Aus: Ausgabe vom 03.01.2018, Seite 15 / Antifa

Gewachsene Zweifel

Autobiographie: Heidi Benneckenstein wuchs in einer Neonazifamilie auf. Heute will sie »alles noch mal neu und ganz anders« denken

Von Claudia Wangerin
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Gleiches Problem, anderer Ort: Teilnehmerin einer NPD-Veranstaltung in Neumünster, 2012

Was können Linke aus dem Buch einer Aussteigerin aus der rechten Szene lernen, die heute Angela Merkel »unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit« gut findet, »weil sie den Laden zusammenhält«?

Die Erwartungshaltung, dass sich geläuterte Neonazis, die Kapitalismuskritik bisher nur als antisemitische Mogelpackung kennengelernt haben, von jetzt auf gleich in politische Vorbilder für Linke verwandeln, wird hier natürlich enttäuscht. Wer aber den Entwicklungsgedanken groß schreibt und sich fragt, wann politische Missbrauchsopfer zu Tätern werden und welche Schlüsselerlebnisse sie an diesem Weg zweifeln lassen, sollte Heidi Benneckensteins Geschichte lesen.

Anders als ihr heutiger Mann, mit dem sie gemeinsam den Ausstieg geschafft hat, rebellierte sie nicht gegen linksliberale Eltern und Lehrer, sondern wurde von klein auf zur Neofaschistin erzogen. Ein Einzelfall war und ist sie nicht. Mehrere tausend Kinder wachsen nach ihrer Einschätzung bundesweit in ähnlichen Verhältnissen auf.

Sie spricht meistens einfach von Nazis und spart sich das »Neo« – auch wenn der Untertitel ihrer Autobiographie »Ein deutsches Mädchen«, die zweieinhalb Monate nach der Erstveröffentlichung schon in vierter Auflage vorliegt, »Mein Leben in einer Neonazifamilie« heißt. Ihr Vater Helge Redeker, zu dem sie inzwischen jeden Kontakt abgebrochen hat, ist ein sehr traditioneller, wenn auch nach dem Krieg geborener Nazi. Der bayerische Zollbetriebsinspektor war eine der westdeutschen Szenegrößen, die ihre Aktivitäten inzwischen nach Sachsen verlagert haben: Am Quitzdorfer See im Landkreis Görlitz hat er das »Niederschlesische Feriendorf« als Austragungsort für Veranstaltungen wie das Pressefest der NPD-Zeitung Deutsche Stimme und Konzerte mit ultrarechten Bands etabliert. Zur Zielgruppe gehören aber auch ganz normale Inlandtouristen.

Heidrun, genannt Heidi, wuchs aber überwiegend in Bayern auf. Kinderfotos von ihr und ihren gescheitelten Spielkameraden aus anderen völkischen Familien wirken wie Aufnahmen aus den 1930er Jahren – dabei ist die junge Frau erst 1992 zur Welt gekommen. Helge Redeker schickte sie von frühester Kindheit an zu Ferienlagern der »Heimattreuen Deutschen Jugend«, wo sie militärisch gedrillt wurde. Seine Töchter sollten keine saufenden, tätowierten Skingirls werden, sondern Teil der zukünftigen Elite. Auch für die passende Kinder- und Jugendlektüre war gesorgt: »Wir hatten viele Bücher. Die vermeintlich harmlosen standen in einem Regal im Wohnzimmer, zum Beispiel ›Baska und ihre Männer‹, ein Buch über die legendäre Wolfshündin Baska, die von der Wehrmacht an der Ostfront eingesetzt wurde und als einziges Tier mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, – eine Art Lassie für Nazis.« Auch der Schäferhund der Familie hieß Baska – Redeker, so vermutet seine Tochter, hat das Tier mehr geliebt als seine Frau und seine Töchter.

Einen der wenigen echten Altnazis, die sie noch kannte, fand die junge Heidrun Redeker zwar nervig. Das hinderte sie aber im Alter von 16 Jahren nicht, auf dessen Beerdigung eine schwarz-weiß-rote Fahne zu halten und anschließend einen Fotografen der Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle A.I.D.A. anzugreifen. Das sei einer der Tage gewesen, für die sie sich heute am meisten schäme, schreibt sie. Der Antifaschist sei ihnen ständig auf den Fersen gewesen, um ihre Aktivitäten zu dokumentieren, deshalb hätten sie ihn gehasst. »Was fiel diesem Typen ein, Fotos von Trauernden zu machen, schließlich konnte er ja nicht wissen, dass die wenigsten von uns wirklich traurig waren.« Kurz bevor sie zur treibenden Kraft der Prügelattacke auf den Fotografen wurde, hatte sie, wie sie heute zugibt, sogar noch einen Lachkrampf unterdrücken müssen, als der damalige NPD-Chef Udo Voigt der Witwe kondolierte – der verstorbene Altnazi Friedhelm Busse habe seine Frau nämlich immer als »Hausdrachen« bezeichnet.

Erlebnisse, die sie zweifeln ließen, gab es einige. Aufgrund ihrer eingeschränkten Sozialkontakte und der Gewaltbereitschaft der Szene gegen »Verräter« dauerte es aber, bis sie sich mit ihrem Freund Felix Benneckenstein zum Ausstieg entschloss. Lange vorher lästerten sie gerne und viel über »Kameraden«. Gegen Zugewanderte oder deren Kinder hatte die junge blonde Frau nach eigener Aussage eigentlich gar nicht so viel – ein Kosovo-Albaner habe ihr sogar geholfen, als sie von betrunkenen Deutschen belästigt worden sei. Der große Feind, an den sie nicht heranzukommen glaubte, seien für sie die »Siegermächte« und die Juden gewesen. Letztere hatte schon ihr Vater für die Übel des kapitalistischen Systems verantwortlich gemacht, obwohl er selber stets Leistungs- und Konkurrenzdenken zwischen seinen Kindern förderte und »aus allem einen Wettbewerb« machen musste.

Diejenigen, gegen die sie als Jugendliche ganz konkret ihren Frust richten konnte, waren Linke. Obwohl sie sich als toughes Nazimädchen präsentierte, das auch mal zuschlagen kann, habe sie im Grunde nur Mutter werden wollen und nicht an die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geglaubt, betont sie. Entweder bleibe dabei die Familie, die Arbeit oder die Frau auf der Strecke. Die rechte Ideologie schien ihr diese vom System auferlegte Zerreißprobe zu ersparen.

Inzwischen hat sie ein Kind und ist von Beruf Erzieherin. Heidi Benneckenstein hat vieles im zweiten Anlauf geschafft, nachdem sie bei ihrem Ausstieg nur einen schlechten Hauptschulabschluss und eine abgebrochene Lehre als Hotelfachfrau vorzuweisen hatte. Zum Wendepunkt war letztendlich eine Schwangerschaft geworden, die mit einer Fehlgeburt endete, die sie aber vorher gezwungen hatte, über Kindererziehung und ihre eigene unglückliche Kindheit nachzudenken.

Im letzten Kapitel beschreibt sich Heidi Benneckenstein im Grunde noch als Suchende: »Ich habe fast 20 Jahre so fundamental danebengelegen, dass ich jeden weiteren Irrtum vermeiden möchte« – deshalb erlaube sie sich jetzt »den Luxus, alles noch mal neu und ganz anders zu denken«.

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen: Mein Leben in einer Neonazifamilie, Tropen-Verlag, Stuttgart 2017, 252 S.,16,25 Euro


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