offensive« der Befreiungsstreitkräfte traf die US-amerikanischen Truppen und die Saigoner Armee völlig unvorbereitet. Man hatte sich gründlich geirrt. Die »Schlacht um die US-Basis Khe Sanh« war vor allem mit dem Ziel eröffnet worden, »starke militärische Kräfte der Amerikaner dorthin zu locken. Sie kamen auch wirklich mit der Luftwaffe, den Marinesoldaten und anderen Truppen, um einem vermeintlichen zweiten Dien Bien Phu vorzubeugen«, ließ später einmal General Vo Nguyen Giap wissen, damals Verteidigungsminister der DRV und Oberkommandierender der Volksarmee. »Wir hatten nie die ernsthafte Absicht, diesen Stützpunkt einzunehmen, sondern wollten nur die besten gegnerischen Kräfte binden und von unserer bevorstehenden Offensive ablenken.«⁵

In Vietnam – im Norden wie im Süden – war das Tet-Fest angesagt, das Neujahrs- und Frühlingsfest nach dem Mondkalender chinesischen Ursprungs. Doch statt wie zu Friedenszeiten traditionsgemäß ein paar Tage im weitgespannten Familienkreis zu feiern, traten im Morgengrauen jenes 31. Januar, des Neujahrstags, starke Kräfte der FAPL – neben regulären Truppen auch Partisanenformationen und örtliche Selbstschutzgruppen – für den Gegner völlig überraschend zu der Großoffensive an. Vor allem in Tay Nguyen, dem an Laos und Kambodscha grenzenden mittelvietnamesischen Hochland, begannen Einheiten der Volksarmee schlagartig mit konzentrierten Angriffshandlungen. Zwischen der Nord-Süd-Trennlinie nahe dem 17. Breitengrad und Vietnams Südspitze Kap Ca Mau wurden mehr als 100 Städte – Saigon und die vier größten Hafenstädte des Südens, 36 der 44 Provinzhauptstädte, 64 Kreisstädte und zahlreiche andere Orte – zeitgleich attackiert. Viele der Städte gerieten zunächst unter die Kontrolle der Befreiungstruppen. Attackiert wurden gleichzeitig neun US-amerikanische Luftstützpunkte und zahlreiche andere militärische Anlagen.

Überraschungseffekt

Die Zeit schilderte später das Geschehen wie folgt: »Die überrumpelten Amerikaner und Südvietnamesen gerieten in der Konfusion der ersten Stunden an den Rand einer militärischen Ka­tastro­phe. Überall tauchten plötzlich aus dem Nichts Kampfverbände und Stoßtrupps der Vietcong auf. In Saigon, der Kapitale der Republik Vietnam⁶, hagelte es Terrorangriffe auf das Präsidentenpalais, die Hauptquartiere der südvietnamesischen Armee und Marine, den Flughafen Tan Son Nhut und die wichtigste Radiostation der Stadt, während in den Außenbezirken drei Vietcong-Divisionen zum Schlag gegen die Militärbasen Long Binh und Bien Hoa ausholten und die Zufahrtswege in die Stadt blockierten. Während der amerikanische Botschafter Ellsworth Bunker hektisch aus seiner Privatresidenz an einen geheimgehaltenen Ort verbracht wurde, lieferten sich nur wenige Blocks weiter Einsatzeinheiten auf dem Gelände seiner Botschaft ein zähes Gefecht mit den Vietcong, die sich nach einem vergeblichen Versuch, das Hauptgebäude zu stürmen, verschanzt hatten. Erst um 9.15 Uhr, sechseinhalb Stunden später, konnte die Botschaft offiziell wieder als sicher deklariert werden.«⁷ Es folgten noch tagelange, vor allem für die 4.000 Angreifer verlustreiche Straßenschlachten im dichten Gassengewirr des chinesischen Viertels Cholon, zwischen den zurückweichenden FNL-Kämpfern und US-amerikanischen Truppen. Dabei »machten amerikanische Hubschrauber ganze Straßenzüge Saigons dem Erdboden gleich. In anderen Städten und Ortschaften Südvietnams bot sich ein vergleichbares Bild«.⁸

Länger als viele andere Städte, aus denen sich die Angreifer nach Tagen heftiger Kämpfe zurückzogen, war die küstennahe alte Kaiserstadt Hue fast völlig in ihrer Hand. An dem Angriff sollen auch einige tausend Soldaten der Volksarmee beteiligt gewesen sein. »Mit Hilfe von Buddhisten und Studenten konnten sie sogar für wenige Wochen die Kontrolle behalten.«⁹ Auf der Zitadelle über den kaiserlichen Palästen wehte das blau-rote FNL-Banner mit dem goldenen Stern. Hue war bis zum 24. Februar Schauplatz heftigen Artilleriefeuers und schwerer Straßenkämpfe, die mit der Zerstörung der Stadt durch US-Streitkräfte endeten. »Nicht nur in Hue bot sich ein Bild der Verwüstung. Im Mekong-Delta veranlasste die Rückeroberung eines Ortes den befehlshabenden amerikanischen Offizier zu der berüchtigten Auskunft: ›Wir mussten Ben Tre zerstören, um es zu retten‹«.¹⁰

Zu erbitterten Gefechten kam es auch in Da Nang, der zweitgrößten Stadt Südvietnams, einem der großen Luft- und Marinestützpunkte der USA. Vorübergehend gelang es Verbänden der Befreiungskräfte sogar das Hauptquartier der alliierten US-amerikanischen und südvietnamesischen Streitkräfte zu erobern. Schauplätze schwerer Straßenkämpfe waren im Küstenbereich ferner die Städte Nha Trang, gleichfalls ein bedeutender Marinestützpunkt, und Hoi An. Im zentralen Hochland (Tay Nguyen) entbrannten zum ersten Mal nahe den damaligen Endpunkten des Ho-Chi-Minh-Pfads zwischen Kräften der Volksarmee und Saigoner Truppen in den Zen­tren der Provinzstädte Pleiku, Kontum, Buon Me Thuot und Tuyen Duc heftige Kämpfe.

Schock für Washington

Von der US-Regierung als die bis dahin schwersten Kämpfe ihrer Truppen gewertet, erschütterte die offenbar mit 80.000 Mann durchgeführte Offensive – deren Ziel es absolut nicht sein konnte, die landesweit attackierten Städte, Orte und Objekte auf Dauer zu halten – das Saigoner Regime für eine Weile in seinen Grundfesten. Sie zeigte wirkungsvoll die militärische Stärke der Befreiungskräfte auf und war sowohl für die alliierten Streitkräfte in Südvietnam als auch für die US-amerikanische Öffentlichkeit ein Schock. Während das US-Oberkommando in den Wochen zuvor noch von einer abnehmenden Kampfmoral der Befreiungskräfte wegen angeblich hoher Verluste gesprochen hatte, mussten die USA nun einen militärischen Rückschlag eingestehen. »Die Tet-Offensive schockierte die Amerikaner und ihre Verbündeten vor allem, weil sie zu einer Zeit erfolgte, in der sie glaubten, sie gewännen den Krieg. (…) Die anfänglichen Erfolge der Vietcong, die Verbissenheit der Kämpfe ebenso wie schwere amerikanische und südvietnamesische Verluste hinterließen im Grunde genommen einen größeren Eindruck auf die Weltöffentlichkeit als letztendlich die Niederlage der Offensive.«¹¹

Über die Verluste beider Seiten während der Kämpfe, die stellenweise noch bis in den März hinein andauerten, gibt es von keiner Seite verlässliche oder zumindest glaubwürdige Angaben. FLN und DRV schwiegen sich aus, genauso wie Washington und Saigon. Wenn es in einzelnen Quellen heißt, »Schätzungen« sprächen von 38.000 oder sogar 40.000 Toten auf der Seite der Angreifer, dann ist das wohl dem Reich der Phantasie zuzuordnen. Nach US-Angaben wurden mehr als 2.500 Soldaten der Befreiungskräfte getötet. Unklar ist jedoch, ob sich diese Zahl allein auf die Kämpfe in Saigon bezieht.

DRV-Präsident Ho Chi Minh zollte Anfang Februar in einer Botschaft an die FNL-Führung der Operation, durch die die US-Aggressoren und deren Lakaien »in äußerste Verwirrung und Bestürzung geraten« seien, hohe Anerkennung. Der Erfolg der Offensive habe für den Widerstandskrieg »eine neue, sehr günstige Lage geschaffen«. Anders stellte sich die Situation freilich für Washington dar: »Es war ein von Amerikanern und Südvietnamesen nicht mehr für möglich gehaltener Großangriff. Am Ende hatten diese zwar alles wieder zurückerobert, aber es wurde ein Pyrrhussieg. Die amerikanische Öffentlichkeit hatte den Glauben an den Sieg verloren, Johnson seine Glaubwürdigkeit eingebüßt. Die ersten erkennbaren Wirtschaftsprobleme kamen hinzu.«¹² Die FNL habe wohl militärisch eine »empfindliche« Niederlage einstecken müssen. »Politisch hingegen war die Tet-Offensive ein durchschlagender Erfolg. Sie markierte den Wendepunkt des Krieges. Denn die Druckwelle von Tet bewirkte im fernen Washington ein politisches Erdbeben.«¹³

Die Kämpfe im Raum Khe Sanh sollten noch bis Anfang Juli andauern. Anfang April gelang es einer in voller Stärke herangeführten Luftlandedivision, den Belagerungsring zu sprengen, den taktische Fliegerkräfte und vor allem strategische B-52-Bomber mit mehr als 100.000 Tonnen Bomben eingedeckt hatten. Nach dem Abzug der Eingeschlossenen begann man damit, den stark zerstörten Stützpunktkomplex zu räumen und dem Erdboden gleichzumachen. Am 9. Juli wehte über dem Flugfeld von Khe Sanh die FLN-Fahne. Die US-Truppen hatten dort nicht nur mehr als 1.200 Tote und über 5.000 Verwundete zu verbuchen, sondern auch ihre strategisch wichtigste Position in diesem Raum nahe der laotischen Grenze zur Überwachung des Ho-Chi-Minh-Pfads eingebüßt. Die Verluste der Volksarmee vor allem durch verheerende B-52-Flächenbombardements wurden von vietnamesischer Seite mit etwa 2.470 Toten und knapp 1.450 Verwundeten beziffert.

Kursänderung der USA

Bar jeder Einsicht ließ Präsident Johnson als Reaktion auf Khe Sanh und Tet in den Folgemonaten das US-amerikanische Truppenkontingent zunächst noch auf 536.000 Soldaten aufstocken. Allerdings warfen am Jahresende anstehende Präsidentschaftswahlen bereits ihre Schatten voraus. Johnsons Demokratischer Partei drohte dabei eine Niederlage. Eine erstarkende Antikriegsbewegung in den USA, die auch schon auf die Streitkräfte überzugreifen begann, die stetig steigenden eigenen Verluste in dem aussichtslos gewordenen Feldzug, spürbare finanzielle Lasten, heftiger werdender internationaler Protest gegen den Krieg, aber auch die Erfolglosigkeit des 1965 eingeleiteten Bombenkrieges gegen Nordvietnam dürften Johnson zur Kursänderung veranlasst haben. Er gab am 31. März die partielle Einstellung der Bombardierung nordvietnamesischen Territoriums bekannt, erklärte die Bereitschaft zu Gesprächen mit der Regierung der DRV und tat kund, auf eine neue Kandidatur für das Präsidentenamt zu verzichten. Da Hanoi postwendend positiv reagierte, konnten am 12. Mai in Paris vorbereitende Gespräche zwischen beiden Seiten über eine Friedensregelung für Vietnam aufgenommen werden. Die Kämpfe im Süden aber gingen mit unverminderter Härte weiter.

Diese Entwicklung gab dem internationalen Protest gegen die Weiterführung des Krieges und dem Friedensverlangen in den USA einen neuen kräftigen Schub. Am 31. Oktober verkündete Johnson die bedingungslose Einstellung aller Kriegshandlungen gegen Nordvietnam und plädierte für die Einberufung einer Vier-Parteien-Konferenz in Paris zur »Regelung der Vietnam-Frage«.¹⁴ Die Regierung in Hanoi stimmte dem am 2. November zu, verlangte aber, nun den Aggressionskrieg in Vietnam gänzlich zu beenden sowie alle US-amerikanischen und anderen ausländischen Truppen abzuziehen. Die Präsidentenwahl im November hatte das vorhersehbare Ergebnis: Der Republikaner Richard Nixon zog am 20. Januar 1969 in das Weiße Haus ein. Er ließ keinen Zweifel daran, den Krieg fortsetzen zu wollen. »Das eigentliche Ziel dieses Krieges heißt Frieden. Das ist ein Krieg für den Frieden«, erklärte er kurz nach der Machtübernahme. Um die Öffentlichkeit zu beschwichtigen, verkündete er am 14. Mai die »Vietnamisierung« des Krieges durch Herauslösung der Bodentruppen. Die Artillerie, starke Fliegerkräfte und die 7. US-Flotte blieben zur Unterstützung der Saigoner Armee.

Trotz alledem gingen die vorbereitenden Gespräche in Paris nach geraumer Zeit in offizielle Verhandlungen über. Ein verbissener Poker am Verhandlungstisch, weitere erbitterte militärische Auseinandersetzungen im Süden und fortdauernde Kriegshandlungen gegen Nordvietnam bis hin zu den barbarischen Bombardements im Dezember 1972 endeten vier Jahre nach Nixons Amtsantritt, am 27. Januar 1973, mit der Unterzeichnung des »Abkommens über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam« in Paris. Frieden im Lande war trotzdem noch nicht in Sicht.

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US-Militärpolizisten auf dem Gelände der US-amerikanischen Botschaft in Saigon Ende Januar 1968(im Vordergrund gefallene US-Soldaten)

Anmerkungen

1 Im Westen werden die FAPL gewöhnlich »Vietcong« (vietnamesische Kommunisten) genannt.

2 Robert S. McNamara: Vietnam – Das Trauma einer Weltmacht, Hamburg 1996, S. 313

3 Mit der Schlacht auf dem nordwestvietnamesischen Hochplateau von Dien Bien Phu (Mitte März bis Anfang Mai 1954) endete der 1946 begonnene französische Rückeroberungsfeldzug in Indo­china.

4 Marc Frey: Geschichte des Vietnamkriegs, München 2006, S. 162 f.

5 Wolfgang Schneider: Apocalypse Vietnam, Berlin 2000, S. 106

6 Unter Bruch der Genfer Indochina-Abkommen von 1954 – dem Ergebnis einer internationalen Konferenz – war 1955 mit dem Segen der USA in Saigon eine »Republik Vietnam« ausgerufen worden.

7 »Neumond über Vietnam«, Die Zeit, 29.1.1993

8 Marc Frey: Geschichte des Vietnamkriegs, a. a. O, S. 163

9 ebenda, S. 164

10 ebenda

11 https://anzacportal.dva.gov.au/history/conflicts/australia-­and-vietnam-war/events/tet-offensive; abgerufen am 22.1.2018

12 Rolf Steininger: Der Vietnamkrieg, Frankfurt am Main 2004, S. 35 f.

13 Marc Frey: Geschichte des Vietnamkriegs, a. a. O., S. 165

14 Bei den vier Parteien handelte es sich um die DRV, die USA, die FNL (an ihrer Stelle später die Provisorische Revolutionäre Regierung der im Juni 1969 proklamierten Republik Südvietnam) und die Saigoner Verwaltung.

Hellmut Kapfenberger schrieb an dieser Stelle zuletzt am 5. November 2015 über den Propagandafeldzug Washingtons, mit dem der Vietnamkrieg als heldenhafter Einsatz für die moralischen Werte der USA verkauft werden soll.


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Vietnam: Pfad des Sieges Sieg im Volkskrieg gegen die Supermacht

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