Aus: Ausgabe vom 13.12.2017, Seite 10 / Feuilleton

Ein Licht, das uns fehlt

Musik und Szenen aus dem Leben von Rio Reiser im Potsdamer Hans-Otto-Theater

Von Sabine Lueken
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»Ich möchte einen Tag nicht an Kohle denken«: Moritz von Treuenfels als Rio Reiser

Westberlin am 2. Juni 1967: Der Student Benno Ohnesorg wird von einem Polizisten erschossen, als er gegen den Schahbesuch demonstriert. Danach hatten viele Angst vor der Wiederkehr des Faschismus und riefen auf zum Widerstand gegen den Staat. Die Musik dazu kam von Ton Steine Scherben. Ihre erste Single erschien 1970: »Macht kaputt, was euch kaputt macht«. Das Lied spielten sie im selben Jahr beim »Love and Peace«-Festival auf der Ostseeinsel Fehmarn. Danach brannte die Bühne ab, auf der vor ihnen Jimi Hendrix gespielt hatte. Die Veranstalter waren mit der Kasse durchgebrannt.

Dieser Auftritt brachte ihnen Anerkennung in der radikalen Szene. Lehrlinge und Studenten besetzten im Dezember 1971 in Kreuzberg das ehemalige Schwesternheim »Bethanien« am Mariannenplatz und nannten es »Georg-von-Rauch-Haus« – der Namensgeber vom »Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen« war kurz vorher von der Polizei erschossen worden. »Sag mir eins, ha’m die da oben Stroh oder Scheiße in ihrem Kopf?« sang Rio Reiser von den Scherben und drückte aus, was viele dachten. Es zeigt sich, die Songs dieser Band sind sehr aktuell.

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater zeigt nun ein »Schauspielmusical«, in dem Szenen aus Reisers Leben um die Musik von damals herumgestrickt werden. Das geschieht im Schnelldurchlauf mit blitzlichtartigen Bildern und mit aus dem Off gesprochenen Auszügen aus seiner Autobiographie. Aus einem die Beatles verehrenden schmächtigen Teenager wird der berühmte charismatische schlaksige Sänger und am Ende ein desillusionierter Popstar. Die Entwicklung der westdeutschen Studenten- und Hausbesetzerbewegung bildet skizzenhaft den Hintergrund im ersten Teil des Stücks: Wohngemeinschaften, Haschrebellen, K-Gruppen, freie Liebe, bewaffneter Kampf, Rückzug ins Private – oder in die Landkommune nach Fresenhagen in Nordfriesland. »Komm, schlaf bei mir. Ich bin nicht unter dir, ich bin nicht über dir, ich bin neben dir«, sang Reiser, als die Band noch in Westberlin war – ja, kann man das denn als Musical bringen? Ist das nicht unglaublich peinlich?

Nein, ist es nicht. Weil die Inszenierung ganz auf die Kraft der Musik setzt. Und die wird nicht nur nachgespielt, sondern mit eigenen Akzenten dargeboten vom großartigen Moritz von Treuenfels als Rio Reiser und von den Musikern Daniel Splitt (Bass), Daniel Klein (Schlagzeug), Friedemann Petter (Keyboard, Saxophon) und Marc Eisenschink (Gitarre). Vor allem von Treuenfels ist rotzig, schmächtig, charismatisch, teilweise ironisch gebrochen, ausgestattet mit einer sagenhaften Stimme. Die Songs sind so gut, dass selbst das holzschnittartige Stück von Heiner Kondschak (Premiere war 2016 in Mönchengladbach) sie nicht zerstören kann.

Die Spielszenen sind grenzwertig klamottig-kolportagehaft mit Figuren hart an der Karikatur. Widersprüche und Tiefe darf man nicht erwarten. Und doch bringt der Kontext der Szenen die Songs erst richtig zur Geltung, auch werden so Reisers Seelenzustände erhellt. Daran haben Frank Leo Schröder, Juan Garcia als musikalischer Leiter und Marita Erxleben als Choreographin gearbeitet.

Die Guckkastenbühne in der Gestaltung von Matthias Müller ist mal Übungskeller, mal WG-Küche. Oben drüber ist Rios Rückzugsraum, sein Schlafzimmer mit einer kugelförmigen Lampe, die gelb leuchtet wie der Mond.

»Unsere Gesellschaft schluckt alles, auch das Lied, mit dem sie selbst abgeschafft werden soll«, heißt es im ersten TV-Auftritt der Scherben 1970. Ähnlich widersprüchlich ist es auch im Hans-Otto-Theater. Nach der Rebellion auf der Bühne werden die Potsdamer Bürgerkinder von Papi abgeholt, der beim Theater im dicken Auto vorfahren darf. Es gibt Nostalgie und Rührung allenthalben, aber aus unterschiedlichen Gründen. Für die Wessis, die Reiser nach dem Zerfall der Band 1985 als Schlagerfuzzi verkannten, lebt der Kreuzberger Mythos von Aufbruch und Revolte wieder auf; für die Ossis der volksnahe Popstar, der in der Endzeit der DDR bei einem Solokonzert auf Einladung der FDJ 1988 in der Werner-Seelenbinder-Halle mit dem Scherben-Song »Der Traum ist aus« den Nerv der Zeit traf: »Gibt es ein Land auf der Erde, wo der Traum Wirklichkeit ist? Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur eins und da bin ich mir sicher: Dieses Land ist es nicht.« Andererseits trat Reiser nach 1989 der PDS bei.

In Potsdam ist das Publikum, darunter viele junge Leute, begeistert über die insgesamt gelungene Inszenierung. Es wird getanzt, und es werden Feuerzeuge geschwenkt. Bei «König von Deutschland« wedelt von Treuenfels mit dem königlich roten Samtmantel wie ein Torero mit der Capa, während hinter ihm das Kapital in Gestalt des Plattenmanagers von der CBS (Florian Schmidtke) rumpelstilzartig rumtanzt und sich die Hände reibt: gekauft! »Ich möchte einen Tag nicht an Kohle denken«, heißt es in der ersten Textversion des Songs, die dann später zu der allseits bekannten Version verharmlost wurde.

Ein Star von der kommerziellen Größenordnung wie Maffay, Grönemeyer oder Westernhagen ist Reiser nie geworden. Die ewigen Geldsorgen, der Suff, die Drogen, das Ende der Scherben, die Solokarriere, die schwierigen Beziehungen und schmerzhaften Versuche der Selbstfindung – das war kräftezehrend. Rio Reiser starb 1996 mit 46 Jahren. Das vorletzte Lied in Potsdam erklingt: »Ein Licht, ein Licht, das uns jetzt fehlt, das war und ist am Anfang der Welt. Das Wort war Liebe (…). Und jetzt ist ein Irrlicht da. Wir sind verwirrt und sehen nicht mehr klar. Was ist gelogen, und was ist wahr. Die ganze Welt ist in Gefahr.« Sehr aktuell.

Nächste Vorstellungen: 15.12., 22.12., 27.12., 31. 12, 1.1., 14.1.


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