Aus: Ausgabe vom 20.12.2017, Seite 15 / Antifa

Sie waren nie weg

»Nie wieder? Schon wieder? Immer noch«: Eine Ausstellung im »NS-Dokumentationszentrum München«

Von Sebastian Lipp
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Wutbürgerlich gegen Schutzsuchende: AfD-Kundgebung gegen die Aufnahme Geflüchteter im Oktober 2015 in Passau

Nie wieder am 8. Mai 1945 erzwangen die alliierten Streitkräfte das Ende von Krieg und Naziherrschaft in Europa und übernahmen die Regierungsgewalt in Deutschland. Sie verboten die NSDAP und ihre Gliederungen, schafften von ihr eingeführte Gesetze ab, entfernten einige aktive Nazis aus dem öffentlichen Leben und internierten sie, stellten Täter vor Gericht. Jegliche nazistische und militaristische Betätigung war unter Strafandrohung untersagt. Die Abbildung der Verordnung der alliierten Militärregierung in Deutschland zur Auflösung der NSDAP und zum entsprechenden Betätigungsverbot von 1945 aus dem Münchner Stadtarchiv könnte das Ende der Dauerausstellung »München und der Nationalsozialismus« im NS-Dokumentationszentrum in der ehemaligen »Hauptstadt der Bewegung« markieren.

Statt dessen stellt das Dokumentationszentrum sie an den Anfang einer Sonderausstellung zum Thema »Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945«. Aus gutem Grund, denn bekanntlich begannen alte Nazis gleich nach Kriegsende schon wieder – eine Reorganisierung, schlossen sich zu neuen Netzwerken zusammen und gründeten Parteien und Gruppierungen in der Bundesrepublik. Sie forderten unter anderem die Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937, diffamierten Widerstandskämpfer oder aus dem Exil zurückgekehrte Politiker als »Landesverräter« und propagierten eine ethnisch homogene »Volksgemeinschaft«. Im vorpolitischen Raum formierten sich trotz etlicher Verbote Vereine und Verbände, Verlage und andere Organisationen rechtskonservativer bis -extremer Ausrichtung, deren Erbe – immer noch – fortwirkt.

Unter dem Titel »Nie wieder. Schon wieder. Immer noch.« dokumentiert die Ausstellung anhand von Photographien und Abbildungen von Originaldokumenten den Wandel der extremen Rechten in Deutschland – und der staatlichen, zivilgesellschaflichen und antifaschistischen Gegenwehr, besonders in Bayern und München. Sie zeigt den Aufstieg der NPD in den Jahren nach ihrer Gründung 1964, den militanten Neonazismus in den 70ern, der Anfang der 1980er Jahre in rechtsterroristische Gewalttaten bis dato ungeahnten Ausmaßes mündete. In den 1980er Jahren bildete sich eine neues jugendkulturelles Milieu heraus, als neonazistische Organisationen die Skinhead- und die Hooliganszene für sich entdeckten. Die rechte Straßengewalt erreichte nach der deutschen Vereinigung 1990 ein neues Ausmaß. Nahezu täglich ereigneten sich brutale Angriffe auf Migranten, alternative Jugendliche, Obdachlose, Homosexuelle und andere Personen, die im Weltbild der Täter keinen Platz hatten.

Mehr als die Hälfte der beinahe 200 Personen, die nach Zählung der Amadeu-Antonio-Stiftung seit 1990 durch rechte Gewalt ihr Leben verloren, fielen dieser rassistischen Gewaltwelle in den ersten zehn Jahren nach dem Mauerfall zum Opfer. Um das Jahr 2000 stieg die Zahl der rechten Gewalttaten erneut drastisch an. Die NPD konnte ihr Wiedererstarken feiern und öffnete sich für militante Neonazis aus den »freien Kameradschaften«. Gleichzeitig ermordete der NSU bis 2007 zehn Menschen, während die Sicherheitsbehörden die Angehörigen der Opfer selbst verdächtigten. Deren Verdacht, dass es sich um eine rassistische Mordserie handelte, wollte damals niemand hören.

Anfang der 2010er Jahre verlor die NPD erneut an Bedeutung. Neuere Akteure wie die Partei »Die Rechte«, »Der III. Weg« oder die »Identitäre Bewegung« rückten in den Vordergrund. Der »Alternative für Deutschland« (AfD) gelang es ab 2014, in die Landesparlamente einzuziehen. 2017 schaffte es die erst 2013 gegründete Rechtspartei bereits, mit 12,6 Prozent als drittstärkste Kraft in den Bundestag einzuziehen. Ein öffentlich ausgetragener Flügelkampf zwischen radikal völkisch-nationalistischen Kräften und harten Neoliberalen mit völkischem Einschlag in der heißen Phase des Wahlkampfs tat dem keinen Abbruch.

Die Wahlerfolge der AfD spiegeln einen gesellschaftlichen Rechtsruck in Deutschland, der sich nicht zuletzt in einem neuerlichen eklatanten Anstieg rassistisch motivierter Gewalttaten ausdrückt. Allein für das Jahr 2016 nannte das Bundesinnenministerium in einem vorläufigen Bericht 3.500 Angriffe auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte.

Anhand von aktuellen Beispielen und Originalen, die zum Großteil aus der Sammlung der »Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e. V«. stammen, zeigt die Ausstellung im Anschluss an die Chronologie, dass die wesentlichen Elemente extrem rechter Ideologie kein Randphänomen darstellen, sondern in der gesamten Gesellschaft verbreitet sind. Daraus ergibt sich eine breite Anschlussfähigkeit für völkisches und menschenverachtendes Gedankengut.

Die Ausstellung ist noch bis zum 2. April im NS-Dokumentationszen­trum München zu sehen, ein aufwendiger Ausstellungskatalog ist soeben im Metropol-Verlag erschienen.

Nie wieder. Schon wieder. Immer noch. Rechtsextremismus in Deutschland seit 1945. Bis 2. April 2018 im NS-Domkumentationszentrum München, Brienner Straße 34, 80333 München
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Herausgegeben von Winfried Nerdinger in Zusammenarbeit mit Mirjana Grdanjski und Ulla-Britta Vollhard, 280 Seiten, Metropol Verlag, 28/34 Euro


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