Aus: Ausgabe vom 15.12.2017, Seite 5 / Inland

Ignorierte Energiearmut

Auswertung: Knapp bemessene Hartz-IV-Sätze berücksichtigen weiterhin die realen Stromkosten nicht

Von Susan Bonath
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Ein Hinweisschild zu einem abgeschalteten Stromanschluss in einem Bürogebäude in Schwerin (11. Januar 2013)

Fast acht Millionen Menschen leben in Deutschland von Leistungen der Grundsicherung, wie Hartz IV oder Sozialhilfe. Ihnen stellen Energieversorger besonders häufig den Strom ab. Denn nach wie vor decken die Regelsätze die tatsächlichen Stromkosten häufig nicht, wie am Mittwoch das Vergleichsportal Check24.de mahnte. Das Problem der sogenannten Energiearmut ist lange bekannt, wird von der Bundesregierung aber ignoriert. So konstatieren die Autoren der Auswertung, Florian Stark und Daniel Friedheim, dass sich an der Situation »auch nach der Erhöhung der Bezüge im kommenden Jahr nichts ändern« werde.

Besonders oft sind demnach Singlehaushalte betroffen. Im Schnitt müssten diese 158 Euro mehr für Strom ausgeben, als sie vom Jobcenter oder Sozialamt dafür erhalten, so die Autoren. Ihre Tabelle offenbart: Die Diskrepanz zwischen fälligen Kosten und gewährten Mitteln ist im Osten Deutschlands am höchsten. In Mecklenburg-Vorpommern zahlt ein Alleinstehender laut Check24. de im Schnitt 769 Euro pro Jahr für Strom. Im Regelsatz sind 34,19 Euro, also jährlich 410 Euro, für »Wohnen, Energie und Wohninstandhaltung« enthalten. Im kommenden Jahr steigt der Anteil dafür auf 34,77 Euro.

Laut Auswertung leben Bedürftige in der Regel sparsam. Mecklenburger kommen danach mit rund 647 Euro Stromkosten übers Jahr. Damit beträgt die Differenz zur tatsächlich gewährten Leistung noch immer 237 Euro – sofern Betroffene Ausgaben für Wohninstandhaltung aus anderen Mitteln abzweigen. In Brandenburg klafft der Expertenrechnung zufolge eine Lücke von 223 Euro, in Thüringen liegt sie bei 179 Euro. Am geringsten sei der Abstand mit rund 86 Euro in Bremen, heißt es.

Ihre Ergebnisse, so Florian Stark und Daniel Friedheim, deckten sich mit einer Studie zu Stromsperren des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die im 4. Dezember veröffentlicht wurde. 2016 hätten Energieversorger demnach 6,6 Millionen Menschen eine Stromsperre angedroht. In 1,6 Millionen Fällen hätten sie diese bereits beauftragt. Die meisten konnten die Stromsperren noch durch Nachzahlung abwehren. Über 330.000 Haushalte saßen am Ende im Dunkeln. Möglich ist eine Sperre bereits ab einem Zahlungsrückstand von 100 Euro.

Für die Studie zog das ZEW auch die Caritas heran. Der Verband attestierte »vielen Schuldnern« eine »fehlende Finanz- und Planungskompetenz«. Wer allerdings länger auf Sozialhilfeniveau leben müsse, laufe Gefahr, sich zu überschulden, etwa wenn Elektrogeräte oder Möbel ersetzt werden müssen oder elektrisch Warmwasser aufbereitet werde, räumte die Caritas ein.

Die Linke-Politikerin Inge Hannemann kennt das Problem aus ihrer Zeit im Hamburger Jobcenter. Dort beriet sie unter 25jährige. »Gefühlt jeder fünfte Klient war von Stromschulden betroffen«, resümierte sie am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt. Die Leute könnten aufgrund fehlender Einkünfte nicht zu billigeren Anbietern wechseln, sagte sie.

Hinzu komme das Prozedere: »Jobcenter gewähren erst ein Darlehen, wenn der Strom bereits abgeklemmt wurde, und das nur auf Antrag«, so Hannemann. Dazu müssten Klienten sich schriftlich vom Energiekonzern bestätigen lassen, dass eine Ratenzahlung nicht möglich sei. Die Bürokratie könne sich über Wochen hinziehen. »Am Ende stottern sie nicht nur den Kredit beim Amt ab, es kommen neue Schulden von 200 Euro oder mehr für das Ab- und Anklemmen hinzu«, weiß sie. Zwar stimme es, dass einige junge Leute schlecht mit Geld umgehen könnten. »Aber das Problem haben nicht nur Hartz-IV-Bezieher, sondern genausooft auch Jugendliche aus wohlhabenden Elternhäusern oder Gutverdiener«, konterte sie.

Die Linke im Bundestag war zuletzt 2015 mit einem Antrag gescheitert, Stromsperren zu verbieten. CDU, CSU und SPD lehnten das damals geschlossen ab, die Grünen enthielten sich. Wie die Bundesregierung Anfang dieses Jahres auf eine Anfrage der Linken mitteilte, geben Erwerbslose inzwischen fast zehn Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Strom aus. Vor 20 Jahren waren es etwa sechs Prozent.


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