Aus: Ausgabe vom 12.12.2017, Seite 4 / Inland

»Archaischer Kämpfertypus«

Der Bürger in Uniform ist out: Auslandseinsätze fördern spezielle »Subkultur« in der Bundeswehr. Regierung sieht keinen Diskussionsbedarf

Von Knut Mellenthin
Soldaten_kehren_von_50731442.jpg
Verschworene Gemeinschaft mit Rechtsdrall? Von Auslandseinsätzen zurückgekehrte Soldaten bei einem öffentlichen Appell im September 2016 im brandenburgischen Storkow

In der Bundeswehr entwickelt sich eine spezifische »Einsatzkultur«. Dadurch drohen das Prinzip der »inneren Führung« wie auch das Konzept des Soldaten als »Bürger in Uniform« an Bedeutung zu verlieren. Zu dieser Einschätzung kommt nicht etwa ein externer Kritiker, sondern ein Oberleutnant der Reserve. Er legte sie in einem »Arbeitspapier Sicherheitspolitik Nr. 26/2017« dar, das Diskus­sionsgrundlage für einen Workshop war, der am 10. November an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik stattfand. Die Befunde darin nahm die Linke-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke zum Anlass für eine kleine Anfrage an die Bundesregierung. Deren am 7. Dezember bei der Politikerin eingegangene Antwort liegt jW vor. Wie üblich, wird darin auf die meisten Punkte nicht eingegangen.

Dabei ist die Analyse von Oberleutnant Philipp Fritz alarmierend. An die Stelle der genannten Prinzipien, schreibt er, träten eine »militärische Binnenkultur« und das »Selbstverständnis des Kämpfers«. Dieses passe jedoch »kaum in die zivile und pluralistische Gesellschaft Deutschlands« und behindere »gesellschaftliche Anerkennung« der Truppe, aber auch einen »professionalisierten Selbstanspruch«. Die bei Auslandsmissionen gemachten Erfahrungen fänden Ausdruck in »subkulturellem Brauchtum, das von den Soldatinnen und Soldaten in Form einer Einsatzkultur gepflegt wird«. Fritz nennt als Beispiele »spezifische Abwandlungen von Ausrüstungsgegenständen und Uniformteilen, die Stärkung von kameradschaftlichen Beziehungen und das Aufkommen informeller Verfahrensweisen bei unterschiedlichsten Abläufen«. Eine wichtige Rolle spielen demnach »die Geschichten aus den Einsatzgebieten«. Innerhalb der Streitkräfte sei die von »Kämpfern« zelebrierte »spezifische Kultur« auch für diejenigen Soldaten sehr attraktiv, die keine eigenen Einsatzerfahrungen haben, schreibt Fritz. Aus der Beteiligung an Einsätzen resultiere eine Stärkung des Ansehens und die »Zugehörigkeit zu einer gehobenen Statusgruppe«.

Für die Bundesregierung ist all das offenbar uninteressant. So teilte sie auf die Frage von Jelpke, in welchem Rahmen in der Truppe über die im Arbeitspapier thematisierte Problematik diskutiert werde, lediglich mit, dies entziehe sich ihrer Kenntnis. Die lapidare Auskunft auf die Frage, inwieweit das Kabinett die Einschätzungen von Fritz teile: Es handele sich um einen »persönlichen Meinungsbeitrag«, daher sehe man »von einer Bewertung ab«.

Interessant wird es bei Frage sieben: Jelpke hatte aus dem Arbeitspapier die Aussage zitiert, in den Streitkräften bilde sich das einsatzbedingte Selbstverständnis eines »archaischen und apolitischen Kämpfertyps« heraus, das »kaum mit der pluralistischen Gesellschaft Deutschlands oder den komplexen Anforderungen humanitärer Interventionen in Einklang zu bringen« sei. Die Antwort: »Die Bundesregierung verwendet die zitierte Bezeichnung nicht. Das Entstehen eines derartigen Selbstverständnisses ist nach Kenntnis der Bundesregierung (…) nicht zu beobachten.« In Frage acht wollte die Abgeordnete wissen, ob ein Zusammenhang zwischen der im Arbeitspapier konstatierten verstärkten Hinwendung von Soldaten zur Tradition der Wehrmacht und dem häufigeren Auftreten von Rechtsextremisten in der Truppe gesehen werde. Die Antwort: »Die Bundesregierung sieht keinen derartigen Zusammenhang.«

Wie das zuständige Verteidigungsministerium zu seinen »Erkenntnissen« kommt, während es gleichzeitig behauptet, über kritische Diskussionen zur Entwicklung in der Bundeswehr »keine Erkenntnisse« zu haben, ist angesichts dieser Weigerung, mit dem Bundestag und der Öffentlichkeit zu kommunizieren, nicht nachvollziehbar.

Arbeitspapier der Bundesakademie für Sicherheitspolitik online: kurzlink.de/einsatzkultur


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Neue Ausgabe vom Mittwoch, 24. Januar erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland