Aus: Ausgabe vom 22.01.2018, Seite 1 / Titel

Krieg um Afrin

Türkische Luft- und Bodenoffensive gegen kurdischen Kanton in Nordsyrien. Russische Militärbeobachter zurückgezogen

Von Nick Brauns
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Bodentruppen Ankaras: Kämpfer der »Freien Syrischen Armee« an der türkisch-syrischen Grenze bei Afrin (21.1.2018)

Die türkische Armee hat am Wochenende mit einem Großangriff auf den selbstverwalteten Kanton Afrin im äußersten Nordwesten Syriens begonnen. Ziel der »Operation Olivenzweig« sei es, eine 30 Kilometer breite »Sicherheitszone« entlang der Grenze zur Türkei von »Terroristen« zu säubern, erklärte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim am Sonntag. Der Angriff richtet sich gegen die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG bzw. YPJ), unter deren Schutz die mehrheitlich von Kurden bewohnte Region bislang vom Krieg verschont blieb und in den vergangenen Jahren eine rätedemokratische Selbstverwaltung schaffen konnte.

Nach vorangegangenem Artilleriebeschuss bombardierten 72 türkische Kampfflugzeuge am Samstag nachmittag mehr als 100 Ziele. Getroffen wurden unter anderem das Zentrum der Stadt Afrin sowie ein Flüchtlingslager. Bei dem Angriff wurden sieben Zivilisten sowie drei YPG-Kämpfer getötet.

Begleitet von weiteren Luftattacken begann am Sonntag eine Bodenoffensive von der türkischen Grenze sowie dem türkisch besetzten Teil der syrischen Scheba-Region aus auf das kurdische Gebiet. Die Invasionstruppen stießen auf erbitterten Widerstand der YPG im Grenzgebiet. Fünf türkische Panzer wurden nach YPG-Angaben zerstört. Zum Einsatz kommen laut türkischen Medienberichten auch aus Deutschland gelieferte »Leopard II«-Panzer. Am Einmarsch beteiligt ist die »Freie Syrische Armee« (FSA), in deren Reihen sich Al-Qaida-Kämpfer und ehemalige Mitglieder des »Islamischen Staates« befinden.

Der syrische Präsident Baschar Al-Assad bezeichnete die »brutale Aggression« der Türkei gegen Afrin am Sonntag als »Unterstützung des Terrorismus«. Ohne Erlaubnis der Großmächte sei ein solcher Luftangriff nicht möglich, beschuldigte dagegen das Oberkommando der YPG Russland der »kriminellen Komplizenschaft« mit Ankara. Am Samstag hatten sich russische Militärbeobachter aus der Region zurückgezogen, um »Leben und Gesundheit der russischen Soldaten keinem Risiko auszusetzen«, wie das russische Verteidigungsministerium verlauten ließ. Moskau wolle Afrin so zur Unterordnung unter das Regime in Damaskus zwingen, heißt es dagegen aus YPG-Kreisen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan drohte der linken Demokratischen Partei der Völker (HDP) am Sonntag mit harten Konsequenzen, sollte sie ihre Anhänger gegen den Krieg auf die Straße rufen. In der südostanatolischen Metropole Diyarbakir stürmte die Polizei die HDP-Zentrale, um eine Pressekonferenz zu verhindern. Unterdessen versicherte Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu gegenüber der Tageszeitung Hürriyet die volle Unterstützung seiner kemalistisch-sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP) für den Angriffskrieg.

Das türkische Religionsamt Diyanet, zu dem auch der Islamverband DI TIB in Deutschland gehört, wies alle Moscheen an, vor den Gebeten die sogenannte Eroberungssure zu verlesen. Diese handelt von Krieg, Eroberung und Beute bei »Ungläubigen«.

»Unsere einzige Option ist der Widerstand«, erklärte die Kovorsitzende der Kantonsregierung von Afrin, Hevi Mustafa, nach Beginn der Angriffe. »Wir werden keine türkische Besatzung auf syrischem Boden erlauben«. Tausende Demonstranten gingen am Wochenende in vielen europäischen Städten auf die Straße, um ihre Solidarität mit der von Kurden bewohnten Region zu zeigen.


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