Aus: Ausgabe vom 12.01.2018, Seite 12 / Thema

Regieren mit Zahlen

US-Administration wettert gegen Bandenkriminalität, entfernt die entsprechenden Daten aber aus der offiziellen Statistik

Von Jürgen Heiser
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Der US-Präsident hat sich zumindest propagandistisch dem Kampf gegen Bandenkriminalität verschrieben. Entsprechende Statistiken sollen aber nicht öffentlich bekannt werden (Donald Trump macht am 28. Juli 2017 vor Polizisten in New York Stimmung gegen die Straßengang MS-13)

Die US-Bundespolizei Federal Bureau of Investigation (FBI) veröffentlicht immer gegen Ende des Jahres unter dem Titel »Uniform Crime Reporting Program« (UCR) ihren Bericht über die Kriminalitätsstatistik der USA aus dem Vorjahr. Aus der Taufe gehoben wurde dieses »Einheitliche Programm der Kriminalitätsstatistik« von der International Association of Chiefs of Police. Diese Vereinigung war bereits 1893 von 47 US-Polizeichefs gegründet worden. 1929 schuf sie das UCR-Programm, »um dem Bedürfnis nach einem Zugriff auf zuverlässige einheitliche Kriminalstatistiken für die Nation nachzukommen«. So beschreibt es jedenfalls das FBI rückblickend auf seiner Website. Ab dem Jahr 1930 erhielt die Bundespolizei dann höchstselbst den Regierungsauftrag, diese statistischen Daten zu sammeln, zu archivieren und ihre systematische Auswertung regelmäßig zu veröffentlichen.

Bis heute dient das UCR-Programm der Orientierung aller US-Strafverfolgungsbehörden sowie den im weitesten Sinne mit der Strafjustiz und innerer Sicherheit befassten Staats- und Bundesministerien der USA. Auch juristische und soziologische Fakultäten der Universitäten, die Medien und die interessierte Öffentlichkeit sollen ihren Nutzen daraus ziehen können. Vor allem aber sollten die erfassten Daten in den knapp neunzig Jahren, in denen das UCR-Programm fortentwickelt wurde, den wechselnden Regierungen des Zweiparteiensystems der USA Informationen an die Hand geben, die diese in die Planung, Rechtfertigung und Propaganda ihrer Politik einbeziehen können.

Viele Jahrzehnte lang erfasste das FBI die von 16.000 bis zu 18.000 Einzelinstitutionen kommenden statistischen Informationen über alle mit Kriminalität im Zusammenhang stehenden Vorgänge. Unter diesen Einrichtungen befanden sich Verwaltungen auf der Ebene von Städten, Countys und Bundesstaaten bis hin zu Bundesbehörden. Auch die Forschungsabteilungen von Universitäten und Colleges sowie Selbstverwaltungsorgane der Stämme der indigenen Bevölkerung ließen ihre empirischen Daten in den UCR-Pool einfließen. Die Teilnahme war von Beginn an freiwillig. Es besteht bis heute keine Verpflichtung für öffentliche Institutionen, Daten aus ihrem Arbeitsfeld beim FBI abzuliefern.

Vollständige Erfassung

Schon vor Jahren, vor allem aber unter Präsident Barack Obama, begann ein Prozess des Umdenkens. Fachabteilungen des FBI und des übergeordneten US-Justizministeriums setzten sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die im UCR erfassten Daten rein summarisch wiedergegeben werden. Dies schließt die Möglichkeit aus, die jeweiligen statistischen Rubriken für nähere Untersuchungen in Einzelfälle aufzulösen, die zueinander und zu bestimmten gesellschaftlichen Phänomenen in Bezug gesetzt werden könnten.

Am 2. Dezember 2015 stimmte der für zahlreiche FBI-Programme weisungsbefugte Beirat »Advisory Policy Board« (APB) der Criminal Justice Information Services Division (CJIS) den Empfehlungen der beratenden Fachleute und Gremien zu, das traditionelle summarische Datenerfassungssystem des UCR in den folgenden fünf Jahren auslaufen zu lassen und bis zum Stichtag 1. Januar 2021 schrittweise durch das neugeschaffene National Incident-Based Reporting System (NIBRS) zu ersetzen, das den Fokus stärker auf die vollständige Erfassung krimineller Delikte legen sollte. Eine entsprechende Direktive unterzeichnete der damalige FBI-Direktor James B. Comey am 9. Februar 2016. Die FBI-Abteilung CJIS unterhält das zentrale Rechenzentrum des FBI. Sie ist gleichzeitig die größte Abteilung der Bundespolizei mit Sitz in West Virginia, während das Direktorium und das FBI-Hauptquartier in Washington D. C. angesiedelt sind.

Die wichtigsten Neuerungen des NIBRS hatte Comey kurz zuvor auf einer Tagung der International Association of Chiefs of Police folgendermaßen umrissen: »Das NIBRS wird es uns künftig ermöglichen, alle Daten so zu sammeln, dass wir Muster und Trends erkennen und so Verbrechen besser verhüten können und uns in die Lage versetzen, auf der Basis einer fundierteren Informationslage unsere Kommunikation auf nationaler Ebene zu verbessern.« Das FBI habe 2016 den Weg zur umfassenderen Datenerfassung und -analyse endgültig beschritten, um das NIBRS ausweiten und auf seinen vollen Einsatz ab 2021 als Ersatz für das UCR vorbereiten zu können, erklärte Comey damals. 65 Behörden hätten sofort nach Bekanntwerden der Empfehlung für das neue System im Jahr 2015 begonnen, detailliertere Daten zu erheben und in das neue System einzuspeisen.

Um weitere Behörden einbeziehen zu können, riefen das FBI und das Statistische Bundesamt der USA ein Programm zum Austausch von Informationen aus den verschiedenen Kriminalitätsstatistiken, den sogenannten National Crime Statistics Exchange (NCS-X) ins Leben. Dieses Programm stattete sieben Bundesstaaten und 17 weitere Einzelbehörden mit den notwendigen Finanzmitteln aus. Die NCS-X-Initiative beförderte das NIBRS, indem sie die erforderliche Anschubfinanzierung für die damit verbundenen höheren Kosten aufbrachte. Dem US-Verteidigungsministerium fiel in diesem bundesweiten Umwandlungsprozess die besondere Rolle zu, »die erste Bundesbehörde« zu sein, deren Daten mit dem NIBRS vernetzt werden, so Comey. Dem Pentagon sei bescheinigt worden, besonders »NIBRS-konform« zu sein.

Zur zeitlichen Einordnung ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass der Auf- und Ausbau des NIBRS im wesentlichen in der zweiten Amtszeit von Obama vorangetrieben wurde und der Vortrag von FBI-Direktor Comey im letzten Regierungsjahr und somit kurz vor der Übergabe der Amtsgeschäfte an den ultrakonservativen US-Präsidenten Donald Trump stattfand.

Gewaltverbrechen

Als der nach der traditionellen Methode verfasste aktuelle UCR-Bericht für 2016 Ende vergangenen Jahres veröffentlicht wurde, schienen seine Verfasser sich wieder in der seit den 1960er Jahren gewohnten Art und Weise auf die landesweit zusammengetragenen Daten zu stützen. Auch dieser Bericht zählte bei oberflächlicher Betrachtung in Tabellenform Tötungsdelikte, Gewaltverbrechen, Eigentumsdelikte, Verhaftungen, von den Strafverfolgungsbehörden aufgeklärte Fälle und die Beschäftigtenzahlen im Polizeidienst auf. In der Überschrift einer zum Bericht verbreiteten Mitteilung vom 25. September 2017 stellte die FBI-Presseabteilung heraus: »Zunahme bei Gewaltverbrechen, Rückgang bei Eigentumsdelikten.«

Nach Darstellung des FBI nahm die Zahl der Gewaltverbrechen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren zu, während die der Eigentumsdelikte in den vergangenen vierzehn Jahren kontinuierlich sank. Bei den Gewaltdelikten stieg mit 17.250 Fällen die Zahl der Morde im Vergleich zu 2015 um 8,6 Prozent, während die aller Verbrechen in dieser Kategorie um 4,1 Prozent zulegte. Die Zahl der Eigentumsdelikte sank derweil um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In absoluten Werten verzeichneten die Statistiker im Bereich der Gewaltkriminalität landesweit insgesamt 1,2 Millionen Straftaten. Dem letzten erfassten Anstieg um 4,1 Prozent von 2015 zu 2016 war eine Zunahme um 2,6 Prozent seit dem Jahr 2012 vorausgegangen. Zwischen 2007 und 2012 hatte es hingegen einen Rückgang um 12,3 Prozent gegeben.

Der Bericht verzeichnet 95.730 Vergewaltigungen, was einem Anteil von 7,7 Prozent an allen erfassten Gewaltdelikten entspricht. Schwere Körperverletzungen waren 64,3 Prozent, Raub 26,6 Prozent und Mord 1,4 Prozent der Delikte. 7,9 Millionen Eigentumsvergehen verursachten insgesamt einen Schaden in Höhe von 15,6 Milliarden US-Dollar, wobei Brandstiftungen in dieser Zahl nicht enthalten waren. Die Strafverfolgungsbehörden nahmen 10,7 Millionen Verhaftungen von mutmaßlichen Straftätern vor. Ingewahrsamnahmen aufgrund von Verkehrsdelikten wurden hierbei nicht mitgezählt.

In einer Botschaft zum Bericht forderte der unter Trump eingesetzte neue FBI-Direktor Christopher Wray die Strafverfolgungsbehörden auf, den Übergang zum detaillierteren NIBRS-System weiter fortzusetzen. Die Verwendung von NIBRS-Daten werde für zusätzliche Transparenz sorgen. Wray forderte dazu auf, »über anekdotische Beweise (in Form von Einzelberichten ohne die Darstellung von Zusammenhängen oder Tendenzen; Anm. jW) hinauszugehen und umfassendere Daten zu sammeln, damit wir ein klareres und vollständigeres Bild der Kriminalität in den Vereinigten Staaten bekommen«. Er wies auch auf die unter seinem Vorgänger geplante Einrichtung der FBI-Datenbank zur Erfassung der von Strafverfolgungsbehörden ausgeübten Gewalt hin. Eine von der Obama-Regierung ergriffene Initiative nach den zahlreichen Akten tödlicher Polizeigewalt, die auch unter Trump weiter an der Tagesordnung ist und immer wieder zu Protesten und Widerstand der schwarzen Bevölkerung führt.

Entfernte Tabellen

Ende Oktober 2017 veröffentlichte der zu den Schwerpunkten Datenjournalismus und Statistik publizierende US-Nachrichtenblog Fivethirtyeight (538, benannt nach der Zahl der Wahlmänner in dem Gremium, das den Präsidenten wählt) eine Kritik am aktuellen UCR-Bericht. Vor allem monierten die Autoren Clare Malone und Jeff Asher, der Bericht enthalte »fast 70 Prozent weniger Datentabellen als der von 2015«. Es sei zu vermuten, dass ihre Beseitigung »das Verständnis der Analysten für die Kriminalitätstendenzen im Land beeinträchtigen könnte«. Dies geschehe ausgerechnet in einer Zeit, »in der Gewaltverbrechen landesweit zugenommen haben«. Damit werde der Zugang zu qualitativ hochwertigeren Daten erschwert, die zur Erarbeitung gesellschaftlicher Konfliktlösungen beitragen könnten.

Mit ihrem Artikel nahmen die Autoren von Fivethirtyeight an der Diskussion um die tatsächlichen Veränderungen des Berichts unter der Trump-Regierung teil. Die Reduzierung der Daten wurde vom FBI weder thematisiert noch erklärt. Die Presseabteilung räumte zwar »das Streichen von ein paar Tabellen« ein, begründete dies aber damit, dass man die Ausgabe des UCR-Programms für 2016 lediglich »gestrafft« habe. Solche Veränderungen würden jedoch vom »Advisory Policy Board« begutachtet, »das für die Verwaltung und Überprüfung operativer Angelegenheiten einer Reihe von FBI-Programmen verantwortlich« sei. Genau das hatte aber nicht stattgefunden, wie Fivethirtyeight herausfand. Befragt von Malone und Asher erklärte ein UCR-Sprecher, die Verfasser vom FBI hätten diesmal »mit dem Stab für Öffentlichkeitsarbeit zusammengearbeitet, um zu überprüfen, wie oft die Tabellen im Internet tatsächlich von Nutzern angesehen wurden«.

Als der Nachrichtenblog einen ehemaligen FBI-Mitarbeiter mit diesem Vorgehen konfrontierte, meinte dieser, es sei »regelwidrig«. James Nolan, der fünf Jahre am UCR-Programm mitgewirkt hatte und heute an der West Virginia University unterrichtet, fand es »schockierend, dass sie diese Entscheidungen, viel weniger Tabellen zu veröffentlichen, ohne das APB getroffen haben«. Nolan nannte die Entfernung der bisher üblichen Tabellen wegen angeblich mangelnder Zugriffe im Internet »irgendwie unlogisch«. Denn wie aus FBI-Kreisen zu erfahren war, gab es auf den UCR-Bericht von 2015 sage und schreibe 3.045.789 Onlinezugriffe.

Reduzierte Daten

In der Reduzierung der üblicherweise auf Regierungswebseiten zugänglichen Daten und damit der Verminderung der Transparenz sehen Malone und Asher einen verdächtigen Trend im Weißen Haus. Trump und seine Truppe reagierten meist widerwillig, wenn es um den Zugang zu Daten und Informationen für Medien und Öffentlichkeit gehe. Als Beispiel sei hier an die Folgen des Hurrikans »Maria« erinnert, der im vorigen Jahr in der Karibik wütete. Ungefähr zwei Wochen nachdem der Hurrikan die US-Kolonie Puerto Rico verwüstet hatte, wurden auf der Website der US-Bundesagentur für Katastrophenschutz FEMA nach Protesten der im Stich Gelassenen plötzlich die lebenswichtigen Daten über den Zugang der Inselbewohner zu Trinkwasser und Elektrizität gelöscht. Zwar tauchten sie nach Interventionen puertoricanischer Politiker später wieder auf, aber von der dortigen Bevölkerung wurde der Vorgang ganz klar als Teil der Ignoranz Washingtons gegenüber ihrer Not gewertet.

Seit Trump im Januar 2017 sein Amt übernommen hat, gibt es Hinweise, dass Beamte vom neuen Machtzirkel im Weißen Haus angewiesen werden, nicht mit der Presse zu sprechen und nichts in den sogenannten sozialen Netzwerken zu posten. Ende Januar vergangenen Jahres berichtete die Nachrichtenagentur Associated Press über ein solches Kommunikationsverbot, das Trump den Mitarbeitern der US-Umweltschutzagentur EPA auferlegt hatte. Von vergleichbaren Vorgaben des Präsidenten für Regierungsbeamte, nicht mit Mitgliedern des US-Kongresses oder der allgemeinen Öffentlichkeit zu sprechen, berichteten damals auch andere Medien.

So hieß es etwa bei Buzzfeed, auch das US-Landwirtschaftsministerium habe seinen Mitarbeitern einen Maulkorb verpasst. Es dürften keine Informationen über Forschungsberichte verbreitet oder unter dem Namen des Ministeriums auf Twitter veröffentlicht werden. Die Huffington Post berichtete, die Beschäftigten des Ministeriums für Gesundheit und Soziales seien ebenfalls angewiesen worden, striktes Schweigen zu bewahren.

Der damalige Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, lehnte es laut der Tageszeitung The Hill ab, hierzu Stellung zu nehmen, da er »noch keine Kenntnis von den im einzelnen gemeldeten angeblichen Verboten« habe. Aber es müsse »natürlich jeder neuen Regierung zugebilligt werden, das Vorgehen ihrer Ministerien neu zu definieren«. Nach Übergabe der Amtsgeschäfte dürfe es »kaum überraschen, dass wir die bisherige Politik überprüfen«, so Spicer.

Seit Trumps Amtsantritt zeigten sich sogenannte Government Watchdog Groups wie das »Government Accountability Project« (GAP), das sich seit 1977 dem Schutz von Whistleblowern widmet, äußerst besorgt, wie regide die neue US-Regierung bei der Weitergabe der Daten ihrer Ministerien und untergeordneten Behörden verfährt. Bereits zuvor hatte GAP-Geschäftsführer Louis Clark gegenüber Fivethirtyeight erklärt, er befürchte, dass die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit verschiedener Behörden den transparenten Austausch von Informationen mit der Öffentlichkeit behindern könnten.

Stimmungsmache

Der zielgerichtete Umgang mit Informationen und ihre Interpretation zu Propagandazwecken zeigt sich nach aufmerksamer Analyse der UCR-Statistik für 2016 nicht zuletzt am Wegfallen zahlreicher Datentabellen zu einem Thema, das für Trump und seinen Justizminister und Generalbundesstaatsanwalt, Jefferson »Jeff« Sessions, im Zentrum stand und steht: Gewaltverbrechen. So sind im Bericht etwa keine ausdrücklichen Informationen zur sogenannten Bandenkriminalität zu finden. Statt dessen haben Trump und Sessions 2017 häufig gegen »MS-13« gewettert, eine in den 1980er Jahren von Geflüchteten aus El Salvador gebildete Gang mit dem ausgeschriebenen Namen »Mara Salvatrucha«, die laut dem US-Sender CNN »ein kriminelles Netzwerk in Los Angeles« und weiteren Städten der USA aufgebaut hat. Vor allem Trump bauschte deren bloße Existenz in seinen Reden immer wieder zu einer nationalen Bedrohung auf. CNN warf dem US-Präsidenten im Juli 2017 deshalb unter Berufung auf Gangmitglieder vor, er mache »MS-13 erst stark«. Laut Fivethirtyeight wurde im vergangenen Jahr allein in 37 Pressemitteilungen und Reden des Justizministers Bezug auf diese Gang genommen, während unter der Vorgängerregierung 2016 nur neun Nennungen und lediglich fünf im Jahr 2015 zu verzeichnen waren. Im Juli 2017 machte Trump sie zum Thema einer seiner Reden. Die Gang habe »friedliche Parks und schöne ruhige Viertel in blutbefleckte Killing Fields verwandelt«. Sie seien »Tiere«. Trump vergaß dabei nie den Hinweis, dass es sich bei den Gangmitgliedern um »salvadorianische Immigranten« handelt, die »illegal die Grenze überschritten« hätten. Diese Schmähreden waren die Begleitmusik zur Schaffung eines »Victims of Immigration Crime Engagement Office« zu Beginn der Präsidentschaft. Diesem kommt die Aufgabe zu, »Verbrechen von Immigranten« zu untersuchen, die »illegal eingewandert« sind, und »die Wachsamkeit der Öffentlichkeit zu schärfen«.

Vor wenigen Tagen wurde nun offenbar, warum dem Propagandavehikel »MS-13« so viel Bedeutung beigemessen wurde. Wie verschiedene Agenturen am 8. Januar meldeten, hob die US-Regierung den besonderen Schutzstatus (Temporary Protected Status) für etwa 200.000 Einwanderer aus El Salvador auf. Die Bedingungen für den Sonderstatus, der den Geflüchteten aus dem mittelamerikanischen Land nach zwei verheerenden Erdbeben im Jahr 2001 eingeräumt worden war – auch für diejenigen, die schon davor in die USA eingewandert waren – seien nicht mehr gegeben, ließ Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen an diesem Tag verlauten. Nach einer Übergangsfrist von 18 Monaten müssen die Betroffenen in ihre Heimat zurückkehren oder ein neues Visum beantragen. Von dem Beschluss sind zusätzlich mehr als 190.000 Kinder von salvadorianischen Einwanderern betroffen, die seit 2001 in den USA zur Welt kamen und dadurch die US-Staatsbürgerschaft besitzen.

Dem offensichtlichen Widerspruch zwischen der permanenten öffentlichen Thematisierung »gewaltbereiter Gangs« und dem Verschwinden der Datentabellen zu eben jenem gesellschaftlichen Phänomen im UCR-Bericht entspricht auch die auffällige Verringerung der Informationen zu Verhaftungen und Tötungsdelikten. Enthielt der Bericht von 2015 noch 51 Tabellen bleiben zu diesen Thematiken 2016 nur noch ganze sieben übrig. Von den vier Datentabellen zur Aufklärung von Straftaten des Jahres 2015 blieb für 2016 nur noch eine im Bericht. Noch 2015 hatte das FBI in der erweiterten Statistik zu den insgesamt im Land begangenen Straftaten auch Informationen über die verwendeten Waffen und den Ort der Verbrechen hinzugefügt und auf insgesamt 23 Tabellen dargestellt. 2016 waren dazu nur noch sechs Übersichten zu finden.

Die Aufzählung könnte munter so weitergehen. Erwähnt sei an dieser Stelle lediglich, dass es im Jahr 2015 noch 15 Tabellen zu Tötungsdelikten gab, die 2016 auf nur wenige Übersichten zu diesen Gewaltdelikten reduziert wurden. Gänzlich fehlen gegenüber 2016 die detaillierten Angaben zu den Beziehungen zwischen Opfern und Tätern, zu Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und zu den konkreten Tatbedingungen. In der Konsequenz bedeutet das für Forscher der Rechts- oder Sozialwissenschaften, aber auch für recherchierende Journalisten oder Mitglieder von Basisbewegungen, die sich mit den Ursachen von Gewalt in ihren Stadtteilen auseinandersetzen, dass der UCR-Bericht keine Ursachenforschung mehr unterstützt. Wie steht es um die Zahl der Kinder, die in einem bestimmten Jahr durch Schusswaffen starben? Datentabellen zur Identifizierung der Anzahl der von ihren Partnern ermordeten Frauen? Fehlanzeige. Entsprechende Recherchen müssen dann individuell vorgenommen werden. Diese Erfahrung machte in den letzten Jahren auch die Bewegung »Black Lives Matter«, die bei ihren Ermittlungen zum Thema Polizeigewalt auch schon während der Amtszeit des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten keine offiziellen Daten zu Polizeieinsätzen fand, weil diese von den Strafverfolgungsbehörden gar nicht routinemäßig erhoben werden. Zu finden wären allerdings Statistiken über »Getötete und angegriffene Beamte der Strafverfolgungsbehörden« (»Law Enforcement Officers Killed and Assaulted«, LEOKA), wie es in einer UCR-Unterstatistik heißt. Opfer von Polizeigewalt bleiben hingegen nach wie vor unsichtbar.

Ungeliebte Transparenz

18.000 Einzelstellen der Strafverfolgungsbehörden meldeten 2015 Daten über das UCR-Programm an das FBI, während bislang nur 6.600 von ihnen das NIBRS mit Daten fütterten. Das sollte sich nach den Vorstellungen von Obamas FBI-Direktor James Comey eigentlich grundlegend ändern, weshalb er »die landesweite Umsetzung des NIBRS zu einer der obersten Prioritäten« der FBI-Datenpolitik erklärt hatte. Doch Comey wurde von Trump aus dem Amt gejagt. Die Frage, wie es mit NIBRS weitergeht, ist seitdem offen. Zur datenmäßigen Erfassung der Gesellschaft wäre es, vom Standpunkt moderner Herrschaftssicherung aus betrachtet, ganz bestimmt gut geeignet. Allerdings stören sich Trump und Co. an der damit verbundenen ungeliebten Transparenz. Hierzu fällt einem spontan das Bonmot »Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast« ein.

Bei seiner Inauguration hatte Trump dem »Volk«, das er »wieder zum Souverän« machen wolle, noch vorgemacht, es werde »Teil einer historischen Bewegung werden, einer Bewegung, wie sie die Welt noch nie gesehen« habe. Diese werde von einem entscheidenden Gedanken getragen: »Dass eine Nation existiert, um ihren Bürgern zu dienen. Amerikaner wollen gute Schulen für ihre Kinder, sie wollen sichere Viertel für ihre Familien, und gute Jobs für sich selbst.« Aber da gebe es leider »Kriminalität, Gangs und Drogen, die so viele Leben und unserem Land so viel Potential gekostet« hätten. Dieses »amerikanische Gemetzel« höre nun auf, versprach der Präsident, der sein Land »endlich wieder groß machen« will. Auf welcher Grundlage dieser Heilszustand aber herzustellen ist und vor allem für wen, das wollen Trump und seine »großartigen Männer und Frauen unseres Militärs und der Strafverfolgungsbehörden« bestimmen. »Beschützt von Gott« und natürlich auf der sicheren Basis von Daten, die man selbst manipuliert hat. Wissen ist und bleibt Macht.

Jürgen Heiser schrieb an dieser Stelle zuletzt am 10. August 2017 über die US-Waffenlobbyisten der National Rifle Association


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