Aus: Ausgabe vom 14.12.2017, Seite 11 / Feuilleton

Anderthalb Schritte voraus

»Das große Lexikon der DEFA-Spielfilme« in einer erweiterten Neuausgabe

Von Alexander Reich
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»Wir haben uns das manchmal zu einfach gemacht«, sagt der Parteisekretär zum Brigadeleiter (Manfred Krug und Eberhard Esche)

Ich wollte Sie ins Kino einladen«, sagt Brigadeleiter Balla (Manfred Krug) in »Spur der Steine« (1966) zur schönen Ingenieurin. »Mit Ihnen würde ich mir sogar einen DEFA-Film angucken.« Da steht er noch am Anfang der Entwicklung vom John-Wayne-Typen zum aufgeklärten Baustellenmonarchen. Vorangetrieben wird die charakterliche Reifung dieses Zimmermanns durch den fehlbaren Parteisekretär Horrath (Eberhard Esche). »Spur der Steine« hätte das Verhältnis der Arbeiterklasse zu Produktionen der im Mai 1946 gegründeten Deutschen Film-Aktiengesellschaft (DEFA) merklich entspannen können, kam aber erst im Herbst 1989 in die Kinos, sozusagen pünktlich zur Umwandlung der volkseigenen DEFA in eine GmbH, die 1993 dann aus dem Register gelöscht wurde.

An die 800 Spielfilme sind in den 47 Jahren ihres Bestehens entstanden. In einer erweiterten Neuausgabe des »Großen Lexikons der DEFA-Spielfilme« sind sie alle alphabetisch aufgelistet, vom ersten deutschen Nachkriegsfilm, »Die Mörder sind unter uns« mit der Knef, bis zum Finale in Moll, »Novalis« von Herwig Kipping. Der Herausgeber der druckfrischen Prachtbände, F.-B. Habel, hat »schätzungsweise immerhin mehr als zwei Drittel« der Filme gesehen, wie er im Vorwort schreibt. Zu jedem Werk gibt es ausführliche Angaben zu Beteiligten und Handlungsverlauf. Grundlagen sind die aufgeräumten Archive der DEFA-Stiftung und ein Buch, das 1994 vom Filmmuseum Potsdam im Henschel-Verlag herausgegeben wurde (»Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg«). Mit aufgenommen wurden Auftragsproduktionen des DDR-Fernsehens, sofern sie in die Kinos kamen, und Produktionen für ausländische Studios wie István Szábos »Mephisto« (Ungarn/BRD 1981). Was die Lektüre kurzweilig macht, sind ergänzende Informationen unter Schlagworten wie »Meinung«, »Echo«, »Erinnerung« oder »Nebenbei«. Da ist zum Beispiel zu erfahren, dass für die Schlussszene von »Pappa ante portas« (1990) die Seebrücke Ahlbeck weiß gestrichen wurde, weil Loriot das aus seiner Jugend so in Erinnerung hatte.

En passant ergibt sich eine Leistungsschau der DDR-Filmkritik mit Glanzlichtern von Renate Holland-Moritz. Für »Spur der Steine«, woraus das Titelbild des zweiten Bandes entnommen ist (Einzug der Brigade Balla auf der Großbaustelle), wird der Verriss im Neuen Deutschland (ND) vom 6. Juli 1966 zitiert. Es handelte sich um »ein Extrakt (von) Weisungen des zuständigen Politbüromitglieds«, schrieb ND-Kritiker Horst Knietzsch später. Er habe eine positive Kritik im Juni unter Missachtung aller Regeln selbst für die Setzerei freigegeben – sie sei im letzten Moment von der Seite genommen worden. Ein Hinweis darauf hätte dem Lexikon gutgetan, den Rahmen aber womöglich genauso gesprengt wie eine Erwähnung von Konrad Wolf an dieser Stelle. Der Großmeister hatte sich mit Nachdruck für »Spur der Steine« verwendet, sah darin die »Kompliziertheit der Menschenbeeinflussung« aufs schönste ins Werk gesetzt. Nach erbittertem Widerspruch vom Politbüro bis zum Kulturminister sah Wolf sich gezwungen, seine Haltung zu »überdenken« und schloss sich schließlich im September 1966 »ohne Vorbehalte der Stellungnahme der Parteileitung zum Film ›Spur der Steine‹ an. (…) Ich möchte mich damit wieder in das Kollektiv meiner Parteiorganisation und der Leitung einordnen.«

»Wir haben uns das manchmal zu einfach gemacht«, sagt Parteisekretär Horrath zum gewandelten Balla in der Einsicht, »dass Beschlüsse nichts ändern, nichts helfen«.

Die Rolle von Konrad Wolf wird im Lexikoneintrag zu Heiner Carows »Die Russen kommen« (1968) deutlich, einem Film über einen faschistisch verblendeten 15jährigen im Frühjahr 1945. Zu den kleinlichen Begründungen des Aufführungsverbots zählte die Verwendung von Anglizismen. Der Film sei »die zweite Seite der Medaille, die Ergänzung zu ›Ich war neunzehn‹« gewesen, wird Wolf aus Film und Fernsehen 7/1980 zitiert. »Beide Filme (waren) Fortsetzungen des so erfolgreichen ›Werner Holt‹. Darin bestand die Chance. Aber das ist die Problematik unserer Entwicklung: Wir gehen einen Schritt, dann noch einen halben, und dann bleiben wir stehen.«

Wie weit die DEFA mit dieser Anderthalb-Schritt-Technik dem deutschen Film unserer Tage voraus war, lässt eine Erinnerung daran erahnen, dass es auch in der BRD einst eine Filmkritik gab, die den Namen verdiente. Über »Der geteilte Himmel« (1964) von Konrad Wolf – mit Esche in einer weiteren Hauptrolle – war dort zu lesen: »Wer diesen ostdeutschen Film gesehen hat, der weiß, dass es den ernstzunehmenden westdeutschen Film nicht gibt« (Filmkritik 12/1964, Fußnote: In diesem Fall hatte ND-Kritiker Knietzsch mit zwei Verbündeten in der Chefredaktion noch eine positive Besprechung durchsetzen können, »bevor die politische Frontenbildung im ZK abgeschlossen war«).

So wirft das Lexikon Schlaglicht um Schlaglicht auf ein sozialistisches Erbe, das viel zuwenig gegenwärtig ist. Wer weiß denn heute schon, welchen seiner Filme Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase für »elementar missglückt« hält, und das »nicht etwa handwerklich. In jeder Familie gibt es etwas, worüber bei Tisch nicht gern gesprochen wird, dies wäre in meinem Fall dieser Film«? Oder für welchen Film sich 1985 der damalige Saarbrücker Oberbürgermeister Oskar Lafontaine in wirklich aller Offenheit einsetzte? Drei Hinweise: Der Regisseur war im Verlauf der Produktion Objekt eines Operativen Vorgangs des Ministeriums für Staatssicherheit mit dem Ziel, »subjektivistische Aussagen rechtzeitig aufzudecken und zu verhindern« (ein Eingriff sollte sich als unnötig herausstellen). Das Drehbuch schrieb der Berliner Halbschwergewichtsmeister von 1951, der in den 60ern Sportredakteur der Jungen Welt gewesen war. Und drittens: Michael Gwisdek spielt die Titelrolle eines abgehalfterten Profiboxers. Schlagen Sie es nach. Dieses Lexikon ist weniger ein Rückblick als ein Anfang.

F.-B. Habel (Hrsg.): Das große Lexikon der DEFA-Spielfilme. Erweiterte Neuausgabe in zwei Bänden. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2017, 1.152 Seiten, zirka 1.000 Abbildungen, 99,99 Euro


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