Aus: Ausgabe vom 03.01.2018, Seite 1 / Titel

Blendende Zahlen

Laut Statistischem Bundesamt gibt es in der BRD mittlerweile 44,3 Millionen Erwerbstätige. Das heißt: mehr Ausgebeutete

Von Stefan Thiel
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Nur vermeintlich ein Grund zum Feiern: Die Beschäftigtenzahlen haben einen neuen Rekordstand erreicht

Ohne menschliche Arbeit kein Profit. Das ist eine Tatsache, die Unternehmer zwar gern ignorieren, von der sie aber leben. Denn den Beschäftigten wird nicht gezahlt, was ihre Arbeit an Wert schafft – erst so werden Gewinne möglich. Man sollte das im Hinterkopf behalten, wenn abermals das Loblied auf die Beschäftigtenzahlen gesungen wird. So, wie es gerade wieder in der Bundesrepublik geschieht.

Bevor am heutigen Mittwoch die Bundesagentur für Arbeit (BA) ihre Jahresbilanz verkündet, preschte das Statistische Bundesamt bereits am Dienstag vor und vermeldete vermeintlich Erfreuliches: Die Zahl der Erwerbstätigen in der Bundesrepu­blik ist im vergangenen Jahr so kräftig gestiegen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Den Angaben aus Wiesbaden zufolge kletterte die Zahl der Lohnabhängigen im letzten Jahr um 638.000 oder 1,5 Prozent auf einen neuen »Rekordwert« von rund 44,3 Millionen.

»Damit setzte sich der seit zwölf Jahren anhaltende Anstieg der Erwerbstätigkeit dynamisch fort«, erklärten die Statistiker. Für diese Entwicklung verantwortlich seien demnach vor allem die Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Ausland und die Tatsache, dass auch immer mehr Frauen und ältere Menschen einer Erwerbstätigkeit nachgingen. Diese Faktoren hätten wesentlich zum höchsten Stand der Beschäftigtenzahlen seit dem Anschluss der DDR an die BRD beigetragen.

Bereits zum Jahresende hatte die Bundesagentur für Arbeit (BA) von einer – aus ihrer Sicht – stark zunehmenden Nachfrage nach Arbeitskräften berichtet. Als Grund hierfür wird immer wieder die »gute« Konjunktur angeführt. Schließlich wuchs das Bruttoinlandsprodukt 2017 – wenn auch auf bescheidenem Niveau – das achte Jahr in Folge. »Eine wichtige Stütze ist dabei der private Konsum, der wiederum von Rekordbeschäftigung und steigenden Reallöhnen profitiert«, fabulierte am Dienstag die Nachrichtenagentur Reuters. Da sich an der konjunkturellen Lage nach Ansicht »führender Experten« so schnell nichts ändern dürfte, wird für 2018 schon der nächste Rekord erwartet. So rechnen die neoliberalen Ökonomen des Münchner Ifo-Instituts für nächstes Jahr mit fast 44,8 Millionen Menschen in Lohn und Brot. 2019 sollen es den Prognosen zufolge dann sogar knapp 45,2 Millionen Erwerbstätige sein.

Besonders stark legte die Arbeitskräftenachfrage in den vergangenen zwölf Monaten in der Leiharbeit, im verarbeitenden Gewerbe und im Handel zu. »Während die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten weiter stieg, war die Summe der marginal Beschäftigten (darunter geringfügige Beschäftigung) weiter rückläufig«, so die Statistiker.

Kritik kam am Dienstag von der Linkspartei: Es sei zwar erfreulich, dass die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen und die der prekär Beschäftigten gesunken sei. Da Leiharbeit und Befristungen aber nach wie vor weitverbreitet seien, gebe es für die Bundesregierung keinen Grund, sich zurückzulehnen, kommentierte der stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Klaus Ernst, die Entwicklung. »Die Zahl der Erwerbstätigen sagt nichts über die Qualität der Arbeit aus. So ist eine zunehmende Spaltung am Arbeitsmarkt zu beobachten. Ein Teil der Beschäftigten kann mit steigenden Löhnen von der wirtschaftlichen Lage in Deutschland profitieren, der andere arbeitet zu Löhnen, die kaum zum Überleben reichen, und muss sich zunehmend Zweitjobs suchen«, so Ernst.


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