Aus: Ausgabe vom 17.01.2018, Seite 11 / Feuilleton

Die Bewegung lieben

Mit diesem Cartoon-Wunderbuch kommt kein Handy und auch kein Tablet mit: »Fluch der Akribik« von Bettina Bexte

Von André Poloczek
s11-1.jpg

Den kleinen, zusammensteckbaren Tuschepinsel hat sie, glaube ich, immer dabei. Es gibt von ihr wunderbare Skizzen aus Cafés und von öffentlichen Plätzen, die genau mit diesem Reisepinsel und schwarzer Tusche gemacht sind. Bettina Bexte ist Vollblutzeichnerin. Kein Tag ohne Strich, ohne Zeichnen geht es nicht bei der in Hamburg geborenen und seit vielen Jahren in Bremen lebenden Cartoonistin. Es darf wohl auch mal der Bleistift sein: 2016 wurde sie mit dem »Bronzenen Bleistift« des »Deutschen Karikaturenpreises« ausgezeichnet.

Ihre Skizzen haben immer schon den Charme und die Frische, die sich später in den gedruckten Cartoons wiederfinden. Sie sind schnell gezeichnet, graphisch gekonnt und komisch. Oft entsteht in den Vorzeichnungen auch schon Bextes Cartoonpersonal. Die Figuren sind besonders häufig in Bewegung, was um so stärker auffällt, als in Cartoons im allgemeinen gerne auch nur gesessen oder gestanden wird. Der Witz findet sich dann in der Sprechblase.

Aber Bexte mag die Aktion, die Komik in der Bewegung. Bei ihr tut sich was, bei ihr sehen wir etwa die durch und durch männliche Variante des Bauchtanzes – Männer, die pseudoerotisierend beim »Bierbauchtanz« ihre Wampen zum Schwingen bringen. Ebenso geschlechtsspezifisch geht es bei Bextes Geschlechtsgenossinnen zu. Ein Cartoon zeigt Frauen im besten Alter und in durchweg einteiliger Schwimmkleidung. Das Wort »Beckenbodengymnastik« deuten sie neu und machen ihre Übungen am Boden eines graphisch herrlich hellblau gefliesten Schwimmbeckens eines Hallenbades. »Linkes Bein hoch!« hatte wohl die Anweisung der Vorturnerin gelautet, und weil die Gymnastikstunde unter Wasser stattfindet, kommt diese Zeichnung zwar ohne Sprech-, nicht aber ohne Luftblasen aus, die durchs Chlorwasser nach oben steigen.

In Bexte-Cartoons wird geradelt, staubgesaugt und Laub geblasen, Leitern wollen erklommen und Fußballtore bejubelt werden. Keine Frage, Bexte liebt die Bewegung. Das war wohl schon während ihres Studiums in Hamburg so, wo sie neben Illustration auch Trickfilm studiert hat.

Für ihr jetzt im Eigenverlag erschienenes Buch »Fluch der Akribik« greift sie gleich zweimal zu unterschiedlichen Mitteln, um ein Cartoonbuch tatsächlich in Bewegung zu versetzen. Wenn ich mein Exemplar ungezielt aufschlage, lande ich immer auf der Doppelseite »Halbzeitpause«. Das wird vielen Leserinnen und Lesern genauso gehen, denn »Halbzeitpause« ist ein Pop-up-Blatt, das schon buchbinderisch aus dem Rahmen fällt. Zur Hälfte aufgeschlagen, also wenn das linke Blatt senkrecht steht, ist die 3-D-Szene komplett, und die Herren, die zuvor noch flach auf dem Boden lagen, stehen vor dem Spiegel. Womöglich hat sich die Zeichnerin für dieses Kabinettstück in Sachen Buchkomik in die Umkleidekabine des Weserstadions – sie wohnt ganz in der Nähe – begeben. Wir sehen sechs Männer in Fußballtrikots vor einem Cinemascope-Spiegel stehen, sie stehen wirklich, und was die Spieler da an Hairstyling-Übungen hinlegen, grenzt an Zirkeltraining in Sachen Selbstverliebtheit. Da werden Locken gedreht, da wird geföhnt und da werden Strähnen gegelt. Kein Handy, kein Tablet erlaubte uns derartig tiefe, dreidimensionale Einblicke in die Halbzeittoilette der Kicker; hier müssen wir nur das Buch aufschlagen.

Etwas mehr Arbeit für die Lesenden bringt der beigelegte Bastelbogen für ein Daumenkino mit sich. Dreißig sonderbriefmarkengroße Kärtchen wollen geschnitten und durch ein eingeklebtes Gummiband im Cellophantütchen gebunden werden, um einen »Film im Buch« zu produzieren.

Für das Daumenkino muss man den Filmschnitt eben selber machen, aber in Zeiten, in denen auch digitale Medien auf Interaktion setzen, ist das nicht zuviel verlangt. Der Lohn für die Schneidearbeit ist ein analoger Kurzfilm, der selbst im Weißen Haus in Washington verstanden würde – schon deshalb, weil er sogar die maximale Zeichenmenge von Twitter deutlich unterschreitet. Die Sinnhaftigkeit des Satzes erschließt sich erst, wenn man das Bexte-Buch »Fluch der Akribik« kauft, die Bastelarbeit nicht scheut und sich das Daumenkino durch die Finger laufen lässt.

Und für solch ein sinnliches, saukomisches Buch hätte sich kein Verlag gefunden? Nein! Darin steckt so viel liebevolle Detail- und Handarbeit, dass es aus verlegerischer Sicht durch jede Kalkulation gefallen wäre. Circa tausend handgeklebte Pop-up-Männerumkleiden und ebenso viele Tütchen mit Gummibändern auf der Innenseite des Buchrückens!? Das rechnet sich nicht für einen Verlag. Deshalb ist die Zeichnerin dadurch nicht nur zur Verlegerin, sondern zur Logistikmanagerin geworden; schließlich übernimmt sie auch den Vertrieb selbst. Dass es dieses wunderbare Buch gibt, liegt daran, dass Akribie, oder Akribik, eben wirklich ein Fluch ist. Andererseits wirken die monotonen Klebearbeiten auf sie kontemplativ, sagt sie – »fast wie eine Meditation«.

Bettina Bexte: Fluch der Akribik, Bremen 2017, Selbstverlag, 25 Euro

Kontakt: https://www.bettinabexte.de


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Feuilleton