Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 15 / Medien

Mediale Einfalt

Konzentrationsprozesse in der Schweiz: St. Galler Tagblatt wird Teil eines riesigen Medienkonzerns. Widerstand der Kleinen formiert sich

Von Corinne Riedener
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Einheitsbrei statt Vielfalt: Titel schweizerischer Tageszeitungen vom 30. Januar 2017

Die Zusammenballung im Medienbereich der Schweiz nimmt zu. Im Dezember ist bekannt geworden: Das St. Galler Tagblatt und seine Lokalausgaben werden Teil eines neuen, riesigen Medienkonzerns. Die Besitzerin Neue Zürcher Zeitung (NZZ) schliesst dafür mit den AZ Medien ein Joint Venture – sofern dieses von der Schweizerischen Wettbewerbskommission (Weko) abgesegnet wird. Kommt diese Fusionsvereinbarung zustande, wird sie künftig rund 80 Medientitel umfassen und erreicht dann über zwei Millionen Leserinnen und Leser. Sogar die St. Galler Regierung teilte wenige Stunden nach der Bekanntgabe ihre Besorgnis mit. Man will prüfen, »welche Maßnahmen (die Regierung) im Bereich der kantonalen Medien- und Kommunikationspolitik treffen soll«.

Für die Konzentrationsprozesse im Journalismus ist die Situation in der Ostschweiz exemplarisch. Bis in die 90er Jahre gab es hier, abgesehen von der sozialdemokratischen Ostschweizer Arbeiterzeitung, die 1996 eingestellt wurde, zwei maßgebliche Publikationen samt diversen Partnerblättern: das freisinnige St.Galler Tagblatt, das seit 1990 zum NZZ-Konzern gehört und die katholisch geprägte Zeitung Ostschweiz. Letztere erschien vor 20 Jahren, im Dezember 1997, zum letzten Mal – seither hat das Tagblatt das Medienmonopol in der Ostschweiz.

In den letzten Jahren hat sich die Situation weiter verschärft: Im Sommer 2014 trimmen das St. Galler Tagblatt und seine Regionalausgaben ihren Mantelteil von drei auf zwei Bünde, wenige Monate später führt die NZZ Mediengruppe ihre Regionaltöchter St. Galler Tagblatt und Luzerner Zeitung zu einem Geschäftsbereich zusammen, samt gemeinsamem Chef. Im Herbst 2016 erscheinen alle Regionalzeitungen der NZZ Mediengruppe erstmals in einem einheitlichen Layout, im Juli 2017 stellen St. Galler Tagblatt und Luzerner Zeitung samt Partnerzeitungen auf die Zweibund-Zeitung um und kommen seither im »gemeinsamen Mantel« daher; der erste Bund ist bis auf die sogenannte Focus-Seite identisch und wird abwechselnd in den Städten Luzern und in St.Gallen produziert, die gut zwei Zugstunden auseinanderliegen. Ende Oktober 2017 wird die Printausgabe der zum Tagblatt gehörigen Ostschweiz am Sonntag eingestellt, kurz davor wird das Korrektorat der NZZ-Regionalmedien nach Banja Luka in Bosnien ausgelagert – trotz Widerstand im eigenen Laden. Neun Stellen gehen dabei verloren, vier davon durch Frühpensionierungen, fünf durch Entlassungen.

Die Schweizer Presselandschaft insgesamt wird von drei großen Playern dominiert – man kann von einem Oligopol privater Medienunternehmen sprechen: Tamedia, Ringier und Neue Zürcher Zeitung (NZZ). An der Spitze steht Tamedia, zu der unter anderem der Tagesanzeiger und das Gratisblatt 20 Minuten gehören. 2016 setzte die Mediengruppe über eine Milliarde Schweizer Franken (CHF) um und erzielte einen Reingewinn von 122 Millionen CHF, das entspricht etwa 104 Millionen Euro.

Das »Familienunternehmen« Ringier, Mutterhaus des Blicks, der Schweizer Bild, befindet sich mit einem Umsatz von etwas mehr als einer Milliarde Franken auf Platz zwei und schloss 2016 mit einem Gewinn von knapp 23 Millionen ab. Die NZZ-Mediengruppe kann bei einem Umsatz von 442,7 Millionen einen Gewinn von 23,8 Millionen CHF vorweisen. Daneben gibt es noch die kleineren AZ-Medien (Umsatz 235,7 Millionen) und die Somedia AG, die ihren Jahresbericht nicht mehr veröffentlicht.

SVP-Milliardär Christoph Blocher kauft sich weiter ein in die Deutschschweizer Medienlandschaft; seine BAZ-Holding riss sich im vergangenen August den konservativen Gratiszeitungsverlag Zehnder unter den Nagel, der insgesamt 25 Titel zählt und an die 800.000 Leserinnen und Leser in der ländlichen Ost- und Zentralschweiz sowie den Kantonen Aargau, Solothurn, Bern und Zürich erreicht.

Doch es gibt Widerstand – wenn auch erst von »kleiner« Seite: Im August wurde der Verband »Medien mit Zukunft« gegründet, als Gegenpol zum Verlegerverband, dem auch Ringier, Tamedia und NZZ angehören. Unter den 15 Mitgliedern des neuen Zusammenschlusses sind die WOZ, tsüri.ch, die Basler Tageswoche, das Onlineportal Infosperber, das Medienprojekt »Republik« und auch das Ostschweizer Kulturmagazin Saiten.


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