Aus: Ausgabe vom 09.01.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Lehrer im Hungerstreik

Bangladesch: Protestaktionen im Bildungssektor. Beschäftigte nichtstaatlicher Schulen und Grundschullehrer fordern Einkommensgerechtigkeit

Von Thomas Berger
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Lehrerprotest 2013 in Dakha: Streiks von schlechtbezahlten Lehrkräften haben in Bangladesch eine traurige Tradition

Das neue Jahr hat in Bangladeschs Bildungswesen so angefangen, wie das alte endete – mit Arbeitskämpfen. Seit Silvester befinden sich in der Hauptstadt Dhaka, versammelt vor dem zentralen Presseklub, Hunderte Pädagogen im Hungerstreik. Allein 115 Personen waren bis letzten Donnerstag auch wegen der verweigerten Nahrungsaufnahme als erkrankt registriert. Bei den derzeit Streikenden handelt es sich um Lehrer an zwar staatlich anerkannten, aber von nichtstaatlichen Trägern betriebenen Schulen. Sie fordern von der Regierung eine Aufnahme in das staatliche Gehaltssystem »Monthly Pay Order« (MPO). Die Regierung hatte die Zulassung aus Geldnot gestoppt, und die Schulträger können es sich nicht leisten, die Personalkosten zu tragen. Betroffen sind laut der bangladeschischen Tageszeitung The Daily Star etwa 80.000 Männer und Frauen, die landesweit an 5.242 Schulen unterrichten. Sie erhielten teilweise schon seit Jahrzehnten kein reguläres Gehalt, sondern nur geringfügigste Lohnzahlungen, die nicht einmal ansatzweise zum Überleben ausreichen. Viele seien deshalb gezwungen, einem branchenfremden Zweitjob nachzugehen oder sich über privaten Förderunterricht etwas dazuzuverdienen. Dennoch lebten die meisten der Familien in Armut.

Golam Mahmudunnabi, Präsident des gewerkschaftlichen Inte­ressenverbandes »Non-MPO Shik hya Pratishthan Shikhyak Karmachari Federation«, in dem die »Nicht-MPO-Lehrer« organisiert sind, gab sich gegenüber dem Daily Star jetzt kämpferisch. Man werde die Protestaktion erst beenden, wenn die Regierung von Premierministerin Scheich Hasina Wajed einen schlüssigen Zeitplan zu einer Lösung für das drängende Problem präsentiere, kündigte er an. Von den erkrankten Hungerstreikenden mussten inzwischen zwölf sogar in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Das allerdings spornt die anderen eher noch an, nicht klein beizugeben. Der für weiterführende Bildung zuständige Minister Nurul Islam Nahid erklärte zwar, dass gemeinsam mit dem Finanzministerium schon an einer Lösung gearbeitet werde. Das reicht den Streikenden als Zusicherung aber nicht aus.

Seit Jahren gibt es in Bangladesch Proteste von Lehrern. Auch die beiden letzten Monate des gerade zu Ende gegangenen Jahres waren geprägt davon. Erst am 25. Dezember hatten mehrere tausend Primarstufenlehrer an staatlichen Schulen ihren dreitägigen Hungerstreik beendet. Auch sie hatten während einer Kältewelle (in dem tropischen bis subtropischen Land ist es derzeit ungewöhnlich kalt. Am Montag wurden nach Angaben von Behördenvertretern Temperaturen bis 2,6 Grad Celsius gemessen, ein neues Rekordtief; jW) ohne Nahrungsaufnahme frierend im Herzen der Hauptstadt ausgeharrt, um auf ihre Bedrängnis aufmerksam zu machen . Am Ende sagte der für Primärbildung zuständige Minister Mostafizur Rahman zu, sich auf Basis der Forderungen für eine Lösung einzusetzen. Die formal als »Assistenzlehrer« bezeichneten Pädagogen der Primarstufe fordern eine Annäherung ihrer Entlohnung an die der Schulleiter. Bis 1973 lag lediglich eine Gehaltsstufe zwischen ihnen, 2006 betrug der Unterschied schon zwei Stufen, vor drei Jahren wurden die Direktoren noch einmal hochgestuft, ohne dass sich für die Masse des pädagogischen Personals etwas veränderte. Inzwischen gibt es Pläne, die Schulleiter um eine weitere Gehaltsstufe anzuheben.

Ende November hatten wiederum Pädagogen aus staatlichen Colleges (Abiturstufe) mit einer Großaktion dagegen protestiert, dass Beschäftigte aus diversen Institutionen in freier Trägerschaft ihnen bei der Entlohnung gleichgestellt werden sollen. Die Ereignisse werfen ein Schlaglicht auf ein Problem, das es so oder ähnlich in ganz Südasien gibt: Das staatliche Bildungssystem krankt an vielen Stellen.

Ganz allgemein lässt sich das wie folgt beschreiben: Private Institutionen schießen wie Pilze aus dem Boden. Doch mangelt es an einheitlichen Qualitätsstandards für die Einrichtungen, etwa dem Nachweis eines ordentlichen Abschlusses des Lehrpersonals. Eine staatliche Aufsicht, die auch in privaten Bildungsinstitutionen regelmäßige Kontrollen vornimmt, existiert (wenngleich in den einzelnen Ländern unterschiedlich) nur bedingt. Und auch bei der Entlohnung des Lehrpersonals fehlt es in vielen Fällen bereits an minimalen Sicherheiten. Die Einkommensverhältnisse in der Branche gehen immer weiter auseinander. Weiterhin lässt sich beobachten, dass etwa seit der Jahrtausendwende in allen Bevölkerungskreisen das Wissen um den Wert guter Bildung – letztlich auch als Chance, dass die Kinder einmal der Armut ihrer Elterngeneration entkommen könnten – deutlich zugenommen hat. Dennoch kann die gesellschaftliche Realität dem oft nicht gerecht werden. Die Klassen der staatlichen Schulen sind hoffnungslos überfüllt, die Angebote der privaten Träger unübersichtlich. Mittendrin gibt es mitunter kleine Vereine, die gute Bildungsangebote auch für die Ärmsten sicherzustellen versuchen. Ohne institutionelle Förderung die Personalkosten zu sichern ist vielen kaum möglich.


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