Aus: Ausgabe vom 20.01.2018, Seite 12 / Thema

Kritik des Falschen

Vor 25 Jahren starb der Mitbegründer der Kritischen Theorie Leo Löwenthal. Als Nestor der Literatursoziologie und Erforscher des Rechtspopulismus hat er noch heute Bedeutung

Von Arnd Beise
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Leo Löwenthals Studie »Falsche Propheten« von 1949 ist heute aktueller denn je – der Thüringer AfD-Landesvorsitzende und Chef der Landtagsfraktion Björn Höcke bei einer Kundgebung in Erfurt (13.1.2016)

»Wie kann man leben, ohne Shakespeare zu lesen?« fragte er gern. Bekannt wurde Leo Löwenthal, der Jura, Mathematik und Sozialwissenschaften studiert hatte, durch seine Arbeiten zur Massenkultur seit dem 18. Jahrhundert und zum bürgerlichen Bewusstsein in der Literatur der Neuzeit, zum Antisemitismus sowie zur autoritären Ideologie. In seinen letzten Lebensjahren galt Löwenthals Interesse hauptsächlich der geisteswissenschaftlichen Postmoderne, deren inhärenten Konformismus er deutlich sah und anprangerte, weil mit der Aufgabe des Begriffs der Wahrheit jeglicher Kritik die Spitze genommen sei.

Zwar ist sein Œuvre, verglichen mit dem seiner Kollegen vom Frankfurter Institut für Sozialforschung, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer oder Herbert Marcuse, eher schmal, doch öffnet es den Blick auf einen geistigen Horizont, der so weit ist wie jener der Genannten. Leo Löwenthal war 1926 zu dem Kreis um Max Horkheimer gestoßen und seither eine der Hauptstützen der »Kritischen Theorie«, auch »Frankfurter Schule« genannt. Als Horkheimer die Leitung des »Instituts für Sozialforschung« übernommen hatte, gründete man bald die inzwischen legendäre Zeitschrift für Sozialforschung, die Löwenthal leitend redigierte. Das erste Heft 1932 war als eine Art programmatische Schrift gedacht, berichtete Löwenthal später, als »eine Stellungnahme aller Hauptmitarbeiter der Zeitschrift in bezug auf das, was sie vereint, nämlich die materialistische Geschichtsauffassung, zugespitzt und angewandt auf das Feld, wovon sie am meisten verstehen. Horkheimer schrieb über Philosophie, Adorno über Musik, Pollock über Ökonomie, Fromm über Psychologie und ich eben über Literatur.« Löwenthals Aufsatz in diesem Heft trug den Titel »Zur gesellschaftlichen Lage der Literatur« und provozierte noch 1971, nunmehr unter dem präziseren Titel »Das gesellschaftliche Bewusstsein in der Literaturwissenschaft«, die traditionelle Germanistik. Seither gilt Löwenthal als einer der Nestoren der Literatursoziologie.

Wacher Verstand

Ein schöner Erfolg, von dem die meisten Literaturwissenschaftler nur träumen können, war Löwenthals Analyse der Werke Knut Hamsuns, die 1937 in der Zeitschrift für Sozialforschung erschien. Löwenthal erzählte gern die Anekdote der Entstehung dieses Aufsatzes: Horkheimer, Marcuse und er selbst hätten 1934 in einer New Yorker Hotelbar zusammengesessen, als das Gespräch auf den norwegischen Schriftsteller kam, der als einer der größten Romanciers des 20. Jahrhunderts galt und auch von Marcuse geschätzt wurde. Unsinn sei das, habe er, Löwenthal, sich ereifert, Hamsun sei einfach ein Faschist. Marcuse sei daraufhin eingeschnappt gewesen, Horkheimer aber hätte ihn bloß aufgefordert, seine Behauptung doch einmal schriftlich zu begründen. Löwenthal schrieb daraufhin den Aufsatz, in dem er mittels materialistisch-immanenter Analyse die Romane Hamsuns »als Antizipation faschistischer Mentalität« entlarvte und die Neigung des Autors zu »autoritärer Ideologie« herausarbeitete. Drei Jahre nach Drucklegung des Aufsatzes konnte Löwenthal einen traurigen Triumph feiern: Was außer ihm kaum einer für möglich gehalten hatte, geschah: 1940 legte Hamsun sein Bekenntnis zum »Nationalsozialismus« ab, das er auch nach Ende des Weltkriegs nicht zurücknahm, wie sein Nachruf auf Adolf Hitler – er nannte ihn einen »Krieger für die Menschheit« und eine »reformatorische Gestalt von höchstem Rang« – zeigt.

Ein anderes Beispiel für den Scharfsinn Löwenthals betraf die Situation nach 1989. »Ich war seinerzeit ob der Ereignisse in Berlin, Prag und Budapest auch euphorisch«, erzählte der 2015 verstorbene Soziologe Helmut Dubiel. Löwenthal aber habe das überhaupt nicht verstehen können: »Vor seinem Hotel in der Bockenheimer Landstraße verlor er die Contenance. Die alten Gespenster werden wiederkommen, sagte er. In Osteuropa wird der Geist der nationalistischen und ethnozentrischen Zwischenkriegszeit wiederauferstehen. Hier werden sie die Ausländer drangsalieren, die jüdischen Gräber schänden, und die Politiker werden korrupt genug sein, den Asylparagraphen unter dem Druck der Rechten aus dem Grundgesetz zu nehmen. Ich habe ihm heftig widersprochen. Er sollte leider recht behalten.«

Kein nationaler Gedanke vernebelte dem damals fast 90jährigen den Sinn. Vielleicht, weil er nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika geblieben war? Die größere Schärfe des Blicks vom Rand des Geschehens aus hatte er am Beispiel von Cervantes einmal begründet. Jedenfalls äußerte Löwenthal 1990 in einem Gespräch über den Begriff des Obszönen unumwunden: Wenn überhaupt etwas obszön sei, dann das, was in Deutschland vor sich gehe.

Unbestechlichkeit des Denkens ist nicht nur eine Eigenschaft Leo Löwenthals gewesen, sondern der ganzen Gruppe um Max Horkheimer. Selbst in den düstersten Zeiten eines scheinbar unbesiegbaren Faschismus erlagen die Vertreter der Kritischen Theorie nie der Versuchung, beispielsweise in der Sowjetunion einen Hort der Freiheit zu vermuten. 1937 oder 1938, so erinnerte sich Löwenthal, hätten Horkheimer, Marcuse, er und der zeitweilig dem Institut für Sozialforschung ebenfalls verbundene Kommunist Karl Wittfogel beim Mittagstisch zusammengesessen, als Horkheimer äußerte, »dass er in gar keiner Weise erstaunt wäre, wenn es zu einem Bündnis zwischen Hitler und Stalin käme, wenn Hitler auch nur die leiseste Ouvertüre machte. Da sprang Wittfogel wie von der Tarantel gestochen auf, warf wütend seine Serviette auf den Tisch, machte einige beschimpfende Bemerkungen, die ich hier nicht wiederholen will, und verließ das Restaurant in einem Zustand größter Wut. Wir mussten sogar für ihn noch bezahlen.« Wie die Geschichte lehrt, behielt Horkheimer recht.

Trotz aller Kritik am real existierenden Sozialismus hat die Frankfurter Schule aber Faschismus und Kommunismus niemals für austauschbar gehalten. Die Stärke der Kritischen Theorie liegt in ihrer unterscheidenden Kraft, in ihrem Beharren auf differenzierendem Denken. »Wenn zum Beispiel die Leute sagen, Faschismus und Kommunismus seien dasselbe, dann bestehe ich darauf, dass es eben nicht dasselbe ist. Der Sowjetkommunismus ist die Perversion einer Theorie, eines Moralsystems und eines Denkstils, der gut ist, der wesenhaft gut ist. Dagegen ist der Hitler-Faschismus nur schlecht, schon weil die ihm zugrundeliegende Menschenauffassung als Anthropologie unmenschlich ist«, erläuterte Löwenthal 1979. Das Wissen um die Qualität einer Theorie hat aber diese Leute niemals blind gemacht für die Perversionen bei ihrer praktischen Umsetzung.

Negative Geschichtsphilosophie

Der unverstellte Blick auf die Tatsachen in Ost und West führte zu einer Geschichtsphilosophie, die wesentlich negativ ist. Die von Horkheimer und Adorno verfasste »Dialektik der Aufklärung« (1944/47) – zu deren erstem Kapitel »Elemente des Antisemitismus« Löwenthal die Eingangsthesen beisteuerte – mündet in der Beschreibung eines ausweglosen Dilemmas. Alle Anstrengungen der Menschheit, sich in Hinsicht auf ein gesellschaftliches Glück aufzuklären, endeten noch stets in der Entfaltung größerer Barbarei. Alle positiven Utopien können unter solchen Umständen nur Heilsversprechungen von Demagogen sein. Das daraus sich ergebende so banale wie schwierige Problem liegt darin, dass keine Aussage über den Weg zum gesellschaftlichen Glück gemacht werden kann, die als Aussage über nicht Aussagbares nicht zugleich eine Lüge wäre. Mit anderen Worten: Nur in der Verneinung gegenwärtigen Unrechts kann die Hoffnung auf zukünftiges Recht enthalten sein. »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«, lautet einer der zu diesem Problem gern zitierten »Kernsprüche« aus Adornos »Minima Moralia« (1951).

Man kann fragen, was denn das richtige Leben sei. Löwenthal erläuterte 1989: »Das richtige Leben ist alles das, was das falsche Leben nicht ist. Man kann niemals, und dagegen haben wir uns immer verwahrt, positiv ausführen, was das richtige Leben ist. Das richtige Leben ist, das falsche Leben zu kritisieren, um es für das richtige Leben zu eröffnen. Wenn man sagt, was das richtige Leben ist, heißt das positive Religion predigen oder irgend so etwas. Das können wir weiß Gott nicht, denn das würde bedeuten, den Menschen eine neue Unfreiheit aufzuerlegen, indem ich ihnen sage, was für sie das richtige Leben sei. Wie kann ich das tun… Ich kann ihnen nur sagen, was das falsche Leben ist, so wie du mir das auch sagen könntest. Und nur aus dieser gleichsamen Zusammenarbeit der Menschen, und nur daraus, bilden sich revolutionäre Klassen; in dieser Zusammenarbeit in bestimmter Negation zu sagen, was das falsche Leben ist, das das richtige Leben verstellt, nur da ist ein richtiges Leben möglich. Richtig leben heißt, das Falsche nicht leben. Nicht mitmachen.«

Wer etwas von der widerständigen Kraft negativ dialektischen Denkens, wie es die Frankfurter Schule praktizierte, erfahren möchte, der lese Leo Löwenthal. Nicht etwa, weil Löwenthal ein flacherer Denker sei als meinetwegen Adorno, sondern weil Löwenthal erstens ein guter Lehrer war und zweitens, weil er die Erkenntnisse der oft relativ abstrakt formulierten Philosophie seiner Kollegen auf konkrete Gegenstände anzuwenden wusste und die dabei gewonnenen Einsichten lebendig darstellen konnte. Insbesondere möchte ich die Gespräche mit Löwenthal und die späten Aufsätze empfehlen, weil der Mann, je älter er wurde, um so besser schrieb. »Goethe und die falsche Subjektivität« (1982), »Literatursoziologie im Rückblick« (1983), die Shakespeare-Aufsätze sowie die »Rede anlässlich der Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises am 1. Oktober 1989« sind Perlen aufklärender Prosa, weil sie nicht nur nützlich oder belehrend, sondern auch schön zu lesen sind. Vor allem gilt das für den vor 33 Jahren geschriebenen Text »Calibans Erbe«. Ausgehend von dem systematisch immer noch wenig erforschten Faktum, dass quer durch die Zeiten und Kulturen Bücherverbrennungen immer wiederkehren, geht Löwenthal hier den politischen und allgemein kulturellen Implikationen dieser Barbarei nach. Seine Überlegungen zur intendierten »Auslöschung der Geschichte«, des »Ungesunden« und »anderen« sowie zur »Liquidation des Subjekts« durch »Atomisierung des Individuums« mittels »Terror« unterschiedlichster Art sind leider von unverminderter Aktualität.

Egozentrische Instrumentalisierung

Eine weitere wissenschaftliche Arbeit, diesmal sozialpsychologischen Charakters, die Löwenthal in Zusammenarbeit mit Norbert Guterman durchführte, nannte der 2012 verstorbene Frankfurter Philosoph Alfred Schmidt in einer Laudatio auf Löwenthal 1989 schon »wahrlich aktuell«. Wahrscheinlich wäre er, hätte er es noch erlebt, nicht überrascht gewesen, dass Löwenthal in seiner Analyse der Rhetorik jener »Prophets of Deceit« (dt. »Falsche Propheten«), die in den USA während der 1940er Jahre gegen das Establishment in Washington mobil machten, bereits 1949 ein genaues Porträt der rechten Populisten unserer Tage zeichnete.

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Leo Löwenthal (30.11.1900–21.1.1993) – Aufnahme vom 22.3.1982 in Frankfurt

Natürlich ist heute der Antisemitismus nicht mehr der Glutkern dieser Rhetorik (braucht es auch nicht zu sein, wie Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« ausführten, da der Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg tendenziell zu einer auswechselbaren »Planke« eines ressentimentgeladenen »Tickets« wurde), aber die zentralen Themen, die »Kunstgriffe« der »Agitatoren« und die Psychologie ihrer Anhänger wurden bereits bestechend genau analysiert.

Weniger interessant ist es, darauf zu verweisen, dass die Agitatoren der 1940er Jahre bereits mit dem Slogan »America First« antraten. Entscheidend ist dagegen die Analyse der Art und Weise, wie »entstellte Versionen« wirklicher Probleme von populistischen Agitatoren ausgenutzt werden, um sich als »ein neues, ich-fremdes und brutales Über-Ich« zu installieren. Nicht lösungsorientiert (dies kennzeichnet Reformer bzw. Revolutionäre), sondern egozentriert versuchen sie ein verbreitetes, aber diffuses Unbehagen – Löwenthal nannte es »Malaise« – zu instrumentalisieren.

Natürlich war das Unbehagen nicht grundlos: Die Moderne und erst recht die Postmoderne entwertete das Individuum, welches durch »Misstrauen, Abhängigkeit, Ausgeschlossensein und Enttäuschung« aufnahmebereit wird für die haltlosen und vagen Versprechungen selbsternannter »Leader«. Die »Verunsicherung« der kleinbürgerlichen »Mittelschicht«, die besonders anfällig für diese Art Agitation war und ist, war laut Löwenthal bedingt durch die »Ablösung einer Schicht kleiner, unabhängiger Produzenten durch gigantische Konzernbürokratien«, den »Zerfall der patriarchalischen Familienstruktur«, den »Auflösungsprozess persönlicher Bindungen in einer zunehmend mechanisierten Welt«, die »Spezialisierung und Atomisierung des gesellschaftlichen Lebens« und die »Ablösung traditioneller Muster durch Massenkultur«. Er suchte seine Analyse also materialistisch zu fundieren; dabei bediente er sich einer von Marx, Nietzsche und Freud gleichermaßen inspirierten Methode.

Erfolgreich ist der populistische Agitator, weil er sich der Ängste und Sehnsüchte sich benachteiligt fühlender Menschen in der Krise anzunehmen scheint. Deren »Malaise«, obgleich gesellschaftlich vermittelt, wird individuell als »seelische Krise« erlebt. Die Betroffenen sehen als Ursache ihres »Zustands der Schwere, der Furcht, des Unwohlseins« nicht eine ungerechte Gesellschaftsform, sondern die mitunter frei erfundenen, als Fake News verbreiteten Machenschaften irgendwelcher »Feindcliquen«. Diese greift der Agitator unentwegt an, ohne im Mindesten daran zu denken, die sozialen Verhältnisse tatsächlich zu ändern. Er will nur persönlichen Profit aus dem angestauten Unbehagen schlagen und ist daher bestrebt, die irrationalen Elemente der genannten »Malaise« noch zu steigern, um sich als aufopferungsvoller Erlöser oder Kämpfer gegen eine entrückte, korrumpierte Elite inszenieren zu können.

»Als unverbesserlicher Pessimist, der zugleich einen unauslöschlichen Funken utopischer Erwartung bewahrt«, wie sich Löwenthal selbst apostrophierte, fühlte er sich der »negativen Dialektik« der »Frankfurter Schule« verpflichtet. Schonungslose und vorurteilslose Mikroanalysen, die »in einen langen historischen Zusammenhang« eingebettet werden, bilden ihr Erkennungsmerkmal. Doch »negative Dialektik« ist anstrengend und daher nicht sehr beliebt. Anstrengend ist dabei nicht das dialektische Denken, sondern die dafür erforderliche psychische Verfassung. Adorno zitierte mehrmals den seiner Meinung nach »zwar provokativen, aber gar nicht dummen« Satz des Dichters Christian Dietrich Grabbe, der die erforderliche Paradoxie der Empfindung bereits andeutet: »Nichts als nur Verzweiflung kann uns retten«.

Spurensuche

Löwenthal schrieb einmal zum Trost: »Es wird noch schlimmer werden.« Wie kann dies aber ein Trost sein? Der Trost besteht eben darin, zu wissen, dass und warum es schlimmer werden wird. Nicht, es bloß zu ahnen oder bewusstlos zu erleben, sondern es zu wissen. Manche könnten versucht sein zu sagen, dieses Wissen mache einen aber passiv; wenn es sowieso schlimmer werde, dann brauche man sich nicht vergeblich dagegen zu stemmen. Doch nichts ist verkehrter. »Jede gesellschaftliche Situation enthält die mögliche Chance einer gegen sie selbst gerichteten Kritik und Veränderung«, formulierte Löwenthal einmal, und zwar deswegen, weil sie eine geschichtlich gewordene ist. Denn immer gefährden »die einer scheinbar geronnenen Situation vorangehenden gesellschaftlichen Formationen, die nie völlig dem herrschenden Paradigma einverleibt werden«, eben diese gegenwärtige Situation. Deswegen müssen Oppositionelle die historische Erinnerung pflegen und sich gegen die herrschenden Strategien des Vergessens wehren. Deswegen aber auch verleiht das Studium der vormaligen und gegenwärtigen Niederlagen der gesellschaftlichen Opposition Kraft und Mut für den Kampf um ein besseres, vielleicht sogar das richtige Leben.

Gegenüber Frithjof Hager sprach Löwenthal 1989 von der Aufgabe, die »Spuren dessen, was auf Änderungen hindeutet, wahrzunehmen und zu hoffen, dass sich sozialisierende Formen der Gesellschaft finden werden, die sich zu Gruppen, zu Parteien, zu Aktionsbündeln verdichten und eine Hoffnung auf eine politische Aktion darstellen«.

Sich im Besonderen zu engagieren, auch wenn man weiß, dass es vorerst im Allgemeinen nicht besser oder sogar schlimmer werden wird, bleibt also sinnvoll. Sich von den politischen Niederlagen nicht zermürben zu lassen ist die Zumutung, der sich Linke mit Hilfe der Kritischen Theorie besser gewappnet stellen können; ohne sie endet der Widerstand häufig in der Suche nach »Privatlösungen«, die aber eigentlich »ein psychisches Krankheitssymptom« bilden, »von dem die Menschen zum Teil dadurch geheilt werden, dass sie völlig konformistisch werden, und zum Teil dadurch nicht geheilt werden, so dass sie ganz kaputtgehen«, wie Löwenthal mit Blick auf 1968 und die Folgen einmal sagte. Um beide Klippen zu umschiffen, sind Löwenthals Schriften gute Lotsen.

In einem seiner letzten Interviews beschrieb sich Leo Löwenthal folgendermaßen: »Ich bin ein linker, theoretisch radikal eingestellter deutscher Jude, der amerikanischer Bürger geworden ist und der zusammen mit einer Gruppe, mit der er gelebt und gearbeitet« habe, versuchte, »das Beste aus der westeuropäischen« bzw. »deutschen Tradition fortzusetzen und kritisch weiterzuführen«. An diesen Versuch kann man anknüpfen.

Leo Löwenthal: »Mitmachen wollte ich nie«

Geboren am 3. November 1900 in Frankfurt am Main als Sohn einer Arztfamilie jüdischer Herkunft. Humanistisches Gymnasium. Seit dem Wintersemester 1918/19 »planloses« Studium an den Universitäten Frankfurt am Main, Gießen und Heidelberg. Politisch aktiv als Sozialist und Zionist. Promoviert mit einer Arbeit über den Ingenieur, Philosophen und Frühsozialisten Franz von Baader (1923) zum Doktor der Politikwissenschaft. Arbeit als Lehrer, Redakteur und Sozialarbeiter in Frankfurt am Main. Seit 1926 Stipendiat des von Carl Grünberg 1924 gegründeten Frankfurter Instituts für Sozialforschung, ab 1930 einer der beiden Hauptassistenten von Max Horkheimer; Löwenthal blieb bis 1949 am Institut und war Hauptredakteur der Zeitschrift für Sozialforschung; daneben hauptsächlich literatursoziologische Studien. Die Habilitation über die Philosophie von Hélvetius kommt wegen der Emigration nicht mehr zustande. Seit 1934 in den USA. Löwenthal arbeitet während des Kriegs im »Office of War Information« in Washington; später soziologische Studien u. a. für den offiziellen staatlichen Auslandssender der USA, Voice of America. 1955/56 Visiting Professor am Center for Advanced Studies (Stanford), seit Herbst 1956 Ordinarius für Soziologie an der University of California (Berkeley). 1982 Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main, 1985 Bundesverdienstkreuz, 1989 Theodor-W.-Adorno-Preis. Gestorben am 21. Januar 1993 in Berkeley.

Arnd Beise ist Professor für Germanistische Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte an der Schweizer Universität Freiburg im Üechtland. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. August 2017 über die »Fruchtbringende Gesellschaft«.


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