Aus: Ausgabe vom 02.01.2018, Seite 14 / Feuilleton

Auf der Nadelspitze

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»Sag es anders!« Alternative politische Kommunikationsform beim Revolutionären 1. Mai in Berlin-Kreuzberg (2011)

Eine Tragikomödie, die in einer Schule spielt, aber ohne Schüler auskommt – wer schreibt denn so was? Jan Weiler, der mit  »Eingeschlossene Gesellschaft« (WDR 2017; drei Teile, Ursendung Di., Mi., Do., jeweils 19 Uhr, WDR 3) die deutsche Entsprechung zu einem High-School-Drama vorlegt. Nach Schulschluss wird ein halbes Dutzend Lehrer im Lehrerzimmer eingesperrt, weil ein Vater mit der Handfeuerwaffe die Abiturzulassung seines Sohnes erzwingen will. Die Lehrer sollen zwar zu einem positiven Ergebnis für den Sprössling kommen, aber auf Grundlage einer »objektiven« Zeugniskonferenz. Das funktioniert natürlich nicht, statt dessen beschuldigen sich die unter Druck gesetzten Pädagogen gegenseitig diverser Missetaten, von der Veruntreuung von Schulgeldern bis zu Affären mit Schülern.

Gesine Schmidts Hörspiel »Die Nutznießer – ›Arisierung‹ in Göttingen« (NDR 2018; Ursendung Mi., 20 Uhr, NDR Kultur) handelt von der Enteignungen von Juden während der Nazizeit, wohingegen sich Patrick Batarilo in seinem Feature »Torte statt Worte – Anleitung zur politischen Wurfkunst« (SWR 2018; Ursendung Mi., 22 Uhr, SWR 2) der jüngeren Geschichte und der gesellschaftlichen Dimension der Essensschlacht widmet. Kunstliebhabern sei das von diversen Musikern gestaltete Hörspiel »Klänge (Teil 1)« (BR 2015; Do., 22 Uhr, SWR 2) nach einem Buch von Wassily Kandinsky empfohlen. Dafür wurden die Illustrationen des Künstlers vertont, was überraschend gut funktioniert. Zusammen mit den Texten Kandinskys bilden die Interpretationen ein einzigartiges Hörspielalbum. Auch toll ist der Krimi »Verfluchtes Licht« (SRF 2017; Fr., 19 Uhr, WDR 3 und Sa., 17 Uhr, WDR 5) von Lukas Holliger. Die Story dreht sich um einen blinden Kommissar.

Castingshows haben in diesem Jahrhundert das Singen auch bei Jüngeren wieder populär gemacht. Viel Platz für Schönheit ist im Sendekonzept aus Talentsuche und militärischem Drill allerdings nicht. Dafür vielleicht hier: Nicole Baumann geht in »Everyone has a beautiful voice – Die Sängerin und Stimmforscherin Jo Estill« (BR 2017; Fr., 19 Uhr und Sa., 19 Uhr, BR Klassik) auf die jüngsten Trends der Stimmforschung ein. Richtig antihierarchisch wird es dann in Stefan Zedniks Feature »Start up, symphony!« (DLF 2018; Ursendung Fr., 20 Uhr, Bayern 2), das sich mit dem Berliner Stegreiforchester befasst. Dieses kommt ohne Dirigenten und sogar ohne Noten aus.

Ruth Johanna Benrath verhandelt in »Aus der Tiefe« (RBB 2018; Ursendung Fr., 22 Uhr, RBB Kulturradio) die großen Themen Tod, Vergänglichkeit und den Widerstand dagegen: Ein alter Wissenschaftler und Dichter hängt seiner Vergangenheit nach und mobilisiert ein letztes Mal all seine Sprachkunst. Auf ganz andere Weise ist der Tod natürlich Thema eines jeden Krimis. Zum 50. Geburtstag des DLF-»Mitternachtskrimis« läuft  »Mord in Studio eins« (WDR 1964; Sa., 0 Uhr, DLF) von Norman Corwin.

Empfehlenswert sind auch die Hörspiele »Zugzwang« (NDR/SWR 2006; Sa., 20 Uhr, SRF 2 Kultur) über das Wettrüsten im Kalten Krieg sowie  »Züge in Gegenrichtung« (SRF 2018; Ursendung So., 17 Uhr, SRF 2 Kultur) über eine vertrackte Familiengeschichte und Identitätssuche im Kontext des Zweiten Weltkrieges, beide von David Zane Mairowitz. Zuletzt sei noch das Soundartstück  »Als würde ein Windchen über die Nadelspitze pfeifen« (HR 2018; Ursendung Sa., 23 Uhr, HR 2 Kultur) von Monika Golla erwähnt, in dem Klangbeschreibungen von Tinitusgeplagten vertont werden.


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