Aus: Ausgabe vom 16.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

Ablehnung in toto

Wie lässt sich ein in Armut Verstorbener verwerten? Ein Fallbeispiel aus Wiesbaden

Von Jürgen Schneider
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Gefährliche Orte für ältere Menschen: Krankenhäuser, Heime und Ämter

Am Abend des 26. Oktober 2017 verstarb Rudolf E. in einem Wiesbadener Krankenhaus. Herr E. war zuletzt in der hessischen Landeshauptstadt in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Im Januar 2016 hatte er beim Wiesbadener Amt für Soziale Arbeit einen Antrag auf Hilfe zur Pflege zum 1. März 2016 gestellt. Daraufhin bekam er drei Bescheide: zunächst eine Bewilligung (telefonisch), dann eine Ablehnung in toto und schließlich einen Bescheid, in dem Herrn E. mitgeteilt wurde, von seinem Bestattungsvorsorgevertrag in Höhe von 5.000 Euro müsse die Hälfte angerechnet werden, 2.600 Euro reichten für eine Beerdigung allemal aus. Auch wenn die Stiftung Warentest ermittelt hat, dass Beisetzungen in Deutschland im Durchschnitt 7.000 Euro kosteten – eine Zahl, die auch von Richtern in Verfahren gerne angeführt wird.

Für den März 2016 zahlte das Amt Herrn E. also nichts. Und auch für den April musste er nach einem amtlichen Bescheid mehr zahlen, als notwendig gewesen wäre. Hiergegen legte Herr E. wiederum Widerspruch ein, mit der Begründung, das Bundesverwaltungs- wie das Bundessozialgericht sähen in der Bestattungsvorsorge ein Schonvermögen, das nicht angerechnet werden dürfe. Dieser Widerspruch wurde zurückgewiesen.

Herr E. erhob im Oktober 2016 Klage beim Sozialgericht gegen den Magistrat der Stadt Wiesbaden als dem Amt für Soziale Arbeit übergeordnete Institution. Eine Klageerwiderung gab es erst Mitte Juli 2017, mit der Begründung, die zuständige Person sei in Urlaub gewesen. Das zwischenzeitliche Bemühen des Herrn E., das Verfahren zu beschleunigen, wurde vom Sozialgericht Wiesbaden torpediert. Einen Grund zur Eile sah man dort nicht. Herrn E.s Argumentation, das Heim müsse schließlich die Pfleger und Betreuer entlohnen, prallte beim Sozialgericht ab. Da der strittige Punkt in der Vergangenheit liege, bestehe keinerlei Eile. Die Heimleitung drohte Herrn E. mit einem Zivilverfahren.

Ein Urteil steht bis heute aus, d. h. über den Antrag des Herrn E. auf Hilfe zur Pflege ist auch nach fast zwei Jahren nicht abschließend entschieden. Herr E. durfte in der Gewissheit sterben, dass bedürftige alte Menschen wie Rechtlose behandelt werden, auf deren baldiges Ableben von seiten der Behörden gesetzt wird – Ballastexistenzen.

Ließen sich die Behörden viel Zeit, als Herr E. noch lebte, so handelte man nach seinem Tod blitzschnell. Am Morgen des 27. Oktober – Herr E. war noch keine zwölf Stunden tot – fragte die Pflegeeinrichtung um 8.32 Uhr beim Amt für Soziales an, ob man die Auffassung teile, dass Herr E. nun »Selbstzahler« sei. Ob die ab April 2016 gezahlte Hilfe zur Pflege rückwirkend für den Monat Oktober 2016 gestrichen und der gezahlte »Barbetrag zur freien Verfügung«, womit das ohnehin nicht sonderlich üppige Taschengeld gemeint war, zurückgebucht werden könne. Schließlich war Herr E. ja mehrere Tage im Krankenhaus gewesen und vor Monatsende gestorben. Und ein Toter benötigt kein Taschengeld.

Um 8.44 Uhr, also nur zwölf Minuten später, signalisierte das Amt seine Zustimmung, und das Heim, ausgestattet mit einer Abbuchungsvollmacht für Heim- und Nebenkosten, buchte den »Barbetrag zur freien Verfügung« vom Girokonto des toten Herrn E. zurück und ließ auf dem Konto ein Soll entstehen. Einen amtlichen Bescheid über dieses Vorgehen, wie es das Gesetz vorsieht, hat das Amt bis heute nicht verfasst.

Damit aber noch nicht genug. Der Sohn des Herrn E. bat das von ihm beauftragte Bestattungsinstitut, die Armbanduhr des Toten bei der Überführung mitzunehmen. Diese Armbanduhr war jedoch verschwunden. Auch konnte nicht geklärt werden, welche andere Habe Herr E. bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus mit sich führte. Seitens der Klinik wurde dem Sohn schließlich nach vielen Telefonaten mitgeteilt, Recherchen hätten ergeben, dass Herr E. die Armbanduhr getragen habe, als er starb. Es ließe sich jedoch nicht feststellen, wie diese Uhr verschwunden sei.

Mitte November füllte der Sohn die ihm vom Krankenhaus übersandte Schadensmeldung aus und hörte fortan nichts mehr. Auf eine Strafanzeige gegen Unbekannt hatte er verzichtet, nachdem ihm vom Qualitätsmanagement der Klinik eine rasche Schadensbegleichung zugesichert worden war. Als er nun nachfragte, wann denn damit zu rechnen sei, wurde ihm von einem Beschäftigten mitgeteilt: »Urlaubsbedingt übernehme ich derzeit die Bearbeitung von Schadensfällen. Ich werde die von Ihnen eingereichten Unterlagen anfordern und der Versicherung weiterreichen. Sobald das geschehen ist, teile ich Ihnen die Schadensnummer sowie die Kontaktdaten unseres Versicherungsdienstes mit.« Es war ja weiter nichts passiert, als dass die Uhr vom Handgelenk des Verstorbenen gestohlen und die Schadensmeldung trotz gegenteiliger Zusage ad acta gelegt war.

Herr E. wurde mittlerweile eingeäschert, die Urne beigesetzt. Es ist wohl nicht völlig ausgeschlossen, dass in den Institutionen, von denen hier die Rede war, darüber nachgedacht wird, den toten Herrn E. weiterer Verwertung zu unterziehen.


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