Aus: Ausgabe vom 18.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Von Hand aufgelegt

Senden, was einem selbst gefällt: Das Hamburger Internetradio ByteFM feierte seinen zehnten Geburtstag

Von Rafik Will
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Dieses Radio will eckig sein: Geburtstagstorte mit Medienbunker im Medienbunker

Jetzt fangen sie also an, die Teenagerjahre von ByteFM. Am vergangenen Wochenende feierte das wahrscheinlich außergewöhnlichste Musikradio der Bundesrepu­blik seinen ersten runden Geburtstag. Zum Zehnjährigen war beim Internetradio Tag der offenen Tür.

Am Samstag nachmittag kamen so viele Besucher in die Redaktionsräume im vierten Obergeschoss des sogenannten Medienbunkers am Hamburger Heiligengeistfeld, dass es zeitweise unmöglich war, sich um die eigene Achse zu drehen. Wenn doch mal Gelegenheit zu einer kleinen Pirouette mit Rundumblick war, konnten die Besucher die Radiomacher nur Dank der schicken pinkfarbenen ByteFM-Aufkleber erkennen, die sich die Gastgeber vor ihre Herzen geheftet hatten. Und das nicht etwa, weil zum Jubiläum alle Anwesenden demselben Dresscode unterliegen würden, nein, im Gegenteil: Die Anwesenden sehen alle völlig unterschiedlich aus. Und so wirkt ja auch das Programm des Radios. Diversität und Pluralismus sind hier keine Phrasen, sondern zutreffende Beschreibungen, seit man am 11. Januar 2008 »Transmission« von Joy Division als erstes Lied des Senders gespielt hat. Denn die Leute, die das Programm machen, zählen sich zu ihrer eigenen Zielgruppe.

Das ist eine Art gelebte Utopie. Sie spielen die Musik, die sie wollen. Andererseits bekommen sie auch so gut wie kein Geld dafür. Es gibt keine Werbung, es gibt keine Gebühren – aber es gibt keine Computerrotation. Sie nennen es »Autorenradio«, von Hand aufgelegt, täglich 15 Stunden von sechs Uhr morgens bis ein Uhr nachts (die restlichen fünf Stunden laufen Wiederholungen). Mit der Idee, »alle Musik zu senden, nicht nur die populärste«, folgt ByteFM einer Art »Bildungssehnsucht«, wie die Zeit schrieb. Das Geld für den laufenden Betrieb kommt von einem Förderverein mit rund 5.000 Mitgliedern, von denen jeder 50 Euro im Jahr zahlt.

Und so sticht die Station ByteFM aus der ansonsten recht tristen Reihe der Musikradios farbenprächtig hervor. Hier wird nicht versucht, die Hörerschaft irgendwo dort abzuholen, wo sie gerade vermutet wird. Dadurch wird die weitverbreitete Unsitte vermieden, zur Nutzerbindung leicht verdauliche Hit-Songs einer bestimmten Musikfarbe zu präsentieren, die ohnehin alle schon kennen – Formatradioelend. Statt dessen dürfen Musiker und Musikjournalisten bei ByteFM noch Sendungen machen, die sie auch selbst hören würden. Die rund hundert Autorinnen und Autoren haben dabei alle Freiheiten. Von experimentellen Kunstradios oder Ein-Personen-Internet-Projekten unterscheidet sich ByteFM durch seinen durchgängig hohen klangtechnischen Standard und die journalistische Professionalität. Hier senden alte Radiohaudegen wie zum Beispiel Klaus Walter oder Volker Rebell, die in den Nullerjahren vom Hessischen Rundfunk ausgemustert wurden, weil man nach Jahrzehnten festgestellt hatte, dass ihre Sendungen angeblich zuwenig Hörer erreichten.

Einige ByteFM-Autoren kommen von freien Radiostationen. So zum Beispiel Dirk Böhme vom Querfunk Karlsruhe: Bei ByteFM macht er nicht nur die Sendung »Verstärker«, sondern legte als Disco Böhme am Samstag abend bei der Geburtstagsparty auch als DJ auf. Oder Sandra Zettpunkt, die früher beim Hamburger FSK war, jetzt in der Schweiz lebt und bei ByteFM die Sendung »Golden Glades« gestaltet. Für das Jubiläum war sie extra angereist. Im Gespräch mit der jW betonte sie einen weiteren Aspekt, der für die Qualität von By teFM maßgeblich ist: Die Möglichkeit, den »Indiekonsens« zu brechen, indem man sich bei der Musikauswahl nicht nur auf die schreibtischfüllenden Vorschläge der Promoagenturen verlässt, sondern selbst nach neuen Klängen noch nicht etablierter Bands sucht, auf Bandcamp und anderswo.

Die Musik am Tag der offenen Tür war geprägt von Hörervorschlägen, denn es gab auch ein offenes Studio. Vor diesem bildete sich konstant eine Schlange, viele wollten mal mit einem Moderator vor dem Mikro sitzen und ihren Lieblingssong in die Welt schicken. Noch mehr Menschen trafen dann am Abend zur Geburtstagsparty im Resonanzraum ein, der praktischerweise im ersten Obergeschoss des Medienbunkers liegt. Dort gab es unter anderem Lobesreden von offizieller Hansestadtseite und vom 1. FC St. Pauli, dessen Stadion ganz in der Nähe des Medienbunkers liegt. Livemusik kam vom Ensemble Resonanz, bevor Die Sterne ein Konzert gaben, sozusagen als Geheimgig, der vorher nicht angekündigt worden war.

Wie zu hören war, sollen in absehbarer Zeit den Autoren auch Honorare gezahlt werden. Wenn es noch mehr Fördermitglieder werden. Wer sich dafür entscheidet, kommt immerhin auch in den Genuss, im gesamten, laufend aktualisierten Sendungsarchiv stöbern zu können.


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