Aus: Ausgabe vom 27.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der Chefgrantler ist tot

Mark E. Smith, Sänger, Schimpfer und Poet von The Fall, wurde 60 Jahre alt

Von Gerrit Hoekman
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Nicht beschweren, schimpfen! Mark E. Smith auf dem Sunset Boulevard in Hollywood, Juli 1994

Fast alle Ramones sind tot, Starman David Bowie schwebt irgendwo zwischen den Sternen und auch Lemmy von Motörhead trinkt seinen Bourbon inzwischen woanders – die Schar der Helden meiner Jugend wird immer kleiner. Am Mittwoch hat es nun auch Mark E. Smith erwischt, den exzentrischen Sänger der britischen Avantgarde-Band The Fall. Er wurde nur 60 Jahre alt. Smith starb am Mittwoch in seinem Wohnort Prestwich nahe Manchester.

Mark Edward Smith gilt als Mitbegründer des Post-Punk, einer Musikrichtung, die den Synthesizer in den Punkrock eingeführt hat. Außerdem hatten sie genug von der nihilistischen No-Future-Grundstimmung der Urpunks. Die Sex Pistols kotzten der bürgerlichen Gesellschaft ihre unbändige Wut direkt vor die Füße, ohne Umschweife und literarisches Gedöns. Smith war subtiler. Der Rolling Stone (deutsche Ausgabe) nennt ihn in seinem Nachruf liebevoll »Gossendichter« und »Poet der spuckenden Wortkaskaden«.

Da andere Bands ihn als Sänger ablehnten, weil er angeblich nicht singen konnte, gründete er kurzerhand eine eigene: The Fall. Der Name bezog sich auf das gleichnamige Buch von Albert Camus. Vorher hatte er in einer Fleischfabrik und im Hafen gearbeitet und bei der Socialist Workers Party mitgemacht. Die Initialzündung für The Fall soll ein Auftritt der Sex Pistols in Manchester gewesen sein. Rein kommerziell betrachtet war die Band kein großer Erfolg. In den Top 100 der britischen Charts landete die Band meistens zwischen Platz 50 und Platz 30. Kleine Ausreißer nach oben und unten inbegriffen.

Aber Smith suchte ohnehin die Nische. Er unterschrieb bei kleinen Labels, wo er machen konnte, was er wollte. 31 Studioalben brachte die Band in den 42 Jahren ihres Bestehens heraus – das letzte noch 2017. Für sein Gesamtwerk verschliss er 66 Mitarbeiter, hat der Sender BBC nachgezählt. Mark E. Smith feuerte die Leute, wie es ihm passte, sogar an deren Geburtstag, heißt es. Über die Jahrzehnte war er die einzige Konstante bei der Band. »Und wenn es nur ich und deine Oma an den Bongos sind – es ist doch The Fall!« sagte er einmal.

Der Sänger galt als mürrisch, übellaunig, aufbrausend und im Umgangston oft ruppig. Die britische Ausgabe des Rolling Stone berichtet, der Jähzornige sei 1998 wegen häuslicher Gewalt verhaftet worden. Er soll seine damalige Freundin geschlagen, getreten und gewürgt haben. Die Gepeinigte habe ihm eine Woche später mit einem Telefonhörer ein blaues Auge verpasst, hieß es. Insgesamt war er dreimal verheiratet.

Wenn er gut drauf war, konnte er aber durchaus charmant und freundlich sein. Oft nahm er sich für Interviews viel Zeit, ließ aber Journalisten auch schon mal unendlich lange warten, während er im Nebenzimmer saß und sich vor den Augen der Wartenden vom Zimmerservice Zigaretten und Alkohol bringen ließ – und am Ende keine Lust mehr auf Gespräche hatte.

Smith war ein sarkastischer Grantler, berüchtigt für seinen trockenen Humor. »Ich habe geträumt, ich wäre Pizza essen mit Mark E. Smith, natürlich hat er mir erzählt, wie scheußlich alles ist«, dichteten Tocotronic 1996 auf ihrem Album »Wir kommen um uns zu beschweren«. Das wollte auch Smith, nur eben nicht jammern, nicht klagen, sondern schimpfen. Tocotronic haben das gut erkannt. Sie gehören zu der kleinen, aber feinen Fangemeinde, die The Fall um sich gescharrt hatten. »50.000 Fall-Fans können sich nicht irren« nannte Smith 2004 selbstironisch ein Best of.

In dem Jahr erschien auch das Doppelalbum »Perverted by Mark E.«, das einzige Tribute für The Fall, organisiert von den Darmstädter Woog Riots. Es gibt widersprüchliche Angaben darüber, wie es Smith gefallen hat. Er fühlte sich den Kneipengängern in den Pubs von Manchester näher als dem Mainstreampublikum. »Zwar pflegte Smith als ehemaliger Dockarbeiter eine Blue-Collar-Attitüde, gleichzeitig verstieg er sich gerne zu konservativen Meinungen, befeuert von, ja, Feuerwasser«, schreibt Der Standard (Freitagausgabe). Sein Hang zu Zigaretten, Bier und anderen Drogen war bekannt.

Es ging ihm bereits seit einem Jahr gesundheitlich schlecht. Im Spätsommer mussten The Fall ihre Tour durch die USA absagen, »aus medizinischen Gründen«. Bei seinen letzten Konzerten kam Smith im Elektrorollstuhl auf die Bühne, den rechten Arm in einer Schlinge. Am 29. November teilte die Band in letzter Minute mit, sie könne das Konzert in Bristol nicht spielen. Auch der zweite Auftritt einen Tag später müsse ausfallen. »Ich hoffe, die Konzerte innerhalb der nächsten vier bis sechs Wochen nachzuholen«, tröstete Smith die Fans auf der Homepage. Es war sein letzter Eintrag.


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