Aus: Ausgabe vom 16.12.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Welt bewegen

In Eisenhüttenstadt werden politische Plakate aus der DDR gezeigt. Deren Botschaften sind dem Menschen zugewandt

Von Peter Steiniger
Ein Ort der Völkerverständigung, eine Soliparty für die Kämpfe in aller Welt. Plakat zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in der DDR-Hauptstadt
Bei der Gewinnung der Jugend für den Sozialismus musste das Fahrrad immer wieder neu erfunden werden
Atomar bedroht und herausgefordert von der wissenschaftlich-technischen Revolution. So sollte die Antwort des Sozialismus aussehen (Plakat zum XI. Parteitag der SED, 1986)
Berlin war für die DDR-Jugend eine Reise wert (Plakat zum letzten »Pfingsttreffen« der Freien Deutschen Jugend)
Das Bündnis mit der Sowjetunion als Erfolgsgarant: Plakat anlässlich des Fluges von »Sojus 31«, der 1978 mit Sigmund Jähn den ersten Deutschen ins All brachte
Verbrieftes Recht auf Erholung und Urlaub, mehr Angebot im Konsum: Das bessere Leben winkt nicht nur aus der Ferne
Den unaufhaltsamen Aufbau und die moderne Stadt propagiert dieses Plakat zum 35. Jahrestag der DDR (1984)
Plakat zum 70. Jahrestag der Novemberrevolution 1988

Das waren noch Zeiten. Als ihre Ellenbogen den Menschen noch mehr zum Aufstützen als zur Fortbewegung dienten. Als für viele die eigenen existentiellen Sorgen hinter die um das große Ganze zurücktreten konnten. Als der Alltag noch grau und nicht von Reklame koloriert war. Als die Gesellschaft sich nicht Selbstzweck, sondern visionär auf ein Ziel gerichtet war, sie den Menschen und nicht dem Standort dienen sollte. Als man sich auf dem Weg in eine bessere Zukunft glaubte. An einem Ort, der einmal so utopisch war, wie das heute klingt, lagern Schätze aus diesen Zeiten.

Eine Planstadt, Sozialismus vom Reißbrett, war Eisenhüttenstadt, wo das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR beheimatet ist. Nun werden dort rund hundert Plakate gezeigt, die politische Botschaften im Sinne dieses Staates tragen. Sie machen deutlich, wohin sein Kompass zeigte. Viele heben sich weit ab – künstlerisch wie inhaltlich – von der plumpen Propaganda, den vorgestanzten Losungen, die die Menschen abstumpften. Es sind Plakate, mit denen sich fast jeder identifizieren kann. Stolz auf das Erreichte, Arbeit und sozialer Fortschritt sind ihre Themen. Auferstanden aus Ruinen, nicht nur denen der Häuser: Die Erhaltung des Friedens ist ein ganz zentrales Motiv. Und immer wieder wird für internationale Solidarität und Völkerverständigung geworben, wie sie in einem kurzen, weltoffenen Moment auf den Weltfestspielen in Berlin 1973 für viele unmittelbar erlebbar war. Die Jugend blieb der wichtigste Adressat der Bilder und Texte. Die sie schufen, appellierten an alle, doch besonders an die Generation, die es immer wieder neu zu gewinnen galt. Eine Zeitreise in die Eisenhüttenstädter Schatzkammer ist nicht nur mit dem Blick zurück aufschlussreich.

Sonderausstellung: »Sinnbilder. Politische Bildwelten in Plakaten der DDR«, Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Erich-Weinert-Allee 3, 15890 Eisenhüttenstadt, noch bis zum 8. April 2018


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