Aus: Ausgabe vom 16.12.2017, Seite 15 / Geschichte

Gemartertes Land

Vor 45 Jahren begannen die USA in Nordvietnam mit dem sogenannten Weihnachtsbombardement – im Januar 1973 kam es trotzdem zu einem Friedensvertrag

Von Hellmut Kapfenberger
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Mehr als 7,5 Millionen Tonnen Bomben warf die US-Luftwaffe bis zum Ende des Krieges über Vietnam ab (Boeing KC-135 bei der Luftbetankung)

Im letzten Monat des Jahres 1972 sollten nach jahrelangem Blutvergießen in ganz Vietnam die Waffen schweigen. Der Schlachtenlärm im Süden, gepaart mit zügellosem Terror des Saigoner Thieu-Regimes gegen alle patriotisch Gesinnten, sollte ebenso der Vergangenheit angehören wie die blindwütigen Bombardements und steten Schiffsartilleriekanonaden gegen den Norden. Die Voraussetzungen dafür, in diesem gemarterten Land nach mehr als siebenjährigem US-amerikanischem Feldzug friedvolle Ruhe einkehren zu lassen, waren spätestens seit Oktober gegeben. Es kam anders. Der bis dahin zu keinem Zeitpunkt unterbrochene Krieg im Süden tobte weiter, in Nordvietnam brach die Hölle los. Was geschah damals vor 45 Jahren?

Verhandlungspoker

Ein jahrelanger verbissener Verhandlungspoker zwischen den USA und der Demokratischen Republik Vietnam (DRV) war Mitte 1968 unter US-Präsident Lyndon B. Johnson in Paris mit bilateralen vorbereitenden Gesprächen für Friedensverhandlungen eingeleitet worden. Ende Oktober hatte Johnson dann die bedingungslose Einstellung aller Kriegshandlungen gegen Nordvietnam verkündet. Unter dem Amtsnachfolger Richard Nixon hatten sich trotz dessen anhaltend feindseliger Kriegsrethorik die zähen, in offizieller Form vertraulich fortgeführten Verhandlungen schließlich Anfang Oktober 1972 einem positiven Ende genähert. Die mittlerweile völlig aussichtslose Lage der Aggressoren im Süden und die ungebrochene Standhaftigkeit des Nordens, der auf Nixons Befehl ab Mitte April bis in den Oktober hinein erpresserisch wieder in Gänze bombardiert worden war, hatten dazu beigetragen. Die Unterhändler der DRV, Le Duc Tho, und der USA, Henry Kissinger, waren sich am 11. Oktober im Prinzip über den Inhalt eines umfassenden Friedensabkommens einig. Festgeschrieben war darin auch das Ende jeglicher militärischer Präsenz der USA in Vietnam. Am 22. Oktober sollte der Text in Hanoi vorläufig unterschrieben werden. Für den 23. Oktober war die Einstellung der Luftangriffe auf Nordvietnam vorgesehen. Am 30. Oktober sollten schließlich die Außenminister in Paris zusammentreffen und das Abkommen offiziell unterzeichnen. Eine versöhnliche Botschaft Nixons an DRV-Ministerpräsident Pham Van Dong krönte am 22. Oktober das vermeintliche Ende des Verhandlungsmarathons.

Kehrtwende

Nur zwei Tage vergingen bis zu einer dramatischen Kehrtwende Washingtons. Im Raum standen am 24. Oktober plötzlich kategorische Einwände der Saigoner Administration gegen einige Südvietnam betreffenden Passagen der Vereinbarung, die unvermeidlich das Ende auch ihres Regimes verhießen. Den politischen und militärischen Falken um Nixon, vom fatalen Irrglauben an vielleicht doch noch erreichbare substantielle Zugeständnisse Nordvietnams besessen, war das offenbar ein willkommener Anlass, sofort das gesamte Abkommen in Frage zu stellen. Nixons Administration forderte 126 Änderungen und verlangte neue Verhandlungen. Die DRV wies das entschieden zurück. Der Verhandlungsprozess kam zunächst zum Erliegen.

Im Süden gingen die militärischen Auseinandersetzungen weiter, Nordvietnams südliche Provinzen zwischen 17. und 20. Breitengrad wurden erneut massiv bombardiert und von See her unter Feuer genommen. Washington war in der Zwischenzeit wachsendem Druck durch machtvolle Antikriegsaktionen in vielen Städten der USA und zunehmendem Aufbegehren in den Reihen der Streitkräfte ausgesetzt. Die Nixon-Administration suchte ihr Heil in der Flucht nach vorn und drohte der DRV mit »drastischen Maßnahmen«, wie sich am 13. Dezember Unterhändler Kissinger vernehmen ließ, nicht ohne beschwichtigend kundzutun, beide Seiten blieben in Kontakt. Am folgenden Tag verlangte Washington ultimativ von Hanoi: »Innerhalb von 72 Stunden zu ernsthaften Gesprächen an den Verhandlungstisch zurückkehren oder die Konsequenzen zu tragen.« Die DRV-Führung, angesichts ihrer starken Verhandlungsposition weit davon entfernt, sich einschüchtern zu lassen, war zur Fortführung der Gespräche nur auf der Basis des im Oktober Erreichten bereit.

Unterdessen hatten, was die USA teilweise geheim zu halten vermochten, beim Pazifikkommando der US-Streitkräfte längst Vorbereitungen für einen finalen Luftschlag gegen Nordvietnam begonnen. Seit Anfang Dezember wurde dafür aus dem Bestand von drei Luftarmeen eine »Special Taskforce« geschaffen. Im Golf von Tonkin bezogen sechs voll bestückte Flugzeugträger Position. In Thailand und auf den Philippinen wurden zahlreiche Tankflugzeuge konzentriert. In geheimer Sitzung beschloss der Nationale Sicherheitsrat in Washington den Einsatz der achtstrahligen strategischen B-52-Bomber erstmals auch gegen die Hauptstadt Hanoi. Die Bereitstellung der Fliegerkräfte war am 15. Dezember abgeschlossen. Auf Guam und im thailändischen Utapao warteten 153 B-52-Bomber auf den Einsatz, rund die Hälfte aller verfügbaren Maschinen dieses Typs. Fast 1.100 Jagdbomber und andere Kampfflugzeuge, nahezu ein Drittel der gesamten taktischen Fliegerkräfte der USA, waren auf See und an Land einsatzbereit.

Kriegsverbrechen

Nixon befahl die Wiederaufnahme der Bombardierung des gesamten Nordens. Was dann am späten Abend des 18. Dezember begann und erst am 29. Dezember enden sollte, war eine Kampagne, wie es sie seit Beginn des Luftkrieges im Jahr 1965 noch nicht gegeben hatte. Die DRV sprach von »Ausrottungsluftangriffen«. In einer Hanoier Bilanz war zu lesen: »Die Nixon-Administration hat in der Nacht zum 19. Dezember den Luftkrieg gegen die Provinzen, Städte und Ortschaften nördlich des 20. Breitengrades in großem Maßstab und mit einer in der ganzen Geschichte der amerikanischen Aggression nicht gekannten Grausamkeit wieder aufgenommen.«

Während Nixon seinen Weihnachtsurlaub in Florida verbrachte, säten die Maschinen mit dem weißen Stern überall in Nordvietnam – vom Fluss Ben Hai am 17. Breitengrad bis in die Nähe der Grenze zu China – Tod und Verderben. Bei einer der nächtlichen B-52-Attacken auf Hanoi wurde ein ganzes Wohnviertel unter einem Sprengbombenteppich begraben. 2.579 tote und 1.318 verletzte Zivilpersonen wurden gemeldet. Zudem wurde die Hafenstadt Haiphong fast zur Hälfte zerstört. Eines war klar: Nixon hatte sich für eine maximale Eskalation entschieden. Den Einsatz der strategischen Fliegerkräfte hätte nur noch ein Angriff auf Nordvietnam zu Lande oder ein Kernwaffenschlag übertreffen können. Entsprechende Überlegungen im Weißem Haus und im Pentagon gab es.

Die um die Hoffnung auf Frieden in Vietnam betrogene Weltöffentlichkeit war entsetzt. Es hagelte Protest, selbst Papst Paul VI. äußerte öffentlich Abscheu. Washington zahlte für dieses letzte militärische Abenteuer in Vietnam einen hohen Preis. Es verlor nach vietnamesischer Information nicht nur 81 Flugzeuge, darunter 34 B-52-Bomber, es büßte auch immens an internationalem Ansehen ein.

Die Führung der DRV ließ wissen, trotz dieses verbrecherischen Überfalls weiter an einem Abschluss der Friedensverhandlungen interessiert zu sein. Am 8. Januar 1973 in Paris wieder zusammengekommen, verständigten sich die Unterhändler beider Seiten am Tag danach auf einen Vertragstext, wie er nahezu wortgleich im Oktober hatte signiert werden sollen. Washington hatte lediglich ein paar kosmetische Textänderungen herbeibomben können.

Am 15. Januar ordnete Nixon die neuerliche Einstellung aller Kriegshandlungen gegen Nordvietnam an; acht Tage später paraphierten Le Duc Tho und Kissinger in Paris das Vertragswerk. Am 29. März verkündete Nixon den vollständigen Abzug aller US-Truppen aus Vietnam. Zu Ende war der Krieg damit aber noch nicht. Es dauerte noch bis zum 30. April 1975, bis nordvietnamesische Soldaten Saigon einnehmen konnten. Am 1. Mai kapitulierte das US-gestützte Südvietnam.


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