Aus: Ausgabe vom 02.01.2018, Seite 11 / Feuilleton

Viele Beulen am Helm

Und nicht alle stammen vom Klassenfeind: Ein neues Buch des Karikaturisten und Feuilletonisten Harald Kretzschmar

Von Peter Michel
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»Alternativer Künstlerreport«: Porträtkarikatur Herluf Bidstrups, gezeichnet von Harald Kretzschmar

Als 14jähriger merkte er sich in der Nachkriegszeit den Satz »Sag es anders«, den in seiner Geburtsstadt Dresden ein Pastor formulierte. In seinem neuen Buch sagt der inzwischen 86jährige Harald Kretzschmar, der in Kleinmachnow weiter unermüdlich zeichnet und schreibt, tatsächlich alles anders, als es dem Mainstream genehm ist, und bringt es so auch mit dem Filzstift aufs Papier. »Stets erlebe ich das Falsche. Der alternative Künstlerreport« ist der Titel.

Sagenhaft gründlich verquickt Kretzschmar seine Autobiografie mit den Biografien und Werkgeschichten derer, die ihn beeinflussten und prägten, denen er auf die Sprünge half, die ihn zu Höhenflügen animierten oder ihm klar machten, dass das, was in der DDR an Karikaturen geschaffen, gedruckt oder auch nicht gedruckt wurde, nicht das Schlechteste war und sich international sehen lassen konnte. Den Dank, den er ihnen schuldet, trägt er mit freundlich-ironischen Porträtkarikaturen ab.

Die Periodisierung nach Jahrzehnten ist nicht zufällig. Schon vor 1989 hatten sich Kunsthistoriker darüber geeinigt, dass man die Kunstgeschichte der DDR auf solche Art schlüssiger, überschaubarer machen könne. Das trifft auch auf Kretzschmars biografische Notizen zu. Folgt er doch mit seiner Lebens- und Arbeitsgeschichte den Tatsachen, subjektiven Spiegelungen, Erkenntnissen, Möglichkeiten und Zwängen des historischen Verlaufs. So findet man Kapitelüberschriften wie »Die Sechzigerjahre – Entweder oder kein Zurück«, »Die Achtzigerjahre – Unerwartete Ausweitung der Kampfzone« oder »Die Neunzigerjahre – Untergang Treppe Hoffnung Ausgang links«.

Kaum ein Karikaturist war und ist so eng mit den Entwicklungen seines Faches im Osten Deutschlands verbunden. Kretzschmar war nicht nur Lieferant frischer Einfälle, sondern vor allem Förderer neuer Talente; meist nahm er sich selbst zurück. Die Grundfrage, ob nach der »Wende« auch für den Bereich der Karikatur eine »Neubewertung« notwendig sei, wird im Buch eindeutig verneint. Bis in die Gegenwart dominieren Vorurteile, Unwissenheit, Verblendung und Ignoranz gegenüber Künstlern aus der DDR. Dass die Karikaturisten mit kritisch-politischem und künstlerischem Anspruch arbeiteten, also selbstverständlich auch Künstler waren (und sind, soweit sie noch leben), dass sie sich oft gegen Widerstände durchzusetzen hatten und dennoch bei ihrer Haltung blieben, spielt heute keine Rolle mehr. Das geistige Klima, das die Jahre nach 1989 prägte, in manchen Fällen zu blindem Hass gesteigert, ist noch nicht überwunden. Kretzschmars Karikaturen fand man auch auf dem Müll des ausgeräumten Kulturhauses Potsdam-Babelsberg. »Vereinigen durch Ausgrenzen, wie geht das?« fragt er. Und schreibt dagegen an, verbeißt sich nicht, bleibt bei den Tatsachen: »Wie vieles habe ich anders erlebt, als heute … publi­zierte Erlebnisberichte suggerieren wollen.«

Sein Stil ist blitzgescheit, bilderreich, weise, voller Sympathie, die aus tiefer Kenntnis kommt, mit ironischen Lichtern, die auch das Ego nicht ausschließen, voller Anstöße zum Weiterdenken. Das Buch vermittelt eine Sicht von innen auf die nationale und internationale Karikaturistenszene und andere Kunstbereiche. Kretzschmar erlebte in sieben Jahrzehnten das Richtige, das heute als falsch verdammt wird. »Gibt es in unserer Erinnerungskultur nur blankgeputzte positive oder trübe verfinsterte negative Biografien?« fragt er an einer Stelle: »Dürfen sie vielgestaltig widersprüchlich sein?« Und konstatiert später: »Ich habe viele Beulen am Helm, und nicht alle stammen vom Klassenfeind.«

49 biografische Texte hat er in lockerem Plauderton verfasst, über Karikaturisten, Maler, Grafiker und Schauspieler, darunter Elisabeth ­Voigt, Herbert Sandberg, John Heart­field, Leo Haas, Wolfgang Mattheuer, Heinz Behling, Adolf Born, Tomi Ungerer, Herluf Bidstrup und Otto Damm.

Kretzschmar ist ein Insider par excellence. Neben seinem Zeichentisch steht heute noch die Staffelei von George Grosz und Carl Stutzkopf. Sein Buch kann der historischen Wahrheit auf die Sprünge helfen.

Harald Kretzschmar: Stets erlebe ich das Falsche. Der alternative Künstlerreport. Quintus-Verlag 2017, 240 S., 20 Euro


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