Aus: Ausgabe vom 17.01.2018, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Arabischer Sozialismus

Von Gerrit Hoekman
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Damals Verbündete: Michel Aflaq, Gamal Abdel Nasser und Salah El Bitar (v.l.n.r.) im März 1963 in Ägypten

»Wollte man den Marxismus in 20 Punkten formulieren, so bin ich bereit, 18 davon zu unterschreiben. Die beiden einzigen Punkte, die uns noch von den Marxisten trennen, sind die Diktatur des Proletariats und das Verhältnis zur Religion«, stellte Gamal Abdel Nasser einst fest. Der vor 100 Jahren, am 15. Januar 1918, geborene Staatsmann, Präsident Ägyptens von 1954 bis 1970, gilt im Westen als Galionsfigur des sogenannten arabischen Sozialismus.

Die Wiege des arabischen Sozialismus steht aber gar nicht in Nordafrika, sondern in Syrien, Palästina und dem Libanon. Dort suchten Intellektuelle zwischen den Weltkriegen nach einem dritten Weg neben Kapitalismus und Kommunismus, der den spezifischen ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen der arabischen Welt angemessen sein sollte.

Protagonisten der Bewegung waren der griechisch-orthodoxe Christ Michel Aflaq und der sunnitische Muslim Salah Al-Din Al-Bitar. Beide stammten aus Syrien und studierten Anfang der 1930er Jahre gemeinsam in Paris, wo sie mit sozialistischem Gedankengut und den Werken der marxistischen Klassiker in Berührung kamen. 1947 gründeten sie in Damaskus offiziell die Arabische Sozialistische Partei der Wiedererweckung, kurz Baath.

Die Parole »Einheit, Freiheit, Sozialismus« beschreibt die wesentlichen Elemente der Ideologie. Einheit bedeutete dabei die staatliche Zusammenführung der gesamten arabischen Nation. Folgerichtig begrüßten Aflaq und Bitar die Gründung der Vereinigten Arabischen Republik, zu der sich 1958 Syrien und Ägypten zusammenschlossen. Das Experiment scheiterte bereits nach drei Jahren am Führungsanspruch Nassers. Die Syrer kündigten daraufhin das Staatenbündnis auf.

In wirtschaftlicher Hinsicht brachte der Ansatz einige Veränderungen. Eine Bodenreform enteignete einen Teil der Großgrundbesitzer. Die Kleinbauern profitierten davon jedoch nur in einem geringen Maße, das meiste Land behielten die alten Besitzer, nun aber als Pächter. Immerhin: Gesetze regelten erstmals Mindestlohn und Wochenarbeitszeit für die bis dahin weitgehend rechtlosen Landarbeiter. Die arabischen Sozialisten wollten keine Verstaatlichung im großen Stil. Nur Banken, wichtige Zweige der Großindustrie und Versorgungsunternehmen sollten in staatliche Hand.

Ihre stark nationalistische Einstellung brachte die arabischen Sozialisten in einen ständigen Konflikt mit den lokalen kommunistischen Parteien. Die Mehrheit der arabischen Sozialisten betonte zwar den Säkularismus, die besondere Rolle des Islam verneinte sie allerdings nicht.

Unter ihnen fanden sich auch radikalere Kräfte. In Syrien putschten 1966 die sogenannten Neobaathisten gegen die eigene Partei, die seit 1963 an der Macht war. Unter den Putschisten befanden sich viele junge Generäle, denen die Gemäßigten um Michel Aflaq zu bürgerlich waren. Sie verfolgten statt dessen einen eher marxistischen Kurs. Aflaq verließ Syrien und landete schließlich im Irak, wo Baath ebenfalls seit 1963 regierte. Die beiden Regime waren sich allerdings meistens spinnefeind. Das Experiment der Neobaathisten dauerte nur bis 1970, dann übernahm der moderatere General Hafis Al-Assad die Macht.

Heute ist der politische Einfluss arabischer Sozialisten kaum noch der Rede wert. In Syrien sind sie in Form der Baath zwar immer noch am Ruder, aber unter der Präsidentendynastie der Assads sind die einst hohen Ansprüche zu inhaltslosen Hülsen verkommen. An die arabische Einheit glaubt in Damaskus längst niemand mehr, und viele sozialistische Maßnahmen sind im Zuge von Privatisierungen zurückgenommen worden. Im Irak liefen viele Parteimitglieder gar zum »Islamischen Staat« über, nachdem sie infolge des letzten Golfkriegs und des Endes der Baath-Herrschaft unter Saddam Hussain politisch heimatlos geworden waren.


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