Aus: Ausgabe vom 20.12.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Heimkehr im Sarg

Unter entwürdigenden Bedingungen bauen Millionen südasiatische Migranten die Glitzerwelt der Golf-Metropolen auf

Von Thomas Berger
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Oft über 40 Grad: Arbeitsmigranten in Kuwait nehmen auf einer Baustelle am 21. Oktober 2013 ihre Mittagspause

Vor kurzem hat der französische Präsident Emmanuel Macron die Region bereist, besuchte die Vereinigten Arabischen Emirate und dann Katar. Allein die im Rahmen des Besuches am 7. Dezember in Doha unterzeichneten Verträge belaufen sich auf zwölf Milliarden Euro. Darunter der Zuschlag, den ein französisches Konsortium für die in der katarischen Hauptstadt geplante Untergrundbahn erhalten hat. In Dubai sprach Macron vor der Handelskammer. Im November hatte Frankreich zwei Kriegsschiffe hierher verkauft. Das Geschäft stand im Vordergrund. Dass in den Golfstaaten oft katastrophale Arbeitsbedingungen für Hunderttausende Arbeitsmigranten aus Südasien herrschen, wird ausgeblendet.

Viele Familien in den Bergen Nepals, im indischen Hochland von Dekkan, im pakistanischen Karatschi oder den übervölkerten Ebenen des Ganges-Deltas in Bangladesch fiebern zum Jahreswechsel dem nächsten Heimatbesuch ihrer Verwandten und Freunde entgegen. Eine kurze Stippvisite von Ehemännern, Vätern, Söhnen und Brüdern, bevor es wieder zurückgeht in die Golfstaaten. Urlaub ist ein Luxus für die Arbeitsmigranten. Die meisten Verträge sehen eine vorübergehende Heimkehr nur alle paar Jahre vor. Gibt es die Möglichkeit, scheuen die meisten dennoch die Ausgaben, die ein solcher Besuch zu Hause bedeutet – schließlich sind sie ja zum Geldverdienen gekommen. Viel schwerer belastet die Zuhausegebliebenen die Ungewissheit, ob in der Ferne Arbeitende überhaupt lebend zurückkehren wird. Die Arbeit auf den mit Petrodollar finanzierten Baustellen des Nahen Ostens ist in mehr als nur wenigen Ausnahmefällen tödlich.

Wie Sklaven

»Dubai is danger«, Dubai ist gefährlich, hat die Tageszeitung Hindustan Times kürzlich einen Reuters-Beitrag zum Thema betitelt, der auch in der pakistanischen Tribune und anderen Blättern der Region publiziert wurde. Anlass für den Bericht war der Tod des 45-jährigen Chittam. Seine Witwe Laxmi Malaya konnte in ihrem Heimatdorf Kalleda im indischen Unionsstaat Telangana nur noch die sterblichen Überreste ihres Mannes entgegennehmen. Chittam, der bei seinem letzten Besuch in der Heimat noch völlig gesund schien, erlitt einen Schlaganfall. In seinem Alter ist das ungewöhnlich. Aber das Schuften in der Hitze, oft ohne ausreichend Pausen, Wasser und gesundheitliche Kontrollen, ist grausam. Das weiß man auch im kleinen Kalleda. Chittams Tod ist nicht der erste Fall dieser Art. Einen Monat zuvor war ein 24jähriger Mann aus dem Dorf an Herzstillstand gestorben, auch in Dubai. Im Schnitt ziehen jedes Jahr 200 Männer aus Kalleda in die Golfstaaten, um zu arbeiten. 2016 kamen drei von ihnen bei ihrer Arbeit ums Leben.

Es sind vor allem arme Regionen, wie das von langjährigen Dürren gezeichnete Telangana, aus denen seit Jahrzehnten regelmäßig Arbeitskräfte in die Vereinigten Arabischen Emirate, den Kuwait, nach Saudi-Arabien, Katar oder Bahrain ziehen. 10.000 pro Jahr waren es zuletzt allein aus Telangana gewesen. Ob an den Flughäfen der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu oder der größten pakistanischen Metropole Karatschi: Mindestens drei Viertel der Flüge auf den Anzeigetafeln gehen in Richtung Golf oder von dort zurück. Männer mit verhärmten Gesichtern rüsten sich für den Rückflug, um wieder unter ausbeuterischen Bedingungen täglich 12 bis 14 Stunden lang zu arbeiten. An ihrem Äußeren und dem wenigen Gepäck lässt sich erkennen, dass sie nicht zur schmalen Mittelschicht ihrer Länder gehören und auch nicht auf Urlaubsreise gehen.

Arbeitsmigration in die Golfstaaten begann in den 80er Jahren. Doch erst mit dem einsetzenden Bauboom um die Jahrtausendwende explodierten die Zahlen. Allein in Kuwait machen die 186.000 Bauarbeiter 17 Prozent der Beschäftigten aus. In Saudi-Arabien sind sogar 4,28 Millionen in der Branche tätig, so das global agierende Netzwerk Migrant Rights (migrant-rights.org), dessen Mitgliedsorganisationen sich in den einzelnen Ländern um die Rechte von Migranten kümmern. In Dubai, dem führenden Land der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), waren 2016 eine halbe Million ausländische Beschäftigte auf Baustellen registriert. Im winzigen Bahrain waren es 154.000 und im weniger wohlhabenden Oman 652.000. Nicht zu vergessen jene 600.000 Inder, Nepalesen und Bangladeschis, die in Katar an den neuen Sportstätten und sonstiger Infrastruktur für die Fußball-WM 2022 schuften. Die skandalösen Verhältnisse rund um die Vorbereitungen für das sportliche Mega-Ereignis, wo Bauarbeiter wie Sklaven arbeiten, lenkten 2014 in Europa erstmals den Blick auf das Thema.

Fußball-WM in Katar

Zwischen 2010 und 2013 wurden in Katar jährlich 231 bis 241 Todesfälle verzeichnet. Nach Angaben des Außenministeriums in Neu-Delhi waren es 2014 sogar 279 Tote. Ähnliche Zahlen publizierte auch das nepalesische Arbeitsministerium – allein 2014 starben auf den Baustellen der Fußball-WM 109 Menschen. Eine Ausnahme stellen Katar und seine Arenen indes nicht dar. Das Problem ist in allen Ländern des Golf-Kooperationsrates (GCC) gleichermaßen zu finden – und Verbesserungen an der Lage der Betroffenen rar. Aus Dubai sind seit 2014 insgesamt 450 indische Arbeitsmigranten nur noch tot nach Hause gekommen. Die Liste der potentiell tödlichen Gast-Staaten wird mit großem Abstand von Saudi-Arabien angeführt. Von 5.875 indischen Arbeitsmigranten, die nach Regierungsangaben 2015 in den GCC-Ländern zu Tode kamen, starben 2.691 in Saudi-Arabien. An zweiter Stelle stehen die Vereinigten Arabischen Emirate mit 1.540, gefolgt von 611 in Kuwait.

Katar, das wegen der Weltmeisterschaft gegenwärtig von der FIFA, dem internationalen Gewerkschaftsverband ITUC und verschiedenen Menschenrechtsgruppen besonders beobachtet wird, musste aufgrund des Drucks 2015 verschiedene Gesetzesänderungen vornehmen. Während der besonders heißen Sommermonate (Mai bis August) gibt es von 11.30 bis 15 Uhr eine Zwangspause auf den Baustellen. Das hat laut jüngsten Angaben zwar die Zahl hitzebedingter tödlicher Zusammenbrüche in der Tat verringert. Eine halbwegs effektive Kontrolle findet jedoch nur in den künftigen WM-Stätten statt. Und die Temperaturen können auch zu anderen Jahreszeiten Werte über 40 Grad erreichen. Nicht nur Human Rights Watch und Amnesty International fordern deshalb Schutzmaßnahmen, die sich nicht an Kalenderphasen und Uhrzeiten, sondern konkreten Bedingungen und Grenzwerten orientieren. »90 Prozent dieser als natürlich ausgegeben Todesfälle sollten als Mord eingestuft werden«, wurde Krishna Hari Pushkar, vormaliger Chef der nepalesischen Behörde für Auslandsbeschäftigung, 2014 im britischen Guardian zitiert.

Katar ist stolz auf die neuen Gesetze, sieht sich als Vorreiter in der Region. In Saudi-Arabien oder den VAE können die Arbeiter aus dem Ausland selbst von solchen minimalen Standards weiter nur träumen. Einige von ihnen warten nicht, bis sie der Hitzschlag trifft oder ein Unfall ihnen das Leben raubt. Manche Arbeiter nehmen sich das Leben: So wie der 38jährige Athiraman Kannan aus dem südindischen Tamil Nadu, der sich im Mai 2011 vom 147. Stockwerk des Burj-Khalifa-Towers in Dubai, dem höchsten Gebäude der Welt, in dem er als Reinigungskraft arbeitete, in den Tod stürzte. Im September 2016 erhängte sich in Doha ein indischer Arbeiter. Er hatte mit seiner Firma um Lohnrückstände und eine Visa-Erneuerung gestritten. Migrant Rights meldet mit Verweis auf Informationen von Regierungsstellen allein für die VAE 700 Selbstmorde indischer Arbeiter zwischen 2007 und 2013. In Kuwait waren laut dem Netzwerk im Jahr 2013 81 Prozent aller Selbstmörder südasiatische Migranten. Und Suryanath Mishra, Nepals Botschafter in Katar von 2007 bis 2012, wurde vor drei Jahren gegenüber CNN mit der Aussage zitiert, dass jeder zehnte Todesfall bei seinen Landsleuten dort ein Selbstmord sei.

Vom Herkunftsland allein gelassen

Die Länder, aus denen die Arbeitsmigranten kommen, tun sich oft schwer, mit Nachdruck für deren Rechte einzutreten. Nepals Regierung feierte zwar im Oktober die Unterzeichnung eines Abkommens mit Jordanien, die erste bilaterale Vereinbarung nach vielen Jahren (zuletzt 2005 mit Katar). Aber auch in Jordanien, kritisierten Nichtregierungsorganisationen, ist beispielsweise von Mindestlöhnen keine Rede. In das Land zieht es vor allem nepalesische Frauen, die dort in den Teppichknüpfereien arbeiten und als Haushaltshilfen.

Erst 2008 hatte Nepal die zuvor eher ungeregelten Prozesse formalisiert, später als die Nachbarn. Die Zahl der im Ausland Angestellten hat sich zwischen 2008 und 2016 von 220.000 auf eine halbe Million mehr als verdoppelt. Die Zahl der Todesfälle stieg in der Zeit von 500 auf 2.500. Insgesamt sind seit 2008 mehr als 5.000 Arbeitsmigranten gestorben, das sind laut Al-Dschasira mehr, als die USA im Irakkrieg Soldaten verloren haben. Amnesty International warf erst im Juni der Regierung in Kathmandu vor, nicht genug zum Schutz der Landsleute zu tun. Die vor kurzem erlassenen Bestimmungen zur Legalisierung von Vermittlungsagenturen zeigen, dass sich seither wenig geändert hat. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass die Agenturen die Migranten durch überhöhte Gebühren schon vor der Abreise in eine Schuldenfalle stoßen. Sie unterliefen zudem bilaterale Abkommen, die Reise- und Visakosten begrenzen oder abschaffen.

Zu außerordentlichen Maßnahmen wurden die Regierungen in Neu-Delhi, Islamabad und Dhaka durch den partiellen Zusammenbruch des saudischen Bausektors gezwungen. Zehntausende südasiatische Migranten saßen Mitte 2016 plötzlich auf der Straße, nachdem allein die Bin-Laden-Gruppe 77.000 Mitarbeiter gefeuert hatte. Noch heute kämpfen viele der Entlassenen um ausstehende Lohnzahlungen.

Derweil hat Saudi-Arabien zwischen Oktober 2016 und Januar 2017 rund 40.000 Pakistaner ausgewiesen – aus »Sicherheitsgründen« im Antiterrorkampf. Andere Betroffene sitzen weiter fest, weil das sogenannte Kafala-System, das in allen Golfstaaten außer Bahrain gilt, die Ein-und Ausreise nur über einen einheimischen Bürgen (in der Regel die Firma) gestattet. Selbst auf dem Höhepunkt der Krise habe sich die pakistanische Regierung gegenüber den Saudis unterwürfig gezeigt und das Problem nicht klar angesprochen, kritisierte die Vorsitzende der Menschenrechtskommission Pakistans, Zohra Yusuf. Dabei müsste besonders Saudi-Arabien in dieser Angelegenheit konfrontiert werden. Zuletzt waren in dem Land 4,3 Millionen Pakistani beschäftigt und überwiesen im Jahr 2015 umgerechnet 5,97 Milliarden Dollar in ihre Heimat.


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