Aus: Ausgabe vom 25.01.2018, Seite 15 / Medien

Reporter an der Leine

»Brotunruhen« im Sudan: Regime will Berichterstattung unterdrücken und lässt Journalisten willkürlich festnehmen

Von Gerrit Hoekman
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Aufruhr und Unterdrückunge in Sudan: Protestaktion für Wiedereroberung des »abtrünnigen« Südens 2014

Man sei »sehr erleichtert, dass der Reuters-Reporter Khalid Abdelaziz aus der Haft in Khartoum freigelassen wurde«, sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur am Montag. Abdelaziz war am Mittwoch vor einer Woche in der sudanesischen Hauptstadt festgenommen worden, weil er am Tag zuvor über eine Demonstration gegen die Regierung berichtet hatte. Auf der war es zu Gewalttätigkeiten gekommen.

Neben Abdelaziz wurde auch Abdelmoneim Abu Idris Ali verhaftet, der seit fast einem Jahrzehnt für die französische Nachrichtenagentur AFP aus dem Sudan berichtet. Auch er befand sich am Montag wieder auf freiem Fuß, ebenso wie ein Lokaljournalist, dessen Name nicht bekannt ist. »Ich bin jetzt zu Hause bei meiner Familie«, teilte Idris Ali seinem Arbeitgeber kurz nach der Freilassung mit. Im Gefängnis hatten sie weder Kontakt zu den Angehörigen noch zum Auftraggeber aufnehmen dürfen. Er sei aber nicht misshandelt worden, gab Kollege Abdelaziz an. »Er wird seine wichtige Arbeit über die Ereignisse im Sudan wieder aufnehmen«, so ein Sprecher der britischen Nachrichtenagentur.

Die Organisation »Reporter ohne Grenzen« teilte laut AFP mit, dass die meisten anderen der zwölf Journalisten, die während der Proteste festgenommen worden waren, bereits nach wenigen Stunden wieder freigelassen wurden. Drei weitere Berichterstatter kamen am Sonntag frei. Unter den Festgenommenen befanden sich Kollegen der Tageszeitungen Al Watan (»Die Heimat«) und Al Youm al Tali (»Der folgende Tag«), auch die freie Journalistin Amal Habani.

»Die sudanesischen Behörden haben die Pflicht, die Sicherheit von Journalisten zu garantieren«, forderte »Reporter ohne Grenzen« in einer Erklärung vom Freitag. Die staatlichen Stellen des Sudan teilten bislang keinen Grund für die Festnahmen mit. Das Außenministerium in Khartoum bekräftigte jedoch am Sonntag laut AFP, dass »der Sudan weitreichende Pressefreiheit genieße, mit mehr als 20 politischen Zeitungen, die täglich erscheinen und verschiedene Sichtweisen unabhängig verbreiten«.

Ein frommer Wunsch. Denn die Medien in der Islamischen Republik Sudan sind alles andere als frei. Auf einer regelmäßig von »Reporter ohne Grenzen« herausgegebenen »Rangliste der Pressefreiheit« lag das Land im letzten Jahr auf Platz 174 von 180 Staaten. Das bedeutet: Zensur begleitet die Arbeit von Journalisten ständig. Immer wieder beschlagnahme die berüchtigte Geheimpolizei NISS die bereits gedruckte Ausgabe und schließt willkürlich Redaktionen für Tage, Monate oder für immer.

»Sie lässt Chefredakteure absetzen und weist Redaktionen an, bestimmte Themen zu meiden«, heißt es dazu auf der Homepage. »Zu den zahlreichen Tabuthemen gehören etwa die Militäraktionen in Unruheregionen wie Darfur und Süd-Kordofan, aber auch Versorgungsengpässe und Korruptionsvorwürfe gegen Regierungspolitiker.«

Dementsprechend konfiszierte die sudanesische Geheimpolizei nach den Demonstrationen der vergangenen Woche zahlreiche Zeitungen, um unangenehme Berichte zu verhindern, wie die südafrikanische Nachrichtenagentur ANA am Freitag meldete. Denn der Weizenengpass, unter dem das Land leidet, führt zu hohen Preisen für Mehl. Hinzu kommt, dass der Internationale Währungsfonds die Regierung zwingt, staatliche Subventionen drastisch abzubauen. Beim Grundnahrungsmittel Brot führten diese beiden Ursachen zu einer Verdoppelung des Preises innerhalb kurzer Zeit. Sogenannte Brotunruhen bringen die Herrschenden in der gesamten arabischen Welt immer wieder in Schwierigkeiten, nicht nur im Sudan.

Die vom Währungsfonds geforderten Maßnahmen beinhalten auch eine Abwertung des sudanesischen Pfunds. Auf dem Schwarzmarkt fiel die Währung Anfang letzter Woche auf ein Allzeittief von 34 Pfund pro US-Dollar, wie Reuters meldete. Grund dafür sei, dass im Sudan zu wenig Banknoten der US-Währung im Umlauf sind, was die Wirtschaft lähmt. Die Ökonomie leidet nach wie vor unter der Abtrennung des Südsudan, der sich im Jahr 2011 für unabhängig erklärte. Dadurch verlor die Islamische Republik zwei Drittel ihrer Einnahmen aus dem Ölexport – die meisten der Lagerstätten des fossilen Roh- und Brennstoffs liegen im Südsudan.


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