Aus: Ausgabe vom 13.12.2017, Seite 12 / Thema

Beethoven liest

Der bürgerlich-revolutionäre Komponist war ein aufmerksamer Zeitgenosse – ein Sammelband geht der Frage nach der Lektüre des Musikers nach

Von Stefan Siegert
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Beethoven war ein begeisterter Leser von Schillers Dramen – mit der bürgerlichen Literaturbewegung des Sturm und Drang konnte er sich identifizieren (Statue auf dem Bonner Münsterplatz)

So hell Ludwig van Beethovens Stern in der klassischen Musik leuchtet, so weit im dunkel liegen große Teile seiner Bonner Kindheit und Jugend. Selbst auf das Geburtsdatum im Dezember 1770 ist mangels weiterer Dokumente bis heute nur ungefähr aus dem Taufbucheintrag zu schließen. Die Grundschule besuchte er für drei oder vier Jahre. So war Schreiben für ihn zeitlebens ein Problem. Im Rechnen kam er über einfachste Multiplikationen nicht hinaus. Und nur das Lesen fiel ihm leicht. »Der beste Weg, sich die Gedanken- und Geisteswelt eines Menschen zu vergegenwärtigen (ist) es, seine Bibliothek zu rekonstruieren«, zitiert Mitherausgeberin Julia Ronge im 28. Band der Schriften zur Beethoven-Forschung »Beethoven liest« die Romanautorin Marguerite Yourcenar. Das vom Beethoven-Haus in Kooperation mit der seit Dezember 1787 bestehenden »Bonner Lese- und Erholungsgesellschaft« herausgegebene Buch basiert auf einer Vortragsreihe. Ihre Akteure haben sich die Erforschung der in Beethovens letzter Wohnung im Wiener Schwarzspanierhaus vorgefundenen Bände zur Aufgabe gemacht.

Partei ergreifen

»Ohne auch nur im mindesten Anspruch auf eigentliche Gelehrsamkeit zu machen«, schreibt der 39jährige Komponist 1810 selbstbewusst in einem Brief, »habe ich mich doch bestrebt von Kindheit an, den Sinn der Bessern und Weisen jedes Zeitalters zu fassen. Schande für einen Künstler, der es nicht für (seine) Schuldigkeit hält, es hierin nicht wenigstens so weit zu bringen.« Er hat es weiter gebracht. Seine überragende Bedeutung in der Musik des Abendlandes ergibt sich, auch darin war er bahnbrechend, nicht nur aus dem von ihm geschaffenen Werk. Sie resultiert auch aus einem – wie alles an Beethoven – außergewöhnlichen, brennenden und Partei ergreifenden geistig-künstlerischen Interesse am Zustand der Welt. Medien dafür waren, neben den Menschen seiner grundstürzenden Epoche, ihre Bücher und Presseerzeugnisse.

Partei ergreifen, das war in einer Zeit, in der es Parteien noch nicht gab, nur im übertragenen Sinn möglich. Etwa dadurch, dass man durch die Wahl der Dichter und Philosophen, die man las, zu erkennen gab, wes Geistes Kind man war und wo in den politischen Kämpfen man stand. In ihnen ging es, ganz wie heute, im Kern um den Konflikt der Unteren mit den Oberen. In Frankreich zum Beispiel waren das zur Zeit der Kindheit Beethovens 400.000 Aristokraten gegen 23 Millionen Untere. Alexander Wolfshohl und Geert Müller-Gerbes machen in dem einleitenden Gespräch zum Thema »Beethoven liest Schiller« darauf aufmerksam, dass dieser Autor im Hinblick besonders auf die rebellischen bis aufrührerischen Stücke seiner Jugend zur Zeit Beethovens für die Bekundung einer politischen Gesinnung nicht nur im deutschen Sprachraum von überragender Bedeutung war. Die aus der Revolution hervorgegangene französische Nationalversammlung ernannte Schiller 1792 zum »Bürger Frankreichs«.

Das war der vorläufige Endpunkt einer geschichtlichen Entwicklungsetappe der Bourgeoisie, die mit dem von Schiller nicht unwesentlich mit angeheizten »Sturm und Drang« begann. Der wiederum war einer von vielen Trieben der europäischen Aufklärung. Beethoven wuchs in der Bonner Residenz des Kölner Kurfürsten Maximilian Franz auf, eines Bruders des aufgeklärt-despotischen Wiener Kaisers Joseph II., den Maximilian Franz in Bonn kulturell und atmosphärisch zu kopieren versuchte. So weisen Müller-Gerbes und Wolfshohl darauf hin, dass ein Jahr vor dem der Nachwelt viel bekannteren Mannheimer Nationaltheater das Bonner Nationaltheater seine Türen öffnete. Die Gründung von die deutsche Sprache bevorzugenden Nationaltheatern war damals Ausdruck wachsender Distanz von den das aristokratische Französisch und das vom Volk ebenfalls nicht verstandene Italienisch pflegenden Hoftheatern und Hofopern. Im zeitweilig dem gebildeten Publikum sogar kostenlosen Zutritt gewährenden Bonner Nationaltheater fand 1783 die Welturaufführung von Schillers »Fiesco« statt; ein Jahr zuvor gingen in Mannheim »Die Räuber« über die Bühne. Beide Dramen waren widerständiges Theater der Aufklärung und Ausdruck einer sich aus ihr in Teilen der Gebildeten entwickelnden, in Deutschland weitgehend nur »im Luftreich des Traums« (Heine) geglückten Rebellion. Der blutjunge Hoforganist Beethoven ging im Alter von zwölf Jahren vermutlich noch nicht ins Theater. Aber die Aufregung, die solche Werke unter den Bürgern der 1783 etwa 9.600 Einwohner zählenden Residenz hervorriefen, dürfte er bemerkt haben.

Schillers Ode

Schon der 23jährige hat sich erstmals kompositorisch mit der für Schillers eigene politische Entwicklung recht symptomatischen »Ode an die Freude« beschäftigt. In einem Brief weist der Schillerfreund Bartholomäus Fischenich das Ehepaar Schiller 1793 auf einen »jungen Mann (hin), dessen musikalische Talente allgemein gerühmt werden (…). Er wird auch Schillers ›Freude‹, und zwar jede Strophe, bearbeiten. Ich erwarte etwas Vollkommenes, denn soviel ich ihn kenne, ist er ganz für das Große und Erhabene.« Erste Hinweise darauf, dass Beethoven sich fast lebenslang begeistert nicht nur allgemein mit Schillers Dramen, sondern ganz speziell mit der Ode beschäftigt hat, finden sich zwar erst im Wiener Skizzenbuch von 1798. Manches deutet aber darauf hin, dass der frühe Schiller – mit Zeilen wie den folgenden von 1785 – bereits dem jungen Beethoven und seinem dissidierenden Bonner Freundeskreis aus dem Herzen sprach: »Männerstolz vor Königsthronen – / Brüder, gält’ es Gut und Blut, – / Dem Verdienste seine Kronen, / Untergang der Lügenbrut!« Dass der Dichter so etwas noch bei der Wiederveröffentlichung 1803 nicht änderte, dem Text allerdings ein Jahr darauf, kurz vor seinem Tod, dann doch – sozialdemokratische Staatstreue vorweg übend – das Aufbegehrende nahm, führt Alexander Wolfshohl auf Schillers »Erfahrungen des Revolutionsjahrzehnts« zurück. Mit solchen Formulierungen meint bürgerliche Geschichtsschreibung durchweg den »Terreur« während der Jakobinerherrschaft nach 1792. Frankreich war zu der Zeit – wie bei Revolutionen üblich – von oben bis unten von konterrevolutionären Truppen besetzt, Staatsbankrott und Hungersnot drohten. Der marxistische Historiker Eric Hobsbawm hat angemerkt, dass nach dem Terror Robbespierres alle Besatzer vertrieben, die Hungersnot beseitigt und die Währung so stabil war wie in Frankreich danach nie wieder. Und während die Erwähnung der 17.000 Guillotine­opfer auf seiten der Aristokratie bis heute dazu dient, die Revolution generell zu diskreditieren, ja sie auf diese Toten zu reduzieren, ist von den 70.000 Opfern des konterrevolutionären Massakers nach Ende der Pariser Kommune – um nur ein Beispiel von sehr vielen zu nennen – in der bürgerlichen Historiographie, soweit ich feststellen kann, nirgends die Rede.

Als Beethoven Schillers Ode Anfang der 1820er Jahre für den heute geradezu populären Schlusschor der 9. Sinfonie verwendete, findet sich darin vom rebellischen Geist des ursprünglichen Textes nichts mehr. Selbst Geisteszwerge wie Hitler und Goebbels haben sich, wenn auch wohl nur widerwillig, mit dieser Hymne des Humanismus schmücken können. Die Ode wurde später zum Soundtrack der Annexion des Staates DDR und zur offiziellen Hymne der neoliberalen Europäischen Union. Wolfshohl führt Beethovens defensiven Umgang mit dem Text aufs »politische Klima nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819« zurück, das heißt, aufs Wirken des Metternichschen Überwachungsterrors. Die Zitate der Musik französischer Revolutionsarmeen im selben Schlusschor legen eine zweite Spur: Die politischen Sympathien auch noch des späten Beethoven galten revolutionären Ideen; nur braucht man zur Feststellung entsprechender Töne Voraussetzungen, die den Bütteln der Obrigkeit meist abgehen, so etwas ist schwerer zu kriminalisieren als aufmüpfige Reime.

Alexander Wolfshohl führt in seinem Beitrag »Beethoven liest Autoren und Texte mit Bezug zu Religion und Theologie« in einem dem 21. Jahrhundert näheren Sinn politische Bücher wie Johann Gottfried Seumes »Spaziergang nach Syrakus« oder dessen »Apokryphen« an, wobei man sich natürlich fragt, was gerade dieser Autor unter dem Label Religion und Theologie zu suchen hat. Denn Seume-Zitate wie »Blödsinn und Eigennutz haben die Privilegien erschaffen, und Schwachheit und Leidenschaft verewigen beides« klingen so wenig nach Theologie wie etwa seine Feststellung, dass »Edel-Sein und Adel nicht zusammenfallen«. Der in dem Buch eigens Seume gewidmete Beitrag »Et lector in Europa Ego« von Matthias Sträßner erzählt ausführlich und interessant über Seumes abenteuerlich-abwechslungsreiches Leben, stellt am Ende den Bezug zu Beethoven aber etwas verkürzt her. Wie auch immer, fünf der Bände aus der Bibliothek des Komponisten verschwanden gleich nach ihrer Erfassung im Sterbezimmer in den Kellern der Polizeibehörden.

Beethoven las neben Schiller und Goethe auch Friedrich Gottlieb Klopstock, Johann Gottfried Herder oder Christian Fürchtegott Gellert, in Übersetzungen hatte er Shakesspeare und die antiken Klassiker im Haus. Seinerzeit beliebte »Erbauungsliteratur« wie Christoph Christian Sturms »Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und der Vorsehung auf alle Tage des Jahres« oder Christoph August Tiedges »Urania« fanden sein Interesse ebenso wie – Beethoven war häufig krank – Peter Lichtenthals »Ideen zu einer Diätik für die Einwohner Wiens«; sein Eifer, Versäumtes nachzuholen ließ ihn sogar zu F. E. Fergars »Kleinem poetischen Hand-Apparat; oder die Kunst, in zwey Stunden ein Dichter zu werden« greifen.

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Beethovens Bibliothek zeigt deutlich, wessen Geistes Kind der Komponist war – für den Adel schlug sein Herz nicht, eher schon für Napoleon, den ersten Bürgerkaiser (Rudolf Eichstaedt: Beethoven beim Morgengrauen im Studierzimmer, 1899)

»Kant der Musik«

Von zentraler Wichtigkeit für den Kampf um die Lufthoheit in den Köpfen war am Beginn des 19. Jahrhunderts die Frage nach dem Verhältnis zu Gott. Es gibt in Beethovens Tagebuch ein von allen Seiten immer wieder gern beanspruchtes Kant-Zitat: »Der bestirnte Himmel über uns, und das Sittengesetz in uns, Kant!!!« lautet es. In »Beethoven liest« beleuchten aus je verschiedenen Perspektiven mit Alexander Wolfshohl, Bernhard R. Appel und Franz Michael Maier gleich drei Autoren den Umgang des Komponisten mit dem infolge der Aufklärung vom Dogma zur offenen Frage mutierten Christengott und Immanuel Kants Rolle dabei.

Kant wurde von den Herrschenden mit voller Berechtigung verachtet. Man las ihn als Erzdissidenten. Franz Michael Maier hat eine Stelle aus der Haydn-Biographie Giuseppe Carpanis ausgegraben, wo der Italiener von Beethoven als von dem »Kant der Musik« spricht. Maiers höchst anregender Text klärt darüber auf, dass Beethoven das Kant-Zitat in der von ihm gern gelesenen, in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode veröffentlichten Artikelserie »Kosmologische Betrachtungen« des Direktors der Wiener Sternwarte, Joseph Johann Littrow, fand, ein später nicht unbedeutender Astronom. Littrow veränderte allerdings Kants Sätze aus dem »Beschluss« der »Kritik der praktischen Vernunft« von 1788: Aus Kants »Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir« wurde: »Das moralische Gesetz in uns, und der gestirnte Himmel über uns«. Kants »Ich«, so Maier in einer schönen Passage, sei »das Ich des empfindsamen Jahrhunderts. Dieses Ich hat durch Rousseau ›Confessions‹ gelernt, auf seine innere Stimme zu hören, es hat durch die Briefe Friedrich Heinrich Jacobis zu fühlen und durch Goethes Werther zu schluchzen gelernt«. Mit Kant, der als junger Mann in seiner »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels« den Himmel naturwissenschaftlich entzauberte, ohne sich von Gott zu verabschieden, wozu er sich erst 1755 durch den Schock des Erdbebens von Lissabon veranlasst sah, setzte das bürgerliche Ich sich selbst an die vormals im abendländischen Weltbild zentrale Stelle Gottes; der Weg zu Feuerbach und später Freud war frei (der zu Hegel und Marx in dialektischer Orientierung auf historisch-materialistische Objektivität auch). Littrows Texte traten gegen die progressive Hegemonie des Subjekts auf. Die »Umformung des Kantischen Zitats«, so Maier, »ist eine Distanzierung von der Philosophie der Zeit«. Dass Beethoven Kant nach Littrow und nicht nach Kant zitiert, könnte eine durch Metternichs Repression motivierte Vorsichtsmaßnahme gewesen sein. Was er, außer der »Allgemeinen Naturgeschichte«, von Kant gelesen und verstanden hat, wissen wir nicht. Sein Lebens- und Arbeitsethos aber war praktizierte, genuin Kantsche Philosophie.

Gottes Orte

Extrem aufschlussreich erinnert Bernhard R. Appels in »Beethoven und die indische Geisteswelt« im Anschluss an Maier und Wolfshohl an die Quellen, aus denen die der mittelalterlichen Gottgewissheit beraubten Denker und Künstler der Beethovenzeit schöpften, ein kreativer, poetischer Prozess. Gott wird in dieser Zeit vom quasi geistigen Körperteil zur mehr oder minder frei gewählten und ausgestalteten Weltanschauung. Wie Goethe (»West-östlicher Divan«), Wilhelm von Humboldt, Herder und viele andere liest auch der »aufgeklärte, kirchenferne Katholik Beethoven« (Appel) Morgenländisches, so der zeitgenössische Begriff für alles Exotische vom vorderen Orient bis nach Indien. Eine wahre Fundgrube für Beethoven war in dieser Hinsicht offenbar das »Taschenbuch der Reisen« des Geographen und Biologen Eberhard August Wilhelm Zimmermann. Die Exzerpte in Beethovens Tagebuch deuten auf die Neigung, das, was künftig unter Gott verstanden werden soll, dem Erlebnis der Natur (die Sonne, der Wald, die Riesengipfel), der Welt der Menschen (die Liebe) oder der Dinge (sakrale Kunst) zu entnehmen. Gott wird zum pantheistisch oder sonstwie innerlich erlebten Gleichnis, die fern- oder nahöstlichen Dichter und Philosophen geben Beispiele. Anstelle seiner grandiosen »Missa solemnis« hatte Beethoven ursprünglich die Absicht, einen »indischen Chor religiösen Sinns« zu komponieren. Appel weist in diesem Zusammenhang auf die enorme Bedeutung der auch von Beethoven bewunderten indischen, von Georg Forster (aus dem Englischen) ins Deutsche übersetzten Nationaldichtung »Shakuntala« hin, für die gebildeten Europäer eine Sensation und ein Muss. Wie ein heilsamer Schock wirkte das indische Wunderwerk auf die helleren Köpfe. Denn ab nun war nicht mehr der »alte Kontinent« Ursprung und Zentrum alles Geistig-Kulturellen. Das »Klischee wilder, rauher und kulturferner asiatischer Völker« (Appel) wird künftig nur noch von Dumpfbacken wie Kaiser Wilhelm II. und anderen AfDlern ihrer Zeiten aufrechterhalten. Beethovens Worte aus dem Schlusschor der neunten Sinfonie – »diesen Kuss der ganzen Welt« – bekommen, auf diese Weise antikolonial erleuchtet, einen offen internationalistischen Klang.

In ihrem Text »Beethoven liest August von Kotzebue, Vom Adel« untersucht Martella Gutiérrez-Denhoff Beethovens – für einen revolutionär denkenden Menschen (Gutiérrez spricht von »republikanisch«) ja nicht ganz unwichtiges – Verhältnis zur Wiener Aristokratie. Sie arbeitet dessen Ambivalenz heraus. So wurde er für die Widmung der 9. Sinfonie an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm II. mit einem minderwertigen Ring belohnt. Der Freund Karl Holz, als er hörte, Beethoven wolle dieses »Honorar« schnöde weggeben, wies darauf hin, der Ring käme immerhin von einem König. »Ich bin selbst ein König!« fuhr Beethoven auf. Als aber ein französisches Musiklexikon ihn als uneheliches Kind eben dieses Preußenherrschers bezeichnete, hat er nie protestiert; der Fehler wurde erst 1833 (sechs Jahre nach Beethovens Tod) in der 8. Auflage korrigiert. Außerdem ist der Komponist adelsgeilen Missdeutungen des »van« vor seinem Namen nie entgegengetreten. Allerdings, die sein explizit bürgerlich-revolutionäres Selbstbewusstsein, gepaart mit großer Empfindlichkeit gegenüber adeliger Arroganz, zum Ausdruck bringenden Anekdoten und Begebenheiten sind deutlich in der Überzahl. Gutiérrez-Denhof vergleicht Beethovens Ambivalenz mit der des Dichters August von Kotzebue, indem sie den Komponisten fiktiv Kotzebues Betrachtung »Vom Adel« lesen und gedanklich abwägen lässt. Dessen Ambivalenz, so ihr Fazit, unterschied sich in ihrem opportunistischen Ehrgeiz, ihrer Geschäftstüchtigkeit deutlich von Beethovens Haltung, die letztlich geprägt war von der Verpflichtung gegenüber einem von Menschenfreundlichkeit, Großmut und Genie erfüllten Großwerk.

Genie mit Schwächen

Schöne Beispiele dafür, dass die gründliche Recherche auch bei Wissenschaftlern nebenbei oft überraschende Funde zutage fördert, liefert schließlich Julia Ronges Beitrag »Beethoven liest musiktheoretische Fachliteratur«. Für Nichtfachleute vielleicht weniger interessant ist die von ihr untersuchte Kernfrage, ob dessen Beschäftigung mit theoretischen Klassikern wie Carl Philipp Emanuel Bachs »Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen« oder Daniel Gottlob Türks »Kurze Anweisung zum Generalbasspielen« aus Exzerpten bestand oder aus Studien und ob der Tonsetzer sich um dergleichen schon in seiner frühen Wiener Zeit bemühte oder, wie der Beethovenforscher Gustav Nottebohm meinte, erst 1809. Nottebohm entdeckte am Rand eines Exzerptblattes eine Notiz Beethovens. Dort bemerkt der Musiker ungehalten, dass alle Wiener Wohnungsmieten von 101 Gulden bis 1.000 Gulden von den französischen Besatzungstruppen zur Begleichung der Kriegskosten mit einer Zwangssteuer in Höhe von 25 Prozent belegt wurden. Die Maßnahme wurde am 28. Juli 1809 verfügt. Damit konnten Beethovens Exzerpte nicht schon 1793 entstanden sein. Zugleich wusste man nun aber auch, warum Beethoven um 1809 kurzzeitig nicht gut auf den ansonsten fast durchweg bewunderten Napoleon zu sprechen war. Auch aus Ronges fundiert belegten Zweifeln an der These, der Anlass für Beethovens theoretische Bemühungen sei sein Edelschüler Erzherzog Rudolph gewesen, ergeben sich zwei bislang noch kaum verbreitete Schlussfolgerungen: Das Verhältnis des Komponisten zum Kaiserneffen, dem er eine Vielzahl wichtiger Werke widmete, war die längste Zeit kaum von echter Freundschaft geprägt, eher von der Abhängigkeit eines Untertanen. Und Beethovens theoretische Arbeiten beschränkten sich nicht, wie von vielen bisher vermutet, auf seine Zeit als Lehrer Rudolphs – er betrieb sie lebenslang. Interessant auch Ronges Entdeckung, dass der oft auf seine Kopisten schimpfende Beethoven selbst beim Notenabschreiben peinlich viele Fehler machte. Und dank des wissenschaftlichen Spürsinns dieser Autorin erhaschen wir einen direkten Blick auf Beethovens Rechenkünste. Die Multiplikation vier mal 36 löste der Gigant, indem er die 36 viermal untereinander schrieb und alles addierte.

Die in »Beethoven liest« versammelten Texten beleuchten den geschichtlich-gesellschaftlichen Hintergrund Beethovens und zeigen dessen Geistes- und Gedankenwelt; auch das öffnet Wege zum Verständnis der Musik. Mit Beethoven, das wird klar, betritt erstmals eine deutlich progressive Variante des bürgerlichen Ich die Bühne der Musik.

Bernhard R. Appel/Julia Ronge (Hg.): Beethoven liest. Schriften zur Beethoven-Forschung. Reihe IV. Beethoven-Haus, Bonn 2016, 334 Seiten, 68 Euro

Stefan Siegert schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. Mai 2017 über die Rezeption Chopins während des Faschismus.


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