Aus: Ausgabe vom 13.01.2018, Seite 15 / Geschichte

Mehr als ein Hoffnungsfunke

Im Januar 1943 konnte die Sowjetarmee mit der Operation »Iskra« eine Bresche in den Belagerungsring der Wehrmacht um Leningrad schlagen

Von Martin Seckendorf
Frontverlauf um Leningrad (Mai 1942 bis Januar 1943)
Frontverlauf um Leningrad (Mai 1942 bis Januar 1943)

Die Faschisten hatten für den Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 drei strategische Großverbände (Heeresgruppen) bereitgestellt. Die Heeresgruppe Nord sollte mit zwei allgemeinen (16. und 18. Armee) und einer Panzerarmee (Panzergruppe 4) den Nordwestteil der Sowjetunion mit Leningrad als Hauptziel erobern. Hitler war die Millionenstadt als Wiege der Revolution, als Stadt Lenins, besonders verhasst. Außerdem war Leningrad ein bedeutender Industriestandort, Verkehrsknoten und Marinestützpunkt. Seit dem 3. September wurde die Stadt »von schwerster Artillerie unter Feuer gehalten«, wie es im Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) heißt. Ende August stieß die Panzergruppe 4 südlich an Leningrad vorbei in Richtung Ladogasee, eroberte den Bahnknoten Mga und besetzte am 8. September Schlüsselburg sowie das etwa 15 Kilometer lange Südufer des Sees. Im Norden, auf der Karelischen Landenge, versperrten finnische Truppen als Verbündete der Nazis den Zugang zum Leningrader Gebiet.

Eingeschlossen

Die fast drei Millionen Einwohner der Stadt und der Randgebiete, darunter mehr als 400.000 Kinder, waren eingeschlossen. Nur über den Wasserweg im Süden des Ladogasees konnte die Stadt noch erreicht werden. Bis Oktober/November war Schiffahrt möglich. Ab Ende November konnte die schnell dicker werdende Eisdecke auf dem See für den Verkehr mit Pferdefuhrwerken und Kfz genutzt werden. Die »Straße des Lebens« diente der Versorgung der Stadt, dem Nachschub für die Rote Armee und der Evakuierung von Hunderttausenden Zivilisten. Deutsche Artillerie und Luftwaffe griffen die Verbindungsroute über den See häufig an. Seit Herbst 1942 setzte die Wehrmacht gegen die Stadt schwerste Belagerungsartillerie ein. Darunter befanden sich überschwere Mörser und Langrohrgeschütze mit Kalibern bis zu 60 Zentimetern, die vor allem aus dem soeben eroberten Sewastopol auf der Krim kamen und dort die größte Festung der Welt »sturmreif« geschossen hatten. Auch die 11. Armee, die Sewastopol erobert hatte, wurde der Heeresgruppe Nord zugeführt.

Die Verluste unter der Bevölkerung durch Beschießungen und Bombardierungen, vor allem durch die schlechter werdende Versorgung, stiegen dramatisch. Ein ungewöhnlich harter Winter mit Nachttemperaturen unter minus 40 Grad verschärfte die Situation. Etwa 900.000 Menschen starben während der Belagerung – ein von der deutschen Führung angestrebtes Ergebnis. Auf einer Besprechung am 13. November 1941 sagte der Generalquartiermeister im Oberkommando des Heeres, Eduard Wagner, Leningrad müsse verhungern, »denn es ist unmöglich, diese Stadt zu ernähren«.

Im November 1941 spitzte sich die Lage weiter zu. Die 16. deutsche Armee stieß in Richtung Nordost vor und besetzte am 8. November Tichwin. Ziel des Angriffs war die Vereinigung mit den in Karelien stehenden finnischen Truppen. Damit wäre das gesamte Ostufer des Ladogasees unter Kontrolle der Nazis geraten und die »Straße des Lebens« gekappt worden. Am 1. Dezember 1941 begann die Rote Armee eine Gegenoffensive, mit der sie die Wehrmacht wieder auf ihre Ausgangsstellung hinter den Fluss Wolchow zurückwarf. Der Erfolg bei Tichwin sicherte nicht nur die fragile Verbindung nach Leningrad über den Ladogasee. Zusammen mit der am 5. Dezember begonnenen sowjetischen Gegenoffensive bei Moskau war er auch ein untrügliches Zeichen für das Scheitern der Blitzkriegsdoktrin der Nazis.

Mit der Besetzung der Südküste des Ladogasees und der Stadt Schlüsselburg im September 1941 hatte sich eine eigenartige geografische Situation ergeben. Zwischen der sowjetischen Leningrader Front am Ufer der Newa und den sowjetischen Stellungen im Osten des faschistischen Besatzungsgebietes lagen nur etwa 15 Kilometer. Diesen »Flaschenhals« hatten die Besatzer stark befestigt und mit frisch aufgefüllten Verbänden belegt. Unter anderem wurde die schwere Panzerabteilung 502, ausgerüstet mit dem neuen Kampfpanzer »Tiger«, einem 57 Tonnen-Ungetüm mit langer 8,8 cm Kanone, zugeführt.

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Die Verteidiger Leningrads (Marinesoldaten und Arbeiter des Kirow-Werks) im April 1942

Am 8. Dezember 1942 erteilte das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte der Leningrader Front, die im Belagerungsring stationiert war, und der Wolchowfront, die östlich des deutschen Besatzungsgebietes lag, den Befehl, in einer gemeinsamen, gründlich vorzubereitenden Operation unter der Deckbezeichnung »Iskra« die Gruppierung des Gegners im Raum Lipka-Schlüsselburg »zu zerschlagen und damit die Belagerung Leningrads zu sprengen«. (Eine sowjetische Front entsprach etwa einer deutschen Heeresgruppe). Am 12. Januar 1943 eröffnete die Rote Armee mit einem Trommelfeuer aus 4.500 Geschützen die außerordentlich erbittert geführten Kämpfe. Die sowjetische Artillerie erreichte eine Dichte von bis zu 160 Rohren pro Frontkilometer.

Drei Tage später trafen sich die Soldaten der beiden sowjetischen Fronten etwa in der Mitte des »Flaschenhalses«. An der Südküste des Ladogasees waren zwei deutsche Divisionen eingeschlossen. Das Kriegstagebuch des OKW enthält für den 15. Januar folgenden Eintrag: »Bei der 18. Armee gelang es dem Feinde, 2/3 der 227. Inf(anterie)-Div(ision) durch doppelten Einbruch abzuschneiden und damit den Einschließungsring um Leningrad erstmals zu durchbrechen.« Am 18. Januar war auch Schlüsselburg befreit und damit die gesamte Südküste des Sees wieder in sowjetischer Hand.

Am 19. Januar meldete der sowjetische Rundfunk die erlösende und hoffnungsfrohe Nachricht über die Sprengung des Belagerungsringes. Die Rote Armee hatte unter entsetzlich großen Opfern entlang der gesamten Südküste des Ladogasees einen bis zu elf Kilometer tiefen Landkorridor nach Leningrad geschaffen. Ein Vordringen über den Höhenrücken bei der Ortschaft Sinjavino hinaus, um auch den wichtigen Bahnknoten Mga zu befreien und eine Schienenverbindung mit Moskau zu erreichen, scheiterte.

Die Sowjetunion ging daran, am Südufer des Ladogasees eine 35 Kilometer lange Eisenbahntrasse zu bauen. Innerhalb von drei Wochen war die Strecke betriebsbereit und ein Übergang über die Newa geschaffen. Am 7. Februar 1943 traf der erste Zug in Leningrad ein. Der Verkehr konnte schnell gesteigert werden: Im Februar 1943 fuhren 69 Züge, im April 157 und im Juli 369. Die Verkehrsleistung wurde dadurch beeinträchtigt, dass die Wehrmacht die Höhenzüge bei Sinjavino halten konnte. Damit lag die Verbindung im Feuerbereich der deutschen Artillerie.

Durch die Operation »Iskra« wurde die Lage Leningrads deutlich verbessert. Doch es bedurfte noch eines weiteren Jahrs schwerer opferreicher Kämpfe der Roten Armee, bis die Blockade nach fast 900 Tagen am 27. Januar 1944 vollständig gesprengt werden konnte.

»Dem Erdboden gleichmachen« – Die Planung eines Kriegsverbrechens
Seit Beginn der deutschen Aggression gegen die UdSSR planten die Nazis, Leningrad auszulöschen, ihre Bevölkerung dem Hungertod preiszugeben.
In dem Protokoll über die Kriegszielkonferenz der Faschisten am 16. Juli 1941 heißt es, man wolle »Leningrad dem Erdboden gleichmachen«.
Am 29. September, als die Millionenstadt bereits drei Wochen eingeschlossen war, fasste die Seekriegsleitung die Befehlslage zum »weiteren militärischen Vorgehen« zur »Auslöschung Petersburgs« zusammen. Darin heißt es: »II. Der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden verschwinden zu lassen. Es besteht (…) keinerlei Interesse an dem Fortbestand dieser Großsiedlung (…) IV. Es ist beabsichtigt, die Stadt (…) durch Beschuss mit Artillerie aller Kaliber und laufendem Lufteinsatz dem Erdboden gleichzumachen. Sich aus der Lage in der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen, da das Problem (…) der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden (…) soll. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teiles dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht.«
Am 7. Oktober 1941 wurde vom Oberkommando der Wehrmacht befohlen, Moskau und seine Einwohner ähnlich wie Leningrad zu behandeln.

Aus: Verbrecherische Ziele – Verbrecherische Mittel. Dokumente der Okkupationspolitik des faschistischen Deutschlands auf dem Territorium der UdSSR, Moskau 1963, S. 63, S. 339 f. u. S. 342 f.


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