Aus: Ausgabe vom 02.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Langsam kriecht der Bariton

Schleimig-düsteres Getriefe: »The Ooz«, das neue Album von King Krule

Von Michael Saager
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»Stücke von mir und Stücke von Blut« Archy Marshall alias King Krule

Verdammt interessanter Künstler, dieser King Krule. Beinahe unheimlich interessant, sofern man den atmosphärischen Eindruck von Archy Marshalls zweitem King-Krule-Album ernst genug nimmt. Da ist diese untergründige, selbstzerstörerische Aggressivität, wie man sie noch von Nick Cave kennt oder Tom Waits. Beides bekanntermaßen Typen, die nicht zuletzt mit kaputten Selbstinszenierungen zu überzeugen wussten.

»The Ooz« heißt King Krules Platte, was im Original schöner klingt als übersetzt, schließlich bedeutet »­ooze« so viel wie Ausfluss oder Getriefe. Der Künstler sagt, es gehe um »Earwax and snot and bodily fluids and skin and stuff that just comes out of you on a day-to-day basis« (Ohrenschmalz und Rotz und Körperflüssigkeiten und Zeug, das einfach jeden Tag aus dir rauskommt). Schleimige Sache. Und tatsächlich fließen bzw. kriechen einem der düstere Folk mit seinen spartanischen digitalen Beats, elektronische Psychedelik mit lakonischen Jazzsequenzen, stillstehende No-Wave-Exkurse, vor allem aber der existentiell gebrochene Lounge-Bariton King Krules ungesund langsam den Körper hinunter. Es wirkt bisweilen so, als stünde hier wahnsinnig viel auf dem Spiel eines erfahrungssatten, intensiven Lebens. Dabei ist der Mann gerade mal 23. Was von dem Zeug ist authentisch, was »bloß« kunstvoll zubereitet? Tja, wer will, wer kann das entscheiden? Und möchte man das überhaupt so genau wissen?

Von urbaner Einsamkeit singt King Krule und zerdehnt dabei die Worte zu seltsamen Lauten. Scheinbar unter Schmerzen oder in einem Zustand schrecklicher Frustration schreit er jäh auf – das hat durchaus was Berührendes. In den Arm nehmen möchte man den Burschen deshalb trotzdem nicht. Ein Zombiefan ist der Londoner, was einen nun überhaupt nicht wundert. Keine Ecke Londons ist ihm düster genug, kein Sound zu lebensmüde, kein Ton aus seinem Mund »normal« schöner Gesang. Als Teenager sei er Außenseiter gewesen. Über seine Songs sagt er kryptisch, aber hübsch bildhaft: »Die Produktion des Albums war wie Kotze. Es waren feste Stücke und dann flüssige Stücke. Es gab Stücke von mir und Stücke von Blut.« Viele der Songs habe er nackt im Bett aufgenommen.

Archy – King Krule – Marshall hasst die Rechten des Landes und findet es nicht überraschend, aber gleichwohl bitter, dass die Menschen auf Londons Straßen nicht miteinander sprechen. Analoge und digitale Zombies, jeder für sich, alle gegen alle. Die Wirklichkeit könnte schöner sein. Auch davon handelt dieses tolle, eigensinnige Album. Eines der interessanten des letzten Jahres, keine Frage.

King Krule: »The Ooz« (XL Recordings/Beggars Group)


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