Aus: Ausgabe vom 03.01.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Desaster mit Ansage

Tote und Verletzte bei schwerem Brand in indischer Finanzmetropole Mumbai. Spekulation und Umgehung von Vorschriften sind Alltag

Von Thomas Berger
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Feuerwehrleute mit einem geborgenen Opfer des Brandes am 29. Dezember in Mumbai

Mindestens 15 Tote und mehr als ein Dutzend Verletzte sind die Folge eines Großbrandes in Mumbai am vergangenen Donnerstag. Betroffen war ein Nobelrestaurant in der indischen Wirtschaftsmetropole, die Tragödie gilt als einer der größten Brände in der dichtbesiedelten 25-Millionen-Einwohner-Stadt an der Westküste des Subkontinents in jüngerer Vergangenheit. Über die Ursache gibt es bislang nur Spekulationen. Medienberichten zufolge aber verdichten sich Hinweise darauf, dass illegale Machenschaften, grobe Nachlässigkeit und die bewusste Umgehung von Sicherheitsvorschriften eine Rolle gespielt haben könnten.

Es war Augenzeugenberichten zufolge kurz nach Mitternacht, als das Feuer in dem Restaurant auf der Dachterrasse des früheren Industriegebäudes einer vormaligen Textilmühle im Stadtteil Lower Parel im nördlichen Zentrum Mumbais ausbrach. Ein Großteil der Opfer gehörte zu den Gästen einer Geburtstagsparty, die dort gefeiert wurde. Auch die 28jährige Gastgeberin sei unter den Toten, wie ihr Großvater den Medien sagte. Ein einheimischer Reporter, der zufällig zu Gast war, berichtete der britischen BBC, wie die Menschen in Panik flüchteten, als die Kunde von dem Feuer die Runde machte. Ärzte verwiesen darauf, dass die Toten an Rauchvergiftung starben – einige hatten den ersten Erkenntnissen zufolge in den Waschräumen Schutz gesucht, wo sie nur noch tot geborgen werden konnten. In den meisten Berichten ist von 15 Opfern die Rede, das Nachrichtenportal The Wire berichtete unter Berufung auf Quellen in der Stadtverwaltung Mumbais sogar von 19 Toten.

Bürgermeister Vishwanath Mahadeshwar hatte umgehend die Bildung eines Sonderermittlungsteams angeküdigt. Die drei Partner der Firma, denen das Restaurant gehört, wurden festgenommen. Aber auch die Stadtverwaltung (BMC) selbst geriet unter anderem durch lokale Abgeordnete des Unionsparlaments unter Druck. Schließlich hätten die Behörden zugelassen, dass die Eigentümer das Restaurant illegal erweiterten. »BMC-Offizielle sind verantwortlich für den Mord an Leuten im Kamala-Mills-Brand«, wird Kirit Somaiya, der für die hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) von Premier Narendra Modi im Unterhaus sitzt, in der Times of India zum Jahreswechsel zitiert.

Laut Medienberichten soll es unter anderem an einem Evakuierungsplan gemangelt haben. Fluchtwege aus dem mehrstöckigen Gebäude waren nicht gekennzeichnet, und die Gänge, über die sich die Gäste in Panik den rettenden Weg ins Freie bahnten, waren viel zu schmal. Unklar ist auch, ob die Eigentümer überhaupt eine Genehmigung für die Nutzung der Dachterrasse hatten. Angeblich gab es in den zurückliegenden Monaten drei Anzeigen der Behörden, weil Vorschriften nicht eingehalten wurden. In dem Dachlokal fanden zudem regelmäßig Feuershows ohne ausreichend Sicherheitsvorkehrungen im Umfeld von viel leicht entzündlichem Material statt. Möglicherweise sei das der Auslöser der Katastrophe gewesen.

Ein Einzelfall ist das Unglück nicht. Aus anhaltendem Bevölkerungszuwachs im Verbund mit steigenden Grundstücks- und Baupreisen, extremer Boden- und Mietspekulation sowie dem Versagen der Behörden und der grassierenden Korruption ist ein gefährlicher Mix entstanden. Unglücke dieser Art scheinen fast programmiert. So war beispielsweise am letzten Augusttag ein 117 Jahre altes Gebäude in sich zusammengefallen, in dem sich fünf Wohnungen, Geschäfte und ein Kindergarten befanden. 34 Menschen starben. Wie bekannt wurde, hatte das Haus bereits seit sechs Jahren offiziell als gefährdet gegolten, ohne dass dies Konsequenzen nach sich zog. Mumbai hat, bedingt durch die begrenzte Fläche (die Innenstadt ist an drei Seiten vom Meer begrenzt), die mit Abstand höchsten Bodenpreise Indiens. Richtige Wohnungen sind ein Luxusgut, mindestens sechs bis sieben Millionen Menschen kampieren in Slums – es gibt verschiedene Stufen dieser Elendssiedlungen, von einer Plane auf dem Bürgersteig bis zu einem Baumix aus Ziegeln, Holz und Plastik. Im Zentrum wachsen indes seit Jahren immer mehr Wolkenkratzer in die Höhe.

Bei Gewerbeflächen sieht es nicht anders aus als auf dem Wohnungsmarkt. Bezahlbare Räume sind schwer zu finden. Hinzu kommt, dass selbst wohlhabende Investoren sparen, wo es nur geht: Lieber werden Beamte der Stadtverwaltung und Polizisten geschmiert, statt notwendige Genehmigungen einzuholen, deren Ausstellung wegen Ineffektivität der Verwaltung lange dauert. Oft wird weitaus höher gebaut als erlaubt. Die Statik etlicher neuer Gebäude und vor allem der Erweiterungen bestehender Bauten gilt Berichten zufolge als zweifelhaft. Das Fehlen von gekennzeichneten Notausgängen, ausreichend breiten Fluchtwegen und dergleichen ist wie beim aktuellen Fall eher die Norm als die Ausnahme. In jüngerer Zeit sind immer mehr Immobilien aus der Kolonialzeit, als die Textilindustrie noch eine Säule des Reichtums des damaligen Bombay war, in Geschäftskomplexe und dergleichen umgewandelt worden. Kamala Mills, wie der Name schon sagt, gehört dazu.


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