Aus: Ausgabe vom 20.12.2017, Seite 15 / Antifa

Eigene Mandantin ignoriert

Eine Nebenklägerin im NSU-Prozess entzieht ihrer Anwältin das Vertrauen, weil sie institutionellen Rassismus leugnete

Von Claudia Wangerin
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Aysen Tasköprü, deren Bruder im Jahr 2001 in Hamburg erschossen wurde, hat als Nebenklägerin im Münchner NSU-Prozess ihrer Anwältin das Vertrauen entzogen. Nach mehr als viereinhalb Jahren Verhandlungsdauer fühle sie sich von Rechtsanwältin Angela Wierig »hintergangen und getäuscht«, berichtete die Süddeutsche Zeitung (SZ) am Montag abend online. Wierig hatte in ihrem Abschlussplädoyer vergangene Woche den mitangeklagten Neonazi Ralf Wohlleben gegen den Vorwurf der Beihilfe zum Mord verteidigt und die Auffassung vertreten, behördlicher Rassismus habe bei den Ermittlungen keine Rolle gespielt.

Der Obst- und Gemüsehändler Süleyman Tasköprü war am 27. Juni 2001 bei der Arbeit im Geschäft seiner Familie in Hamburg-Bahrenfeld erschossen worden. Obwohl er bereits das dritte Opfer einer Mordserie war, bei der jeweils dieselbe Ceska-Pistole verwendet wurde, zwischen den Toten aber keine Verbindung hergestellt werden konnte, ging die Polizei nicht von einem rassistischen Motiv aus. Nach Verdächtigen wurde im Umfeld der Angehörigen gesucht. Die Informationspolitik der Polizei und rassistische Stereotype trugen dazu bei, dass sich in Massenmedien die Bezeichnung »Dönermorde« durchsetzte. Erst nachdem Ende 2011 der »Nationalsozialistische Untergrund« (NSU) als Urheber der Mord- und Anschlagsserie bekannt wurde, erklärte eine Jury von Sprachwissenschaftlern »Dönermorde« zum Unwort des Jahres.

Wierig hatte am Dienstag vergangener Woche diese Informationspolitik verteidigt – sie fand auch nachvollziehbar, dass die Polizei der migrantischen Bevölkerung nichts über den Verdacht einer rassistischen Mordserie mitgeteilt habe, weil sonst »Teile Hamburgs gebrannt hätten«. Sie halte »Ausschreitungen, Straßenschlachten und sogar Tote für wahrscheinlich«, mutmaßte Wierig über mögliche Folgen.

Angela Wierigs Kollegen, die im NSU-Prozess weitere Angehörige von Süleyman Tasköprü, die anderer Mordopfer sowie Verletzte von zwei Sprengstoffanschlägen als Nebenkläger vertreten, hatten die Anwältin scharf kritisiert und sich zum Teil entsetzt über ihr Plädoyer geäußert.

Durch Wierigs Äußerungen konnte der Eindruck entstehen, die Familie Tasköprü selbst sei sich diesbezüglich nicht einig. Das stellte Aysen Tasköprü nun gegenüber der SZ klar: »Wir sind und waren nie gespalten«. Dem Bericht zufolge betrachtet sie Gül Pinar, die bereits ein anderes Familienmitglied vertritt, als ihre neue Anwältin. Eine Entscheidung darüber, ob Pinar das Mandat offiziell übernehmen kann, stand bei Redaktionsschluss noch aus. Sollte das Oberlandesgericht München ihrem Wunsch nicht folgen, will Aysen Tasköprü ganz darauf verzichten, als Nebenklägerin aufzutreten.


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