Aus: Ausgabe vom 09.01.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Die neuen Streiks im Sozialwesen

Ihr Berufsethos hält Pflegekräfte und Erzieherinnen nicht mehr von Arbeitskämpfen ab – im Gegenteil

Von Daniel Behruzi
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Erstmals seit vielen Jahren könnte es in den nächsten Wochen mal wieder zu einem größeren Streik in der Metallindustrie kommen. Doch der Trend ist ein anderer: Wenn es hierzulande in den vergangenen Jahren Arbeitskämpfe gab, dann zumeist im Dienstleistungs- oder Transportbereich. Ein im VSA-Verlag erschienener Sammelband widmet sich einem Teil dieser Entwicklung: den »Sorge-Kämpfen«, Auseinandersetzungen in Krankenhäusern, im Sozial- und Erziehungsdienst oder in der Behindertenhilfe, der sogenannten Care-Arbeit.

Karina Becker, Yalcin Kutlu und Stefan Schmalz von der Uni Jena stellen in einem Beitrag fest, dass es sich um eine vergleichsweise neue Entwicklung handelt: »Lange ließen sich im Bereich der Care-Arbeit kaum kollektive Formen des Widerstands festmachen – obwohl (…) die Beschäftigten alles andere als zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen sind.« Dafür verantwortlich gemacht wurde zumeist das spezielle Berufsethos der Pflegekräfte und Erzieherinnen. Diese seien »Prisoners of love« – ihr hohes Verantwortungsgefühl für Patienten und Betreute halte sie davon ab, sich gemeinsam für ihre eigenen Interessen einzusetzen. Und in der Tat waren Erzwingungsstreiks in Krankenhäusern und Kitas lange nahezu undenkbar. Tarifverträge wurden in der Regel von den »schweren Bataillonen« der Gewerkschaften im öffentlichen Dienst, den Müllwerkern und Busfahrern, durchgesetzt, die dann auch in den meisten Gesundheits- und Sozialeinrichtungen galten.

»Die aktuellen Konflikte in den Sozial- und Erziehungsdiensten und den Krankenhäusern deuten jedoch darauf hin, dass sich diese eher traditionellen Strukturen aufzulösen beginnen«, so die Jenaer Soziologen. »Die Orientierung der Beschäftigten verändert sich, und die Gewerkschaften haben die sozialen Dienstleistungen als vielversprechendes Aktionsfeld entdeckt.« Als eine der Ursachen sehen die Wissenschaftler ausgerechnet jenes Berufsethos, das von einer Bremse zur »subjektiven Ressource für die kollektive Mobilisierung« geworden sei. Sprich: Pflegekräfte und andere gehen heute auch und vor allem deshalb auf die Straße, weil sie ihre Patienten nicht mehr so versorgen können, wie sie es für richtig halten.

Die Autoren sprechen den neuen Arbeitskonflikten eine große politische und gesellschaftliche, aber auch gewerkschaftliche Bedeutung zu: »Konflikte um Sorgearbeit sind eng mit dem neoliberalen Umbau von Staat und Wirtschaft verbunden«, so die Herausgeber in ihrer Einleitung. Die Auseinandersetzungen dokumentierten »grundlegende Veränderungen der Geschlechterarrangements. Und schließlich zeigen sich in ihnen möglicherweise Ansätze einer alternativen emanzipatorischen gesellschaftlichen Entwicklung.«

Die wissenschaftlich fundierten, aber nicht abgehobenen Beiträge des Buchs beleuchten unterschiedliche Aspekte – von der Solidarität zwischen Eltern, Kindern und Erziehern im Streik des Sozial -und Erziehungsdienstes 2015 über die Bewegung für Entlastung in den Krankenhäusern bis hin zu Widerstandsperspektiven in der Altenpflege. Spannend sind beispielsweise die sehr konkreten Ausführungen des Verdi-Sekretärs Win Windisch über die Erfahrungen bei der Mobilisierung von Krankenhausbeschäftigten im Saarland.

Stets werden die Beobachtungen verallgemeinert und mit industriesoziologischen Theorien in Verbindung gesetzt. Das macht den Band sowohl für aktive Gewerkschafter als auch interessierte Sozialwissenschaftler sehr lesenswert.

Ingrid Artus/Peter Birke/Stefan Kerber-Clasen/Wolfgang Menz (Hrsg.): Sorge-Kämpfe. Auseinandersetzungen um Arbeit in sozialen Dienstleistungen. VSA, Hamburg 2017, 336 Seiten, 26,80 Euro


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