Aus: Ausgabe vom 16.12.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Dienstfahrt mit Gruppenbild

Heinrich Böll wird 100. Und? Ein Selbstversuch

Von Stefan Gärtner
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»Es ist grauenhaft, was in den Köpfen von Katholiken vor sich geht.«

Böll, Ansichten eines Clowns

»(…) es geht doch nichts über eine katholische Erziehung (…)«

Ders., Billard um halb zehn

I

»Nur eine Woche nach dem Erscheinen des neuen Romans von Juli Zeh, ›Leere Herzen‹, erscheint das Buch auch als Hörspiel: MDR Kultur sendet vom 20. bis 24. November eine fünfteilige Hörspielfassung des Romans in der ›Lesezeit‹. Der Polit-Thriller entwirft eine Zukunftsvision, in der sich die Bürger von der Teilnahme an demokratischen Prozessen verabschiedet haben« (Süddeutsche Zeitung, 10. November). Was das mit Böll zu tun hat? Wir kommen drauf zurück.

II

Als die Eltern dann weg waren, hätte ich das alles mitnehmen können, »Billard um halb zehn«, »Ansichten eines Clowns«, »Ende einer Dienstfahrt«. Ich kam nicht mal auf den Gedanken; Böll, was sollte das denn noch. Ich hatte Böll mit fünfzehn oder sechzehn gelesen, den »Clown« und »Wanderer, kommst du nach Spa …« mit der gruseligen Titelerzählung, wo der Soldat ohne Arme und Beine merkt, dass das Lazarett sein altes Gymnasium ist. »Wiedersehen in der Allee«, die alte Schullektüre, las ich als Erwachsener noch mal, um eine Parodie darauf zu schreiben. Zu mehr schien mir das nicht nütze.

In der Neuen Frankfurter Schule, in der ich lernte, haben sie ihn belächelt, eigentlich gehasst, und dann Henscheids berühmte, letztlich bundesverfassungsgerichtlich (!) als Schmähkritik verbotene Invektive: »Es ist schon schlechterdings phantastisch, was für ein steindummer, kenntnisloser und talentfreier Autor schon der junge Böll war, vom alten fast zu schweigen – (…) auch einer der verlogensten, ja korruptesten. Dass ein derartiger z. T. pathologischer, z. T. ganz harmloser Knallkopf den Nobelpreis erringen durfte; dass Hunderttausende lebenslang katholisch belämmerte und verheuchelte Idioten jahrzehntelang den häufig widerwärtigen Dreck weglasen (…) – ist das nicht alles wunderbar?« Die Titanic warb für »Böllstoff -- das Bier, das dich betroffen macht«, und wenn mich Böll noch interessiert, dann der Frage wegen, ob das mit dem Knallkopf stimmt.

Also ins Regal gefasst und Fehlendes gebraucht zusammengekauft, im klassischen, von Celestino Piatti gestalteten dtv- (oder eigentlich BRD-)Outfit. Ich begann mit dem »Clown«, einem der ersten Erwachsenenbücher, die ich überhaupt je gelesen habe; dann »Billard um halb zehn«, »Gruppenbild mit Dame«, »Und sagte kein einziges Wort« (die Neuausgabe dieses frühen Romans war der Anlass für Henscheids Polemik gewesen), »Die verlorene Ehre der Katharina Blum«, »Ende einer Dienstfahrt«. Und was ich gleich sagen kann: Seine Titel waren allesamt fantastisch, instant classics, und man wird sie noch als Zeitungsüberschriften verwenden, wenn Böll längst vergessen ist .

Und vergessen werden wird er; falls er’s nicht schon ist. In der Schule lesen sie »Tschick«, und Thomas Mann werden sie immer lesen, weil er universale Bürgerliteratur vorstellt: Kunst, Tod, Leben, Zwiespalt, diese Dinge. Bölls Welt dagegen ist eng, denn das Abstrakte ist bei ihm ausschließlich das Katholische, und geht es, wie in der »Dienstfahrt«, mal irdisch um Gerechtigkeit, dann spricht der alte Richter gleich wieder von einem »Schnittpunkt, ja Kreuzweg« und der »Hilflosigkeit der menschlichen Rechtsprechung«, von der er nicht wisse, »ob man höheren Orts und anderen Orts sich damit zufriedengeben werde«. Was vorderhand ein von Vater und Sohn in Brand gesteckter Bundeswehrjeep ist, wird, weil Vater und Sohn den Brand mit einer Litanei begleitet haben, zum Kunstwerk, das »als christliches gelten zu lassen« der Gutachter sich sogleich angelegen sein lässt.

Das ist aber noch milde katholisch gegen »Billard um halb zehn«, einen Drei-Generationen-Roman, dessen Zen­tralmotiv eine Abtei ist, die der Großvater erbaut und der Sohn im Krieg gesprengt hat und der Enkel im Nachkrieg wieder aufbauen soll, und so dicksymbolisch und mit deutschem Drama vollgestopft ist das, und so litaneienhaft sind die inneren Monologe, dass man sich wünscht, man hätte ein Fenster im Kopf, das sich nach der Lektüre aufreißen ließe. Bölls Bücher ächzen unter Nonnen, Prälaten, Bischöfen, Priestern, Jungfrauen, Gekreuzigten, Hostien und Beichten, und noch schöne Szenen (wie die in der »Dienstfahrt«, wo der alte Richter und seine Frau so traut und traurig beim Essen sitzen) sind nicht zu haben, ohne dass eine Agnes in die Szene rennt; denn das ist halt die Sache mit Gott, dass man ihm nicht auskommt, selbst als Agnostiker nicht: »(…) es möge ja sein, dass Gruhl der Glaube fehle, er aber, der Pfarrer, halte Gruhl für einen der wenigen Christen, die er in der Gemeinde habe«. Und abends die Verfilmung von »Gruppenbild mit Dame«, und gleich in der ersten Szene Nonnen im Dutzend; es wirkt wie ein Witz und ist doch keiner und war es schon im frühen Roman »Und sagte kein einziges Wort« nicht, der sich liest, wie man ein zu scharfes Gericht isst: Dass es wehtut, ist der Reiz. Mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit, Faszination und mildem Ekel liest man diesen christo-existentialistischen Sermon aus Wohnungsnot, Trümmern und toten Kindern, weil wirklich überhaupt keine Seite ohne Gott, Gebet und Priester vergeht, und die Kirche heißt »Zu den Sieben Schmerzen«, und dass dieser schwarze Wahnsinn, der Hemingway gewissermaßen ins Päpstliche übersetzt, 1953 ein »Ereignis« (Verlagstext) gewesen sein soll, erklärt vermutlich alles.

III

Schullektüre ist Böll aber nicht darum geworden (Taschenbuchauflage »Gruppenbild« bis 1985: 367.000), sondern weil es ihm kritisch um Deutschland ging, jedenfalls irgendwie. Auch Bölls Kritik am Katholizismus, wenn es denn selbst in den »Ansichten eines Clowns« eine ist, ist ja eher eine geläufige, und die Kleriker, mit denen sich Bölls exemplarischer Aussteiger Hans Schnier streitet, sind zwar gegen Pille und wilde Ehe, aber doch angenehme, intellektuelle, verständnisvolle Gesprächspartner, eigentlich fast Beichtväter. Böll selbst fand den Roman nicht antikatholisch. Natürlich nicht.

Schniers Mutter, eine alte Nazisse, die seine Schwester mit Todesfolge in den Endkampf wider die »jüdischen Yankees« geschickt hat, sitzt Mitte der sechziger Jahre im »Zentralkomitee zur Versöhnung rassischer Gegensätze«, und Schnier fürchtet sich davor, »von halbbetrunkenen Deutschen einer bestimmten Altersklasse angesprochen zu werden, sie reden immer vom Krieg, finden, dass es herrlich war, und wenn sie ganz betrunken sind, stellt sich raus, dass sie Mörder sind und alles ›halb so schlimm‹ finden«, und einer, der sich als geläutert feiert, hat noch am Tag vorm Einmarsch der Amis mit Jungen an der Panzerfaust geübt: »Wenn ihr das erste Judenschwein seht, dann drauf mit dem Ding.« Es geht, neben streng katholischem Quark betreffs Schniers katholischer Exfreundin Marie und ihrer Absicht, einen katholischen Kirchenmann zu heiraten, um die bekannt unseligen Kontinuitäten, und Schnier hat erfahren, »dass nur wenige Nazis an die Front geschickt wurden, gefallen sind fast nur die anderen«, wie ja schon in Buchheims/Petersens »Das Boot« nur ein einziger Nazi an Bord war. (Bei Bölls Beerdigung ist dann auch der Bundespräsident v. Weizsäcker erschienen, zwei Monate nach seiner denkwürdigen Rede zum 8. Mai 1985, in der er den Deutschen attestiert, sie hätten geglaubt, für eine gute Sache zu kämpfen.)

Den Verdacht, Böll sei so populär geworden, weil seine Kritik die Grenzen des Verträglichen nicht zieht, sondern respektiert, erhärtet dann »Gruppenbild mit Dame«, ein Wimmelbild aus Lebensläufen, die sich um die Figur der Leni Pfeiffer, geb. Gruyten (Jahrgang 1922) winden. Leni ist apolitisch, praktisch, barmherzig und kann in der Verfilmung von Romy Schneider verkörpert werden. Ihr Chef Pelzer, ein Filou, wird eine Woche vor der Kapitulation per Einschreiben sein Parteibuch zurückgeben, aber vorher bittet ihn der sowjetische Kriegsgefangene Boris, den Sohn zu taufen, den er mit Leni gezeugt hat. Pelzer ist nach eigener Aussage »kein Unmensch«, und das ist Humor und keine Satire. Auch eine Jüdin darf mitspielen, allerdings als Nonne; überhaupt geht es, geht es um Krieg, eher nicht um Juden. Die Opfer sind Deutsche oder sprechen deutsch, und wünscht wer »Vergasung«, dann lang nach dem Krieg, und treffen soll es die lose (aber arische) Leni, wg. Lebenswandel bzw. BRD-Muff anno ’70.

Dass Leni Pfeiffer so naiv ist, hat freilich den formalen Grund, dass Böll, der einen »Verf.« mittels Interviews und Recherchen Lenis Leben rekonstruieren lässt, diese unpolitisch-heilige Leni braucht, damit das Politisch-Irdische der Lebensläufe um so deutlicher wird. (Reich-Ranicki in der Zeit: »Ein Formprinzip ist in diesem Buch überhaupt nicht erkennbar.« Es springt einem mit dem Arsch ins Gesicht, das Formprinzip.) Dass unpolitisch dabei auch unverklemmt heißt und Leni sogar als Flittchen (oder später »Sex-Oma«) gilt, ist sehr erhellend; glücklich scheint Böll mit seinem Heinrich jedenfalls nicht recht geworden zu sein. Dazu gibt es im Werk zu viele Damen, die es mit dem »Geschlechtsverkehr« bzw. dem »Zeug, das man Sexualität nennt« so lose halten, wie es Böll, dessen Frauenfiguren gern Hure, Heilige oder beides sind (und denen es allmonatlich »nach Art der Frauen ergeht«, ein verdruckst bestauntes Blutwunder), nicht und nicht gelingen will, und jedes Augenzwinkern ist das des lebenslangen Katholiken, der seine eigene Verklemmtheit in Sprachregelungen packt, von denen sich leicht behaupten lässt, es seien nicht seine. Dass er seinen Verf. eine lustvoll rauchende Nonne freien lässt, ist dann symbolpolitisch wie psychopathologisch so folgerichtig wie die Angewohnheit der jüdischstämmigen Nonne Rahel, die Exkremente ihrer katholischen Schülerinnen zu begutachten.

IV

Wo wir schon bei Sprache und Scheiße sind: Böll ist nicht geradezu ein Stümper, ein Meister aber auch nicht. Er »hatte zur deutschen Sprache (…) immer ein gestörtes Verhältnis, nun ist es schlimmer geworden, ungestört«, schrieb Hans Habe im August ’74 in der Welt über »Katharina Blum«, und so politisch die Philippika motiviert gewesen sein mag: Das Buch ist scheint’s ohne Korrektur zusammengeklopft, und noch das Paperback von 1992 steckt voller Grammatik-, Komma- und sogar Schriftsatzunfälle, von quasi-senilem Blödsinn zu schweigen: »(…) traute er – wie man das so nennt – seinen Sinnen nicht (in diesem Fall nur einem Sinn: dem Gehör)«, und wer immer der Überzeugung anhängt, Böll sei eher Moralist denn Dichter gewesen, kann auf dieses Buch zeigen.

Im ganzen ist’s nicht ganz so leicht. Nach den frühen, streng nach Wohnküchenmuff und Buchhändlerprosa riechenden Romanen entwickelt sich der Böll-Sound zu einem kleinbürgerlich humoristischen, süffig wohnküchenpsychologischen Realismus, der den deutschen Anteil am Jahrhundert nicht schlechterdings schlecht abbildet, gerade indem er »eher bieder« war, wie es selbst einer so biederen Tranfunzel wie Ulla Hahn auffallen konnte. Bölls beste formale Idee ist, neutrale Erzähler, die wissen, dass wir Sünder sind, freundlich katholisch Gerichtstag halten zu lassen; das »Ende einer Dienstfahrt« beschreibt solch einen Gerichtstag, und die Ironie ist nun, dass die Formidee des Protokolls, das noch den ärgsten Blödsinn treu notiert, mindestens prinzipiell, haha: Henscheid ist (der sie von Dostojewski hat): »(…) er habe die Reifeprüfung abgelegt, angefangen, Soziologie zu studieren, dann aber habe er sich die Verdienstmöglichkeiten bei der Bundeswehr vorrechnen lassen, auch das mäßige Arbeitstempo bei derselben in Betracht gezogen, sei zu dem Entschluss gekommen, mindestens zwölf Jahre zu dienen, dann käme er mit dreiunddreißig raus, erhalte eine saftige Abfindung, könne sogar vorher noch sparen und dann ein Wettbüro aufmachen.« Und bei dem »Wettbüro« musste ich fast lachen, wie mich die »Gefälligkeits­imbissstube« der Frau Schroer von fern ans »Erfrischungseck« im ANO-Laden erinnerte. »Kurz bevor er wirklich unterbrochen werden musste, sagte er noch, das Leben bei der Bundeswehr enthalte genau die Art konzentrierter Langeweile, nach der er begehre«, und hier enden die Gemeinsamkeiten zwischen dem katholisch inspirierten Romantiker H. und dem biedermännischen Katholiken B., denn nach etwas begehren, das geht nun nicht; und ist aber Böll, was seine Muttersprache betrifft (falls die nicht sowieso Kölsch ist), eminent großzügig: »(…) ich sprang in den Flur zurück, damit er mich nicht sehen sollte«; »als gelte es, einen Rekord zu gewinnen«; »um im Zigarettenverbrauch keinerlei Einschränken innerer und äußerer Art zu erliegen«, und das wäre jetzt die Frage: Schieben wir’s aufs Lektorat? Sind wir päpstlich (und das würde Böll ja wollen, dass wir es sind!), ist, wo die indirekte Rede herrscht (wie in der »Dienstfahrt«), die Hälfte der Konjunktive falsch und auch sonst manches: »(…) alles, was auf den Tisch käme, wäre vorzüglich; der Wirtin, Frau Schmitz, gelänge sogar etwas so Primitives wie Kartoffelpuffer, hier Reibekuchen geheißen, ja, sogar der dümmste Eintopf gelänge ihr zur Delikatesse«, Hervorhebung von mir; und wer will, mag hier an Bölls KiWi-Kollegen Christian Kracht denken, erstens, weil in dessen Thomas-Mann-Pastiche »Imperium« sogar noch viel mehr Konjunktive falsch sind, zweitens, weil der Held in Krachts Debüt »Faserland« sich versnobt beschwert, deutsche Flughäfen seien in »leicht schlechtem Englisch« beschildert. Und so ist Bölls Deutsch: leicht schlecht.

V

Dass es mit Böll eine Bewandtnis eher diesseits großer Kunst habe, scheinen die Kulturbeauftragten immerhin gespürt zu haben, denn die Rezensionsfetzen auf den Umschlägen, na, man lese selbst: »Wie ist dieser Roman Heinrich Bölls zu bewerten? Ein lesenswertes Buch? Ohne Frage. Ein schönes Buch? Nein, aber was wäre heute ein schönes Buch?« fragte Hans Mayer schön verkrampft in der Weltwoche. »Aber ›Gruppenbild mit Dame‹ ist dennoch ein gutes Buch. Ein sehr gutes sogar: in jedem Sinne.« Ähnlich um den Brei herumschleichend Reinhard Baumgart im Spiegel: »Auf die dringende Frage«, die dringende Frage!, »ob ›Ende einer Dienstfahrt‹ nun gut sei oder schlecht oder irgend etwas dazwischen, würde ich antworten: Man soll es lesen, unbedingt.« Da müssen wir uns schon an die Ansicht des Clowns Reich-Ranicki halten: »Wenn die Geschichten von Schicksalen, die um der Wahrheit willen erfunden wurden, noch heutzutage auf die Leser einen Einfluss ausüben können, dann ist wohl der Roman Heinrich Bölls dazu angetan, den Menschen besser zu machen. Was könnte man von einem Moralisten mehr sagen?« Was Reich-Ranicki, im Deutschaufsatz ja auch kein Crack, freilich meinte: Was könnte man von einem Moralisten Besseres sagen; und konnte aber der Deutsche Taschenbuch-Verlag im Ernst nichts Besseres, Enthusiastischeres finden als diesen Stiefel? Und was will es heißen, dass vielleicht nicht?

Was nun also beginnen mit dem harmlosen, pathologischen Katholiken Böll, der mitunter lesbar ist, den man aber kein zweites Mal lesen muss? Im Gerichtssaal, in dem das »Ende einer Dienstfahrt« verhandelt wird, »herrschte unter den Zuschauern eine Stimmung, wie vor den Aufführungen von Liebhabertheatern, die ein klassisches Repertoirestück angekündigt haben; eine gewisse wohlwollende Spannung, die ihre Wohltemperiertheit aus der Risikolosigkeit des Unternehmens bezieht: Man kennt die Handlung, kennt die Rollen, deren Besetzung, erwartet keine Überraschungen und ist dennoch gespannt; geht’s schief, so ist nicht viel verloren, höchstens ein wenig liebenswürdiger Eifer verschwendet; geht’s gut: desto besser.« Ähnlich gehörte der stets passend temperierte Böll zum Repertoire einer rheinisch-katholischen Westrepublik, die nach dem Krieg die Düsterbilder von deutschen Schmerzensmännern und -frauen goutierte – »Haus ohne Hüter«, war das nicht das nationale Gefühl, nachdem der Führer fort war? – und deren linksliberaler Teil sich später in Bölls halbkritischem Katholentum wiederfand, das ja nicht mehr war als der Wunsch, es möchten die Dinge so bleiben, aber als liberale mit Happening und Hose auf: Sozialdemokratie. Bölls Aufmerksamkeit und Solidarität galten seinen (zumal kleinbürgerlichen) Deutschen, deren Kriegsversehrtheit er erst im Pathos des Selbstmitleids, dann in zeitgenössisch frivoler Nüchternheit aufhob, die freilich eine katholische blieb und sich darin von der bloß preußischen des Militärreglements unterschied, das Böll im »Gruppenbild« seitenlang zitiert und dessen protestantische Humorlosigkeit seinen Deutschen, zumal den katholischen, das alles eingebrockt hatte; auch dies nicht gänzlich unverlogen.

Den Platz, den Böll in der protestantischen Berliner Republik nicht mehr haben kann, hat heute eine andere, die ihn locker übertrifft: an Knallköpfigkeit, Unvermögen und dem unwiderstehlichen Drang, dem liberalen Bürgertum bei der Selbstvergewisserung zu helfen. Böll, was immer man gegen ihn vorbringen kann, war freilich noch Literatur, magsein mäßige, aber doch der Versuch, Wirklichkeit formal zu transzendieren. Von Form mag Juli Zeh, dieses kurrente Gewissen des verunsicherten Milieus, schon nichts mehr wissen, und so schlimm ist Böll dann nicht, dass er mit der Korrupt- und Kaputtheit, mit der in jedem Verstande Gnadenlosigkeit ihrer gottlosen Sätze mithalten könnte. Dass Juli Zeh der neue Böll ist, mag diesen noch ins Recht setzen; und den Alt-BRD-Nostalgiker finden lassen, noch das Schlechte sei damals besser gewesen.

Und hat nicht auch die unlesbare Jelinek, nun wirklich zwei Etagen tiefer, den Nobelpreis kriegen dürfen?

Darauf mit Böll ein Bier. Oder wenigstens Böllstoff.

Stefan Gärtner, Jahrgang 1973, lebt in Hannover. Er war von 1999 bis 2009 Redakteur beim endgültigen Satiremagazin Titanic, für das er weiterhin den monatlichen Politessay sowie die wöchentliche Onlinekolumne »Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück« verfasst. Für die Wochenzeitung WOZ aus Zürich kommentiert er in der Kolumne »Von oben herab« das Geschehen in der Schweiz. Zuletzt erschienen der Roman »Putins Weiber« (Rowohlt, 2015) und die Streitschrift »Benehmt euch!« (mit Jürgen Roth, DuMont, 2013).

Heinrich Böll (1917– 1985) wurde am 21. Dezember vor 100 Jahren geboren. Er gilt als einer der wichtigsten bundesdeutschen Autoren der Nachkriegszeit und erhielt 1972 der Literaturnobelpreis. In seinem Werk verarbeitet er seine vom rheinischen Katholizismus geprägte Jugend, die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und das Nachleben des deutschen Faschismus. Als politischer Intellektueller erwarb er sich den Ruf des »Gewissens der Nation« indem sich für alles einsetzte, was dem linksliberalen Zeitgeist entsprach: Für Frieden, Abrüstung, Bürgerrechte und sozialistische Dissidenten von Solschenizyn bis »Boat people«; gegen Nachrüstung, Altnazis, Springer-Hetze und Rauchverbote. Zu seinen bekanntesten Werken zählen Gassenhauer wie »Billard um halb zehn« (1959), »Ansichten eines Clowns« (1963), »Gruppenbild mit Dame« (1971) und »Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann« (1974). Das jW-Feuilleton meint: Immer noch besser als Grass, der Frundsberger. (jW)


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