Aus: Ausgabe vom 15.01.2018, Seite 15 / Politisches Buch

Vorwurf Antisemitismus

Der jüdische Autor Abraham Melzer setzt sich mit der deutschen Staatsräson auseinander

Von Knut Mellenthin
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Kritiker der israelischen Besatzungspolitik werden von der Bundesregierung als Rassisten denunziert (Zionistische ­Proteste gegen den Al-Quds-Tag in Berlin, 11. Juli 2015)

Der »Kampf gegen den Antisemitismus« ist Teil der offiziellen deutschen Staatsräson. Dabei kann man sicher sein, dass die meisten deutschen Politiker und Journalisten nur eine schwache Vorstellung davon haben, was Antisemitismus bedeutet, wie der Begriff im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstanden oder wie er gegenwärtig zu definieren und abzugrenzen ist.

Der Vorwurf des Antisemitismus wird hierzulande seit mehreren Jahrzehnten eingesetzt, um möglichst bequem und wirkungsvoll Kritik an Israels Umgang mit den Palästinensern abzuwehren und pauschal zu diskreditieren. Praktisch geht es darum, sowohl die Kritik an der israelischen Politik als auch die Verbindung zu stigmatisierten Personen unter Anfangsverdacht zu stellen.

Zu diesen gehört der jüdische Verleger und Publizist Abraham Melzer. Seit Oktober ist sein Buch »Die Antisemitenmacher. Wie die neue Rechte Kritik an der Politik Israels verhindert« auf dem Markt. Schon die Reaktionen auf den Versuch des 72jährigen, die Neuerscheinung am 13. Oktober während der Buchmesse in Frankfurt am Main vorzustellen, demonstrierten die Mechanismen, die er seit langem kritisiert: Die Saalbau Betriebsgesellschaft, eine Tochter der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG Frankfurt Holding, entzog ihm den bereits fest vereinbarten Pachtvertrag mit dem Gallus-Zentrum. Ohne konkret zu werden, berief die Behörde sich im Kündigungsschreiben auf »eingehende Recherchen über die Inhalte der Buchvorstellung«. Eine Woche vorher hatte der Haupt- und Finanzausschuss des Frankfurter Stadtparlaments beschlossen, »Antisemitismus keinen Raum zu geben« und insbesondere die Vermietung von Räumen an die BDS-Bewegung – die Abkürzung steht für »Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen« gegen Israel – generell zu verhindern. Auf diesen Beschluss bezog sich ABG-Geschäftsführer Frank Junker, als er der Frankfurter Rundschau (FR) zu der Maßnahme gegen Melzer erklärte: »Wir wollen nicht, dass Räume der Stadt von Personen genutzt werden, die antisemitische Gruppierungen unterstützen.«

Inwiefern das bei Melzer der Fall sein soll, lässt sich aus den Kündigungsbegründungen nicht erkennen. Viele Manipulateure des Antisemitismusvorwurfs haben sich an ihren gesellschaftlichen Rückenwind so gewöhnt, dass sie nachvollziehbare Argumente für überflüssig halten. Junker gab sich im Rechtsstreit mit Melzer noch am 6. Oktober gegenüber der FR »völlig entspannt« und selbstherrlich: »Das ist sein gutes Recht. Ich bin selbst Jurist, ich sehe dem gelassen entgegen.« Vor Gericht verlor er trotzdem, die Buchvorstellung durch den Verfasser konnte mit Verspätung stattfinden.

Dass ein Buch und sein Autor unfair angefeindet werden, ist allein noch kein Beweis für seine Qualität. »Gut gemeint« ist nicht nur das Gegenteil von Kunst, sondern manchmal auch von Politik. Dass Melzers Buch »notwendig« ist, wie es in den wenigen positiven Bewertungen aus eindeutig interessierten Kreisen heißt, sei jedoch weder bestritten noch auch nur angezweifelt. Das allgemeine Defizit zu diesem Thema, das aus Gründen der »Staatsräson« immer wieder gezielt in die Schlagzeilen gehoben wird, ist groß und beklagenswert. Viele Sachverhalte, die Melzer vorträgt, und die Denkanstöße, die er damit verbindet, sind wichtig.

Die durchgehend autobiographische Anlage des Buches gehört einerseits zu seinen Stärken, trägt aber andererseits auch zu seinen Schwächen bei. Juden aus Melzers Bekanntenkreis und Gefährten auf seinem Lebensweg, angefangen bei seinem längst von den Höhen früheren Ruhms abgestürzten Jugendfreund Henryk Broder, ziehen sich durch das Buch als Hauptfiguren, an denen der Autor sich abarbeitet. Warum aber im Untertitel von »neuer Rechter« die Rede ist, bleibt unklar. Der nichtjüdische gesellschaftliche Hintergrund, der den Antisemitismus-Anklägern eine nahezu absolute Monopolstellung verschafft, erscheint zuwenig beleuchtet.

Zieht man das analytisch hochwertige, sprachlich geschliffene Vorwort von Moshe Zuckermann, kurze Anhänge und die Erläuterung der Fußnoten ab, bleiben für Melzers Text 260 Seiten. Betrachtet man auf dieser Grundlage das viele Einzelfragen umfassende Inhaltsverzeichnis – von der jüdischen Geschichte der letzten 3.000 Jahre über die aktuelle Querfront-Debatte bis zur muslimfeindlichen These des mit den Flüchtlingen »importierten Antisemitismus« –, liegt auf der Hand, dass diese Aspekte unmöglich alle auf so schmalem Raum qualifiziert behandelt werden können. So hat der Autor im wesentlichen ein Handbuch für Menschen geschrieben, die sich bisher wenig mit dem Thema befasst haben und einen zugänglichen Überblick gewinnen wollen. In gewisser Weise scheint auch Melzer selbst diesem Kreis anzugehören. Seine Urteile sind stets meinungsstark, aber nicht durchgehend auch differenziert und kompetent. Seine an mehreren Stellen wiederholte Behauptung, ihm persönlich sei Antisemitismus »egal«, da er sich durch die deutsche Verfassung, Justiz und Polizei geschützt sehe, macht ihn zu genau diesem Thema nicht glaubwürdiger.

Abraham Melzer: Die Antisemitenmacher. Wie die neue Rechte Kritik an der Politik Israels verhindert. Westend-Verlag, Frankfurt am Main 2017, 288 S., 18 Euro


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