Aus: Ausgabe vom 18.12.2017, Seite 5 / Inland

»Die Uhren stehen auf Arbeitskampf«

Berlin: Studentische Beschäftigte demonstrieren für neuen Tarifvertrag. Im Januar soll gestreikt werden

Von Michael Streitberg
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Kein Weihnachtsgeschenk: Mit dem TVStud wollen Beschäftigte seriöse Konditionen bekommen. Demonstration am Ostbahnhof am Samstag

Mehrere hundert Menschen haben am Samstag in Berlin für eine gerechte Bezahlung der studentischen Beschäftigten an den Hochschulen demonstriert. Laut Angaben des Aktionsbündnisses TVStud – dessen Name sich auf die Forderung nach einem neuen Tarifvertrag bezieht– zogen rund 450 Studierende und Unterstützer vom Berliner Ostbahnhof bis zum Bebelplatz gegenüber der Humboldt-Universität.

Abseits zahlreicher Redebeiträge bildeten wummernde Bässe die Klangkulisse der als Tanzdemo konzipierten Veranstaltung. Dabei kam zu keinem Zeitpunkt entpolitisierte Loveparade-Atmosphäre auf: Sprechchöre wie »Tarifvertrag jetzt« und »Ihr Angebot ist blanker Hohn – Wir wollen mehr Lohn« prägten den gesamten Umzug.

Bei der Auftaktkundgebung am späten Nachmittag bestimmten die Symbole der DGB-Gewerkschaften das Bild. Zahlreiche Teilnehmer trugen Fahnen und Transparente von Verdi oder der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Auch einige Anhänger der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiterinnen- und Arbeiterunion (FAU) und Mitglieder trotzkistischer Gruppen zeigten Präsenz.

Am Dienstag hatten Verdi und GEW die Tarifverhandlungen für die studentischen Beschäftigten für gescheitert erklärt. Laura Haßler von der GEW, Mitglied der gewerkschaftlichen Tarifkommission, formulierte in einem Redebeitrag scharfe Kritik an den Universitätsleitungen: »Seit mehr als neun Monaten werden wir nur hingehalten, angeflunkert und unter Wert verkauft.« Die Hochschulen wollten die Studierenden mit einem »lächerlichen Angebot« von 50 Cent abspeisen.

Derzeit erhalten die Beschäftigten einen Stundenlohn von 10,98 Euro, der seit dem Abschluss des letzten Tarifvertrags im Jahr 2001 nicht erhöht wurde. Ihre Gehälter sind nicht an die Tarifentwicklung der anderen Hochschulangestellten gekoppelt. »Seit bald 17 Jahren«, beklagte die Gewerkschafterin, »vertieft unser Lohnverfall die Gräben zwischen den Beschäftigten an den Unis«. Da Studierende zudem kein Krankengeld erhielten, schleppten sich auch chronisch Kranke siech zur Arbeit. »Was sie uns gestern freiwillig nicht geben wollten, das müssen wir uns heute gemeinsam erkämpfen! Die Uhren stehen jetzt auf Arbeitskampf«, erklärte die Rednerin unter großem Beifall. Tatsächlich planen die Gewerkschaften für Januar Streiks, um den Forderungen nach seriöser Bezahlung Nachdruck zu verleihen.

Yunus Özgür, der ebenfalls Mitglied der Tarifkommission ist, betonte im Gespräch mit jW die Notwendigkeit, Aktionen der Studierenden mit Arbeitskämpfen außerhalb der Universität zu verbinden. Man arbeite bereits mit Beschäftigten der CFM Facility Management GmbH zusammen, einer ausgegliederten Tochtergesellschaft des Berliner Krankenhauses Charité. Kontakte gebe es ebenso zu Beschäftigten des Vivantes-Klinikums. »Wir unterstützen uns gegenseitig«, so Özgür. Schon mehrmals hatten sich Studierende und andere Beschäftigte zu gemeinsamen Teach-ins zusammengefunden, und es wurden Solidaritätsdelegationen entsandt.

Mitglieder der IG-Metall-Jugend zeigten sich ebenfalls solidarisch. Auch in den derzeitigen Tarifverhandlungen der Metall- und Elektroindustrie seien die Angebote der »Arbeitgeber« das Papier nicht wert, auf dem sie stünden, erklärte Gewerkschafter Franz Senft in einem Redebeitrag auf der Abschlusskundgebung. »Wir müssen zeigen, wer am längeren Hebel sitzt, und das geht nur durch Streik!«


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