Aus: Ausgabe vom 13.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Die Wärme des Eises

Geschichte einer Abnabelung und Hommage an die Eislaufnation DDR: Der Kinofilm »Die Anfängerin«

Von Alexander Subtil
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Endlich frei? Titelheldin unter den Augen der Mutter (links mit Pelzmütze)

»Dass ich in meinem Alter noch eine Scheidung mitmachen muss!« Das sagt nicht etwa die von ihrem Mann Verlassene, sondern deren Mutter, gespielt von Annekathrin Bürger. Sie leidet viel und sie leidet laut, diese Doktorin der Medizin im Ruhestand. Vor allem sind ihre Ansprüche zu groß für die eigene Tochter, die weder im Privaten gut genug ist noch als Nachfolgerin in der Arztpraxis.

Im Film »Die Anfängerin« geht es nicht nur darum, dass jemand mit 58 Jahren noch einmal etwas Neues ausprobiert, das Eiskunstlaufen, sondern auch um die späte Emanzipation von der Übermutter. Zunächst ist das Eislaufen für die Titelheldin (Ulrike Krumbiegel) nur eine ferne Kindheitserinnerung an eine Welt voller Eleganz und Leichtigkeit, wachgerufen beim nächtlichen Bereitschaftsdienst an der Eishalle des Berliner Olympiastützpunktes. Als die Ärztin dann beschließt, ihrem Leben nach dem Scheitern der Ehe eine neue Richtung zu geben, nähert sie sich der Glitzerwelt des Kufensports auf zwei Wegen an: Da gibt es die Hobbyeiskunstlaufgruppe von Erwachsenen, die viel Herzblut in das anstehende Vereinsschaulaufen steckt, und daneben die Leistungssportlerinnen mit ihren grässlichen Rollkoffern, bei denen nach Trainingsstürzen echtes Blut fließt. Zur Hobbygruppe muss die Heldin Zugang finden, um ihren Traum zu verwirklichen, doch noch das Eislaufen zu erlernen. Mit den Leistungsläuferinnen kommt sie als Ärztin in Kontakt, zunächst mit einer Berliner Jugendmeisterin (glanzvolles Debüt: Maria Rogozina). Diese hat nicht nur mit dem Doppellutz und der Kadernorm zu kämpfen, sondern auch mit den Erwartungen ihres Vaters, die unterhalb von Olympiagold nicht erfüllt sind. Das einzige Lebewesen, das in diesem Film keine Leistung erbringen muss, sondern einfach so geliebt wird, nur weil es da ist, ist der Hund der Titelfigur.

Im ersten Drittel dieses ungewöhnlichen Films von Alexandra Sell (Buch und Regie) dominiert ein Humor à la Loriot, dessen Tragik darin besteht, dass jede dieser Figuren unfähig ist, in einer vorgegebenen Situation den richtigen Ton zu finden. Wie beendet man mit Anstand eine langjährige Beziehung? Wie tröstet man das eigene Kind, wenn es verlassen wurde? Wie spricht man als Ärztin mit einer offenbar depressiven Patientin, die immerhin noch den Wunsch nach einer Therapie äußert? Der Mangel an Empathie, die Gefühlskälte, ja Frostigkeit, mit der diese Menschen durchs Leben gehen, lässt die Eishalle nachgerade als wärmendes Lagerfeuer erscheinen, das im zweiten Drittel des Films dann in selbstgenähten Kostümen entsprechend eifrig umtanzt wird.

Dieser kniffligste Teil des Films ist sein Herzstück. Hier wird die Härte des Kadertrainings gezeigt, es geht um Intrigen und Konflikte zwischen Breiten- und Leistungssport, um die Angst vor dem nächsten Wettkampf und das Herunterschauen auf die, die aus dem Fördersystem geflogen sind. Freunde des Eiskunstlaufs können sich hier an der Detailverliebtheit der Inszenierung erfreuen, an den Plakaten und Fotos der großen Stars an den Wänden, den auf einem Wohnzimmertisch ausgebreiteten Büchern und Zeitungsartikeln – die Ausstattung überzeugt. Aber ist das auch interessant für Zuschauer ohne Bezug zum Eiskunstlauf? Ja, denn der Film hat sich Zeit gelassen, Figuren in ihrem Alltag zu porträtieren; Figuren, von denen man wissen möchte, ob oder wie sie sich weiterentwickeln, selbst wenn einem das Milieu fremd ist.

Im Verlauf der Erzählung von einer überfälligen Abnabelung wird »Die Anfängerin« zur Hommage an den Sport und die Eislaufnation DDR. Im letzten Drittel tritt schließlich Christine Stüber-Errath auf, die 1974 in München Weltmeisterin wurde. Im Film ist sie nach ihrem Rücktritt vom Leistungssport jahrzehntelang nicht mehr gelaufen und kehrt nun aufs Eis zurück. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt, als die Titelheldin, nachdem sie gerade mal drei Monate auf Schlittschuhen stand, ihre Kür beim Vereinsschaulaufen direkt nach der Exweltmeisterin zeigen soll.

Keinen Gefallen tut sich der Film gegen Ende mit der Musikauswahl. Unnötigerweise wird da mit dem Holzhammer (»Endlich frei!«) eine Botschaft verstärkt, die auch so rübergekommen wäre. Hätte die Regisseurin weiter der Kraft der Bilder vertraut, wären einem ein paar kitschige Momente im Finale erspart geblieben, aber sei’s drum. Sehenswert bleibt er trotzdem und als Fazit ließe sich festhalten: Erwachsene tun manchmal komische Dinge und Kinder werden überhaupt viel zu sehr gegängelt.

»Die Anfängerin«, Regie: Alexandra Sell, D 2017, 98 min, Kinostart: 18. Januar, Voraufführung in Anwesenheit von Christine Stüber-Errath, Annekathrin Bürger, Ulrike Krumbiegel und anderen am Montag, 20 Uhr, Kino Toni am Antonplatz, Berlin-Weißensee


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