Aus: Ausgabe vom 10.01.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Superfood mit Problem

Vegan, gehaltvoll, ohne Gluten: Quinoa ist in den Niederlanden heiß begehrt. Aber nicht alle haben Freude am Boom des Pseudogetreides

Von Gerrit Hoekman
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Bolivianische Bauern auf Feld Tarmaya trennen nach Quinoa-Ernte 2013 Körner von der Spreu

Immer mehr Niederländer essen Quinoa, meldeten am Montag die Zeitungen in unserem Nachbarland. 2016 seien 2.000 Tonnen der exotischen Samenkörner verspeist worden, mehr als siebenmal soviel wie fünf Jahre vorher. Inzwischen wittern auch die ersten Landwirte ein Geschäft und stürzen sich auf den Anbau der in Europa bis vor kurzem noch weitgehend unbekannten Pflanze, die »Kinwa« ausgesprochen wird und deren Körner eine Alternative zum Reis sein sollen.

In Peru und Bolivien ist Quinoa seit 5.000 Jahren eine Kulturpflanze. Weil sie keine großen Ansprüche an das Klima oder den Boden stellt, wächst sie auch in Höhen bis zu 4.000 Metern – sozusagen ideal für die Andenstaaten. Die Vereinten Nationen setzen große Hoffnungen in das Pseudogetreide aus Südamerika. 2013 erklärte die UN zum Jahr der Quinoa, weil diese helfen soll, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, besonders in Zeiten des Klimawandels. Vier Tonnen Ertrag seien unter besten Bedingungen pro Hektar möglich.

Nun ist die Erde in Süd- und Nord-Holland sowie in Nord-Brabant keineswegs so karg wie in den Höhen der Kordilleren Südamerikas. Deshalb sorgt das Agrarkapital dafür, dass die Pflanze die flachen Polder in den Niederlanden erobert und das Gesicht der Landschaft verändert. »Quinoa liegt wie eine grüne Decke über dem Land. Das fällt auf«, erzählt der Bauer Cornelis van Eck in der Zeitung Volkskrant. Wie rund 40 andere Landwirte auch arbeitet Van Eck eng mit der 2014 gegründeten Dutch Quinoa Group zusammen, die Tips zum Anbau gibt und sie mit Saatgut versorgt.

»Unsere Mission ist es, die Niederlande auf eine nette und leckere Art gesünder, nachhaltiger und bewusster essen zu lassen«, steht verheißungsvoll auf der Homepage der Gruppe. Das Unternehmen kauft den Bauern die Ernte ab und verarbeitet das Rohprodukt. 275 Tonnen waren es im vergangenen Jahr, 2018 soll die Ernte verdoppelt werden. Rens Kuijten, Chef der Dutch Quinoa Group, war 2001 der erste, der in den Niederlanden Quinoa – manchmal auch Inka-Weizen genannt – anbaute. Damals noch als Futter für Milchkühe.

Mittlerweile erfreut sich das Pseudogetreide bei Menschen immer größerer Beliebtheit. Davon wollen auch immer mehr Landwirte profitieren. »Wir haben eine Warteliste von 50 Bauern«, sagt Kuijten. Die mineralstoffreichen Blätter können als Salat gegessen werden oder als Gemüse. Die Samen sind unserem herkömmlichen Getreide sehr ähnlich, obwohl es keines ist. Sogar Bier kann man aus Quinoa brauen. Für Allergiker interessant: Die meisten Sorten sind glutenfrei.

»Wir essen viel zuviel Weizen, in Brot und Nudeln«, propagiert Lobbyist Kuijten denn auch in der Volkskrant. Quinoa könnte eine gesunde Alternative werden. Häufig wird es als Sättigungsbeilage verwendet, aber auch zu Mehl und Flocken verarbeitet. Vor allem eine spezielle Bevölkerungsschicht steht auf das neue Superfood: In der veganen und vegetarischen Küche ist Quinoa nicht mehr wegzudenken. Trotzdem glaubt Kuijten, dass es noch eine Weile dauern wird, bis die Pflanze mit den beliebten Kartoffeln mithalten kann. »Reis und Pasta haben auch eine Generation gebraucht, um sich einzubürgern.« Der belgische Ernährungshistoriker Peter Scholliers von der Freien Universität Brüssel sieht in der Volkskrant allerdings Chancen für einen Siegeszug: »Es kommt darauf an, wie schnell sich eine Ware in die heimische Küche integrieren lässt.«

Doch das ist nicht der Knackpunkt. Denn erstens reicht die niederländische Ernte noch lange nicht aus, um die heimische Nachfrage zu decken. 2016 importierte Deutschlands Nachbarstaat nach Angaben des staatlichen Statistikbüros CBS ungefähr 5.500 Tonnen – dreimal soviel wie vor vier Jahren. Das Land liegt damit in der EU nach Frankreich auf Platz zwei der Importeure. 63 Prozent davon werden weiter ins Ausland exportiert. Die Niederlande sind dank des größten europäischen Seehafens Rotterdam und des Riesenairports Schiphol die wichtigste Drehscheibe für den Handel in Europa.

Die Bauern in Bolivien sehen die Entwicklung mit größer werdender Sorge. Mit der steigenden Nachfrage auf dem Weltmarkt waren die Preise zunächst in die Höhe geschnellt, wovon auch die Produzenten profitierten. Die Schattenseite der Preisexplosion: Die Konsumenten in Südamerika konnten sich Quinoa kaum noch leisten. Auch die Bauern selbst aßen die Pflanze nicht mehr – sie war zu wertvoll geworden. »Wir haben zu Hause Pommes gegessen«, sagt ein bolivianischer Landwirt im vergangenen Juni dem in Düsseldorf erscheinenden Handelsblatt.

Inzwischen hat sich in Südamerika die Anbaufläche vervielfacht und die Preise stürzten daraufhin in den Keller. »Statt zeitweise 6.000 US-Dollar je Tonne Quinoa aus Bolivien gibt es heute beim Export nur noch rund 2.500 Dollar«, berichtete das Handelsblatt. Im Supermarkt kosteten 250 Gramm rote Quinoa etwas mehr als drei Euro, davon kommen nur 20 Cent beim Produzenten in Bolivien an. Viele Bauern mussten deshalb bereits aufgeben.

Die Bolivianer suchen die Schuld im Nachbarland. »In Peru bauen sie modifizierte Quinoa an, um die Produktion zu erhöhen, das zerstört die Preise«, zitiert die Zeitung einen bolivianischen Bauern. »In Europa weiß das ja keiner, dass Quinoa nicht gleich Quinoa ist. Uns würde es viel besser gehen, wenn wir direkt an Händler von dort verkaufen könnten.« Mittlerweile bauen einige Landwirte in Bolivien wieder Klee an – als Viehfutter.


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