Aus: Ausgabe vom 23.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Der Weg nach Osten

Von Helmut Höge
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Der Elefant wurde immer blasser, fragend wiegte er seinen Kopf hin und her. Wir verstanden uns, konnten aber nichts füreinander tun.

Ich arbeitete Ende der 60er im Bremer Tierpark, der einem indischen Großtierhändler gehörte, der die ost- und westeuropäischen Zoos belieferte. Einen seiner vier Elefanten verkaufte er an den Ostberliner Tierpark. Ich sollte den Elefanten zusammen mit einem der indischen Pfleger, Cholaf, in einem Güterwaggon begleiten. Normalerweise wird bei so einem Elefantentransport ein Mordsaufwand betrieben – mit Veterinär, Sicherheitskräften, qualifizierten Pflegern und Generalproben – aber die Inder gehen lockerer mit Elefanten um, Cholaf und ich hatten noch nie etwas mit Elefanten zu tun gehabt, und wir gingen davon aus, dass wir vielleicht einen halben Tag brauchten.

Der Elefant ließ sich willig auf einen Lkw verladen und anschließend in einen auf dem Güterbahnhof stehenden geräumigen Waggon führen, wo man ihn ankettete. In einer Ecke wurde Heu und Stroh gestapelt. Kurz vor Abfahrt erfuhr ich von einem Bahnbeamten, dass die Fahrt fast drei Tage dauern würde: Zu spät, ich hatte nur ein paar Schokoriegel mit. Der Chef drückte mir ein paar hundert Mark in die Hand – aber wo sollte ich die unterwegs ausgeben? Der Güterzug hielt alle paar Kilometer, weil er einen Personenzug vorbeilassen musste oder umgekoppelt wurde. Einige Waggons hängte man ab, andere an. Bei jedem Halt versuchte ich, mit einem Eimer frisches Wasser für den Elefanten zu besorgen, wobei ich ständig befürchten musste, unseren Waggon nicht mehr wiederzufinden – der Zug wurde ständig umrangiert. Cholaf blieb die ganze Zeit im Wagen. Noch schwieriger als das Wasserholen gestaltete sich das Essenbesorgen. Wenn der Lokführer und sein Assistent uns nicht mehrmals mit ihren von zu Hause mitgebrachten Butterbroten ausgeholfen hätten, wären wir fast verhungert. Wir schliefen neben dem Elefanten auf Heu und wuschen uns nicht.

An der DDR-Grenze wechselten die Zugführer. Bevor es weiterging, besuchten die neuen uns erst einmal im Waggon. Dann luden sie mich auf ihre Lok ein. Beim nächsten Halt stieg ich zu ihnen. Mit Cholaf konnte ich mich so gut wie gar nicht unterhalten, und zu lesen hatte ich auch nichts mitgenommen. Der Lokomotivführer tauschte seine Zigaretten gegen meine. Er erzählte mir lustige DDR- und Reichsbahn-Geschichten. Die Fahrt zehrte an meinen Nerven, außerdem stellte ich mir unsere Nahrungsmittelversorgung in der DDR noch schwieriger vor als im Westen, nicht einmal Ostgeld besaß ich. Der Lokomotivführer tauschte mir fünfzig DM zum »Freundschaftskurs« von 1:1 ein. An einem Rangierpunkt wurden drei Waggons mit Pferden an unseren Wagen gehängt. Sie waren ebenfalls für den Tierpark bestimmt – für die Raubtiere. Die etwa 60 Pferde, Maultiere und Esel wurden auf ihrer letzten Fahrt von einem alten Mann begleitet, der seine Tiere, die er zuvor überall in der DDR eingesammelt hatte, noch einmal ordentlich verwöhnte: Sie bekamen Heu und Hafer so viel sie wollten und standen buchstäblich bis zum Bauch im Stroh.

Unsere Waggons sollten am Bahnhof Lichtenberg ankommen, von dort wollte man uns mit Lastwagen abholen. Kurz vor Berlin gerieten wir jedoch bei einem neuerlichen Rangiergeschehen an die falsche Lok und fuhren in Richtung Norden. Hinter Oranienburg gelang es mir, den Lokomotivführer von der Fehlzusammenstellung seines Zuges zu überzeugen. Beim nächsten Halt wurden Pferde und Elefanten abgekoppelt, und wir mussten erneut endlos warten. Dem alten Pferdebegleiter war es egal: »So leben meine Tiere noch eine Weile länger«, meinte er. Schließlich setzte sich der Güterzug aber doch in Richtung Bahnhof Lichtenberg in Bewegung. Ich stieg bei dem bärtigen alten Mann in den Pferdewaggon. Weil er schon seit Jahren so unterwegs war, hatte er es weitaus gemütlicher als wir. Seine Waggons hatten elektrisches Licht, während es in unserem völlig dunkel war, so dass wir die Tür immer ein bisschen offen ließen, wodurch jedoch die Kälte hereinkam. Außerdem waren Cholaf und der Elefant so gut wie stumm. Manchmal machten sie den Eindruck, als hätte man gemeinerweise zwei völlig unschuldige Inder auf den Weg nach Sibirien geschickt. Ich war mir fast sicher, dass die beiden ihr Schicksal inzwischen bedauerten. Cholaf wurde immer dunkelhäutiger im Gesicht und der Elefant immer blasser, fragend wiegte er seinen Kopf hin und her. Wir verstanden uns, konnten aber kaum mehr füreinander tun, als weiter höflich und freundlich zueinander zu sein. Als wir am nächsten Morgen den Elefant offiziell übergaben, bot uns die Tierpark-Leitung an, zwei Tage länger als geplant zu bleiben, damit wir uns erholen konnten. Auf die Weise lernte ich auch noch einiges von Ostberlin kennen – allerdings nur im Tierpark, aber der war damals noch der weltweit größte.


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