Aus: Ausgabe vom 27.01.2018, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Riesen zur Kasse bitten

Ein Bergführer aus den peruanischen Anden fordert den Energiegiganten RWE als Verursacher von Klimaschäden heraus

Von Frank Brendle, Huaraz
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Trügerisches Idyll: Immer gewaltigere Wassermassen sammeln sich durch das Schmelzen der Gletscher infolge der Erderwärmung in der Laguna Palcacocha. Für Huaraz sind sie bedrohlich

Huaraz ist kein Ort, an dem man sich bedroht fühlt. Tausende Besucher zieht es in die Stadt in der peruanischen Gebirgskette Cordillera Blanca, um sich an den Bergen zu erfreuen oder zu erproben, die hier fast bis auf 6.000 Meter aufragen. Wanderer und Kletterer finden eine gut entwickelte touristische Infrastruktur vor. Was nicht in den Werbetexten der Reiseanbieter steht: Die Stadt befindet sich in Gefahr. Weil die Gletscher schmelzen, könnte sie buchstäblich weggeschwemmt werden. Ein ortsansässiger Bergführer kämpft gegen diese Gefahr an – und klagt gegen den deutschen Energieriesen RWE.

Für ein Interview hat Saúl Luciano Lliuya eigentlich überhaupt keine Zeit: Tagsüber führt er Touristen durch die Berge, und wenn die Besucherzahlen mit Beginn der Regenzeit im Dezember nachlassen, widmet er sich wieder intensiver seiner Familie, seinem kleinen Acker, den Tieren und dem Neubau seines Hauses.

Genau um dieses Haus im Stadtteil Nueva Florida geht es vor Gericht, jedenfalls formal: Es droht mit hinweggerissen zu werden von der gewaltigen Flutwelle, die jederzeit über die Stadt hereinbrechen kann. Denn etwa tausend Meter oberhalb von Huaraz, auf 4.550 Meter über dem Meeresspiegel, befindet sich die Laguna Palcacocha. Der Gletschersee ist zwar malerisch anzusehen, sein Deich – eine natürliche Moräne - aber höchst fragil. Das Abschmelzen des Gletschers infolge der Erderwärmung hat die Lagune erheblich vergrößert. Ein Deichbruch ist Experten zufolge nur eine Frage der Zeit, sei es durch Erosion oder infolge des Absturzes eines großen Eisbrockens in den See. Das Wasser würde dann durch eine enge Schlucht hinunterstürzen, was bedeutet, dass die Flutwelle mehrere Meter hoch wäre. Mehrere Regierungsbehörden haben bereits 2013 bestätigt, dass diese Szenarien »eine latente Gefahr darstellen, der rasch begegnet werden muss.«

Saúl ist zwar kein Gletscherexperte, aber die Folgen des Klimawandels bekommt er täglich vor Augen geführt: »Seit ich vor 15 Jahren meine Ausbildung als Bergführer gemacht habe, gehe ich in die Berge, und Jahr für Jahr stelle ich fest, dass die Gletscher kleiner werden« – und die Laguna Palcacocha immer größer. Als Kind konnte er von seinem Elternhaus immer die Gletscherwände des Nevado Churup sehen, heute ist da vor allem schwarzes Gestein. Auch die Pflanzen- und Tierwelt verändere sich, berichtet er. »Als ich jung war, gab es hier noch Frösche, doch die sind mittlerweile ausgestorben.« Da es trockener sei, wachse weniger, dafür nehme die Zahl der Schädlinge zu, unter denen die Landwirtschaft zu leiden habe.

Präzedenzfall

Was man in dieser Lage tun kann, darauf hatte Saúl lange keine Antwort – bis er vor ein paar Jahren Kontakt zur Umweltorganisation Germanwatch bekam. Die suchte jemanden, der geeignet war, um in Deutschland eine »Klimaklage« zu führen. Die Logik dahinter ist einfach: Konzerne, die durch die von ihnen verursachten Emissionen zur Erderwärmung beitragen, sollen auch für die Folgen bzw. die fälligen Schutzmaßnahmen bezahlen – und zwar anteilig, je nach ihrem Beitrag zum Klimawandel. Germanwatch stützt sich auf eine Studie, nach der RWE seit Beginn der Industrialisierung 0,47 Prozent der weltweiten Emissionen zu verantworten hat. Die in Huaraz fälligen Sicherungsmaßnahmen werden mit 3,5 Millionen Euro beziffert. Von RWE wird nun gefordert, 17.000 Euro beizutragen.

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Für die Deichkontrolle ist auch der 81jährige Eduardo Díaz zuständig. Nur auf die Technik verlässt er sich dabei nicht. Rituale mit Coca-Blättern und Alkohol sollen die Lagune besänftigen

RWE hält dagegen: Die Tätigkeiten des Konzerns seien legal und eine Kausalität zwischen den Emissionen und dem Anwachsen der Laguna Palcachocha sei nicht nachgewiesen. In erster Instanz hatte das Landgericht Essen im Herbst 2016 die Klage als unzulässig verworfen. Am 30. November vorigen Jahres jedoch entschied das Oberlandesgericht Hamm, dass »auch derjenige, der rechtmäßig handele, für von ihm verursachte Eigentumsbeeinträchtigungen haften« müsse. Sollte also RWE Mitverantwortung dafür haben, dass das Haus von Saúl in Gefahr ist, müsste der Konzern zahlen, wie es nach dem hiesigen Gesetz vom »Störer« fremder Eigentumsrechte verlangt wird.

Saúl ist der erste, der es geschafft hat, einen europäischen Energiekonzern für seine klimaschädlichen Aktivitäten vor Gericht zu bringen. Gerne hätte er auch Konzerne in China oder den USA verklagt, sagt er, aber dafür fehlten ihm die Kontakte und die Mittel: Germanwatch bzw. die Stiftung Zukunftsfähigkeit finanzieren die Klage, deren Kosten in die Hunderttausende gehen dürften. Derzeit läuft die Beweisaufnahme. Zwei Gutachter sollen sich dazu äußern, ob bzw. in welchem Umfang die Emissionen von RWE zum Abschmelzen der Palcacocha-Lagune beitragen.

Die Umweltorganisation erhofft sich von dem Verfahren eine Signalwirkung. Juristische Auseinandersetzungen seien aber nicht die Lösung: »Es ist nicht in unserem Sinne, dass die oft armen und über ihre Rechte kaum informierten Betroffenen des Klimawandels alle selbst mit ihren Ansprüchen gegen große Energiekonzerne vor ein Gericht ziehen müssen«, erklärt der Verband. In Huaraz würden ja selbst im Erfolgsfall immer noch 99,53 Prozent der Mittel für den Dammbau fehlen. Aber wenn potentiell jeder größere Umweltsünder damit rechnen müsse, auf Schadenersatz verklagt zu werden – so das Kalkül –, würden die schlimmsten Dreckschleudern mit erheblichen Finanzrisiken verbunden. Dies könnte den Druck erhöhen, stärker auf regenerative Energietechniken zu setzen. Es geht, ganz klar, um Politik, und das ist auch nur logisch bei einer solchen Klage, die ja eigentlich eine Kampfansage gegen eine ganze Wirtschaftsweise ist.

Mann der Berge

Mit Politik hat Saúl indes gar nicht so viel am Hut. Eine Frage wie die, ob er als jemand, der vom Tourismus lebt, nicht auch selbst zur Erderwärmung beiträgt, bringt ihn schnell in die Defensive: Es sei in der Tat sehr kompliziert. »Ich lade Touristen ein, Peru zu besuchen, und dann kommen sie mit dem Flugzeug, und das Flugzeug verschmutzt die Atmosphäre. Das bringt einen schon zum Nachdenken.« Mit Statements wie »Es darf nicht dabei bleiben, dass Konzerne an der Verschmutzung verdienen und arme Länder allein für die Folgen aufkommen müssen«, tut er sich schwer, man muss sie ihm regelrecht aus der Nase ziehen.

Eine Person des öffentlichen Lebens zu sein, die gegen Autoritäten rebelliert, wurde dem Bergführer nicht in die Wiege gelegt. Als Kind wurde er auf Gehorsam gedrillt, seinem Vater rutschte schnell mal die Hand aus. Auch in der Schule war er kein Anführer, andere Kinder hänselten ihn, weil er kaum Spanisch konnte – im Elternhaus sprach man Quechua. Das sei seine Prägung, aber seine neue Aufgabe habe ihn verändert: »Ich lerne, in der Öffentlichkeit aufzutreten«. Weil es der Kampf für die Berge eben erfordere.

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Saúl Luciano Lliuya auf ungewohntem Terrain: Gemeinsam mit der Umweltanwältin Roda Verheyen stellt er sich den Fragen der Presse. Am 30. November 2017 ließ das OLG Hamm die Beweisaufnahme zu

Was diese für ihn bedeuten, merkt man schon an der Grammatik seiner Sätze: Wenn Saúl von den Bergen und den dort lebenden Menschen redet, spricht er von »Wir«. »Dass die Klage zugelassen wurde, bedeutet viel für mich und für uns, für die Berge.« Auf dem Rückflug von Deutschland habe er vom Flugzeug aus die Gipfel der Cordillera Blanca gesehen und mit ihnen gesprochen, erzählt er.

Saúl fragt sich auch, was er da mit ins Rollen gebracht hat. Am meisten schmerzt ihn, dass er selbst vor Ort nicht von allen verstanden wird. Ausgerechnet in dem Dorf Llupa, aus dem er stammt und in dem er noch ein Häuschen hat, stößt er auf Vorbehalte. »Die älteren Leute sehen zwar die Veränderungen der Natur, aber es fällt ihnen schwer, die Klage zu verstehen.« Nach seiner Rückkehr von der Gerichtsverhandlung kursierten böse Gerüchte im Dorf: »Viele glauben, ich wolle mich persönlich bereichern.« Letztlich sei das eine Frage der Bildung. Jüngere Menschen, die mehr Bildung haben, verstünden ihn sehr gut, und vor allem seine Bergführer-Kollegen stünden voll und ganz hinter ihm.

Zu den Anforderungen des OLG Hamm gehört der Nachweis, dass in Huaraz tatsächlich eine erhebliche Gefahr droht. Das dürfte leicht zu klären sein. Im Nationalen Institut zur Gletscherforschung (INAIGEM) in Huaraz bestätigt Ricardo Villanueva Ramírez, unter anderem für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, dass die Gletscher durch den Temperaturanstieg erheblich schneller abzuschmelzen begonnen haben. »Auf nationaler Ebene haben wir einen Rückgang an Gletscherfläche von 53 Prozent im Vergleich zu 1962.« Nicht nur würden die bestehenden Lagunen immer größer, sondern es seien auch ganz neue entstanden, »die für die Menschen, die unterhalb wohnen, häufig eine Gefahr darstellen.« Was er zur Laguna Palcacocha sagt, ist schlichtweg alarmierend: »Im Jahr 1974 umfasste die Lagune eine Million Kubikmeter Wasser. Heute sind es ungefähr 17 Millionen Kubikmeter. In der gleichen Lagune, mit dem gleichen Damm, der nicht dafür ausgelegt ist, eine solche Wassermenge zu halten. Er ist nicht sicher«, so Ramírez.

Bereits vor Jahrzehnten hat es in Huaraz aus eben dieser Lagune heraus eine Überschwemmung gegeben, die INAIGEM-Forscher Steven Wegner als größten »Gletscherseeausbruch« bezeichnet, der jemals bewohntes Gebiet heimsuchte. Am 13. Dezember 1941 stürzten ungeheure Wassermassen die Schlucht Quebrada Cojup hinunter und rissen eine weitere Lagune mit sich. Wegner hat in einer Broschüre Augenzeugenberichte gesammelt. Darin heißt es: »Ungefähr um 7 Uhr morgens hörten wir ein tiefes, uns unerklärliches Rumpeln. Ich stieg auf eine Mauer und sah, wie sich einige Straßenblöcke entfernt die Wipfel der Eukalyptusbäume hin und her bewegten und sich etwas Unbeschreibliches unaufhaltsam auf uns zu bewegte.«

Über zwei Stunden hinweg ergossen sich geschätzte acht bis zwölf Millionen Kubikmeter Wasser über die nördlichen Teile der Stadt. Die Zahl der Opfer ist nicht eindeutig dokumentiert, Wegner hält die damals vom Roten Kreuz genannte Zahl von 1.800 Toten für plausibel. Die Gebäude in den betroffenen Stadtteilen – größtenteils aus Adobe errichtet, also Lehmbauten - waren fast alle zerstört. Was nicht weggeschwemmt wurde, zertrümmerten riesige Felsblöcke mit bis zu 400 Tonnen Gewicht. Das Volumen der Lagune nach dem Ausbruch wird auf 500.000 Kubikmeter geschätzt – ein Vierunddreißigstel des heutigen Wertes.

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In Huarez fließen im Stadtteil Nueva Florida zwei vom Gletschersee gespeiste Flüsse zusammen

Kurze Vorwarnzeit

Genau dort, wo damals die Flut hereinbrach, gab es in den Jahrzehnten seither eine rege Besiedlung. Im Stadtteil Nueva Florida fließen gleich zwei vom Gletschersee gespeiste Flüsse zusammen. Hierhin sind 1984 auch Saúls Eltern gezogen. Bis zu 20.000 Menschen wären bei einer Flut in unmittelbarer Lebensgefahr. Betroffen wäre die ganze Stadt, nicht nur wegen der ökonomischen Schäden, sondern auch wegen des mit einer Flut verbundenen Trinkwasserausfalls. Steven Wegner verweist auf eine kleinere Überschwemmung im Jahr 2003, als es einen Abrutsch am linken Flügel des Deichs gab. Diese genügte, um die Trinkwasserversorgung für 60 Prozent der Bevölkerung fast eine Woche lang zu unterbrechen.

Auf den Ausgang des Prozesses gegen RWE zu warten, ist keine Option für Huaraz. Das Gletscherinstitut schätzt, dass eine Überschwemmung ökonomische Schäden in Höhe von rund 9 Milliarden Soles (ca. 2,3 Milliarden Euro) verursachen würde. Die notwendigen Sicherungsmaßnahmen dagegen beliefen sich auf lediglich 20 Millionen Soles (5,1 Millionen Euro). Ein Papier des Ministerrates der peruanischen Regierung von 2013 bestätigt neben der Latenz der Gefahr die Notwendigkeit, das Volumen des Sees um mindestens ein Drittel zu senken und Sicherungsmaßnahmen an der Lagune, am Deich und am Fluss durchzuführen.

Vor ein paar Jahren wurde ein Drainagesystem angelegt, um die Lagune zu entlasten, aber diese Maßnahme ist schon längst unzureichend. Man sei dabei, die besten Möglichkeiten zu erforschen, versichert Ricardo Ramírez vom Gletscherinstitut. Manchen Experten dauert das zu lang: Es fehle eine einheitliche, handlungsfähige Behörde, beklagt etwa Benjamin Morales Arnao, einer der Begründer der Gletscherforschung in Peru. Bislang gebe es eine »Vielfalt von Abteilungen, die nur dafür gut sind, sich ab und zu zusammenzusetzen und ein paar Meinungen abzusondern«, ohne ein Budget zur Umsetzung notwendiger Maßnahmen zu haben.

Angeblich steht ein Frühwarnsystem kurz vor seiner Einführung. Der Wasserspiegel wird schon seit einigen Jahren von einem Team von Arbeitern rund um die Uhr beobachtet. Alle paar Stunden funken sie die Behörden in Huaraz an, um die aktuellen Werte zu übermitteln. Inzwischen funktioniert diese Funkverbindung auch leidlich zuverlässig, es gibt zusätzlich ein Satellitentelefon – und meistens ist in der Behörde auch jemand präsent, der die Wasserstandsmeldung entgegennimmt. Eine neue Straße hoch zur Lagune soll den Transport von Forschern und Baumaterial erleichtern. Im Falle eines Deichbruchs bliebe den Bewohnern in der Stadt rund eine halbe Stunde, um sich in Sicherheit zu bringen.

Saúl indes nutzt die touristische Nebensaison und die Zeit, die ihm neben der Arbeit auf dem Feld und mit seinem Vieh bleibt, um das Adobehaus seiner Eltern durch ein Gebäude aus Ziegelsteinen zu ersetzen und aufzustocken. Es soll Platz für seine Frau und seine beiden Kinder, aber auch seine Eltern bieten. Stabiler hat es vielleicht eine Chance, die Flut zu überstehen, sagt er in einem Anflug von schwarzem Humor.


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