Aus: Ausgabe vom 15.12.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Wenn der Ozean sich erwärmt

Wissenschaftler dokumentieren beunruhigende Folgen des Klimawandels

Von Wolfgang Pomrehn
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Es reicht schon, wenn kleine Flächen des schwimmenden Eises dünner werden, um den Eisfluss am Festland in Hunderten von Kilometern Entfernung zu beschleunigen

Als Maß für die globale Erwärmung wird für gewöhnlich die über den ganzen Planeten und jeweils ein Jahr gemittelte Temperatur der Luft in zwei Metern Höhe genommen. Allerdings wird der größte Teil der Energie, die durch die zusätzlichen Treibhausgase im Klimasystem zurückgehalten wird – zur Zeit über 90 Prozent –, in den Ozeanen abgespeichert. Dort führt sie zur Erwärmung des Wassers, was in mehrfacher Hinsicht ein Problem ist.

In den Tropen und Subtropen erhöht wärmeres Oberflächenwasser die Wahrscheinlichkeit, dass sich Wirbelstürme bilden. Außerdem gilt: Je höher die Oberflächentemperatur der Ozeane, desto mehr Wasser verdunstet und desto stärker sind die Niederschläge. Entsprechend ging ein Teil der verheerenden Regenfälle, die Hurrikan »Harvey« vom 26. bis zum 28. August dieses Jahres auf die Stadt Houston im US-Bundesstaat Texas ablud, auf das Konto des Klimawandels. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag dieser Woche auf der Jahrestagung der »American Geophysical Union« vorgestellte Studie. Der Regen sei aufgrund der bereits eingetretenen Erwärmung um 19 bis 38 Prozent intensiver ausgefallen. Das sei mehr, als die Wissenschaftler erwartet hätten, meinte Michael Wehner vom »Lawrence Berkeley National Laboratory« im US-Bundesstaat Kalifornien, einer der Autoren der Studie.

Ein anderer Effekt der erwärmten Meere ist, dass sie Korallen unter Hitzestress setzen. Um 1990 traten die ersten Fälle ausgeblichener Korallenriffe auf. Inzwischen kommt dies in allen tropischen Meeren regelmäßig vor, und eine zunehmende Zahl von Korallen erholt sich davon nicht mehr, sondern stirbt ab. 2016 starben 30 Prozent der Nesseltiere am Great Barrier Reef vor Australien, dem weltweit größten Korallenriff. In diesem Jahr kamen weitere 19 Prozent hinzu, schätzt Terry Hughes von der australischen James-Cook-Universität. Weltweit sind in den letzten 30 Jahren bereits rund die Hälfte aller Korallen abgestorben, und das bei nur etwa einem Grad globaler Erwärmung. Bis 2050 könnten die Riffe bis auf einen kläglichen Rest ganz verschwunden sein, hatte bereits vor einigen Jahren eine Studie der US-Behörde »National Oceanic and Atmospheric Administration« festgestellt.

Ein weiteres Problem ist der steigende Meeresspiegel. Zum einen dehnt sich das Wasser aus, wenn es wärmer wird, ein Effekt, der zur Zeit immerhin rund 40 Prozent zu den steigenden Pegelständen beiträgt. Außerdem greift das wärmere Meer aber in der Antarktis das Schelfeis von unten an. Dabei handelt es sich um mehrere hundert Meter dicke Eismassen, die von den Gletschern aufs Meer hinausgeschoben werden. Dort wirken sie, unter anderem indem sie sich in Inseln und Felsen verhaken, als Bremsklötze, die die auf dem Land liegenden Eisschilde blockieren. Diese fließen unter ihrem eigenen Gewicht Richtung Meer, wo sie aufschwimmen und an der Unterseite tauen. Aus Beobachtungen ist bekannt, dass sich der Eisverlust an der Unterseite des Schelfeises in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigt hat und das Schelfeis dünner geworden ist.

Nun haben Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) herausgefunden, dass schon der Verlust kleiner Mengen dieses Schelfeises bedenklich ist. Es reicht schon, wenn kleine Flächen des schwimmenden Eises dünner werden, um den Eisfluss am Festland in Hunderten von Kilometern Entfernung zu beschleunigen, so das Ergebnis ihrer zu Wochenbeginn gemeinsam mit britischen Kollegen in der Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlichten Studie. »Eine Destabilisierung des schwimmenden Eises in einer Region kann ein weitreichendes Signal senden, das bis zu 900 Kilometer weit quer über das größte Eisschelf der Antarktis reichen kann«, meint Hauptautorin Ronja Reese vom PIK.

Die Wissenschaftler haben die besonders kritischen Bereiche identifiziert und zu ihrer Überraschung festgestellt, dass einige von ihnen am Rande und in der Mitte einiger Eisschelfe liegen. Oft befänden sie sich an Stellen, die den umliegenden Gewässern der Antarktis am nächsten liegen und damit stärker gefährdet seien. Die Studie sei keine Vorhersage künftigen Eisverlusts in der Antarktis, betonte Mitautor Anders Levermann, der am PIK und an der Columbia University in New York arbeitet. Aber: »Unser Ansatz (…) zeigt die Risiken, die wir in der Antarktis eingehen, wenn wir die Erwärmung unseres Planeten nicht begrenzen.« Letzteres sei notwendig, »um die antarktischen Eismassen zu stabilisieren, viele Meter zusätzlichen Meeresspiegelanstiegs zu vermeiden und damit Städte wie New York, Hamburg, Mumbai und Shanghai zu schützen«.


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Umwelt, Erde, Mensch Klimawandel, der Angriff auf die Biosphäre

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