Aus: Ausgabe vom 11.12.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Auf Halde produzieren

Klaus Müller erörtert das Auf und Ab des Kapitalismus. Den Kredit arbeitet er als Haupthebel der Überproduktion heraus

Von Simon Zeise
Auto_Neuzulassungen_36234928.jpg
Überproduktion? Welche Überproduktion?

In seinem Einführungsband »Boom und Krise« vermittelt Klaus Müller spielend leicht einen Überblick über die Wirkweise der anarchischen Kräfte des Marktes. Er zitiert aus dem Manchester Guardian, in dem es am 1. September 1931 – auf dem Höhepunkt der (bislang) größten Weltwirtschaftskrise – hieß: »Wir wissen mehr über die Bewegungsgeschwindigkeit eines Elek­trons als über die Bewegungsgeschichte des Geldes. Wir wissen mehr über den Kreislauf der Erde um die Sonne und der Sonne um das Universum, als wir über die Industriezyklen wissen. Wir können die Bewegungen von unsichtbaren und unbegreiflich entfernten Himmelskörpern mit unvergleichlich größerer Genauigkeit voraussagen, als wir das Ende der Depression voraussagen können.«

Uns solchen Prognosen anzunähern, hilft die Lektüre von Müllers Buchs. Der Autor zeichnet die Entwicklung der großen Auf- und Abschwünge im Kapitalismus von 1825 bis zu jener Weltwirtschaftskrise nach, die uns seit 2007 begleitet. Anders als Einbrüche der Ökonomie in vorkapitalistischen Zeiten erfassten diese Krisen die gesamte Wirtschaft, nicht nur die Produktion, und traten in immer kürzeren Intervallen auf. Mit langwierigen Folgen: Die letzte Krise des Industriekapitalismus der freien Konkurrenz, 1873, zog eine lange Depression nach sich und förderte die Kapitalkonzentration. Erst zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erreichten die Preise in einigen Branchen wieder die Höhe vor dem Ausbruch der »Gründerkrise«.

Die große Krise seit 2007 begann nur scheinbar im Kredit und Bankwesen. »Der Mainstream erklärte unisono: Die Krise der Banken und Finanzmärkte habe die robuste, gesunde ›Realwirtschaft‹ angesteckt.« Doch sind Überproduktion und Überakkumulation längst eingetreten, »in einem seit 1929 nicht mehr gekannten Ausmaß«. Ohne die Kreditblase wäre die Überproduktionskrise demnach schon Jahre früher ausgebrochen.

Wie kommt es zur Krise? Die Produktion löst sich ab einem bestimmten Punkt von der realen Nachfrage, schreibt Müller. Die Massenkaufkraft steigt zwar, kann aber nicht mithalten mit der rasanten Vergrößerung des Angebots. Ein Wendepunkt wird erreicht: »Das Ganze kippt. Unternehmen finden keine Käufer mehr für ihre Waren. Die Lager füllen sich. Preise, Profite, Profitraten fallen. Die Reaktion: Unternehmen schränken die Produktion panisch ein. Sie entlassen Arbeitskräfte und unterlassen Investitionen. Die Kaufkraft sinkt. Die Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern bricht ein.«

Der Hebel zur Ausweitung der Produktion ist der Kredit. Indem die Geldhäuser finanziellen Spielraum gewähren, regen sie die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen kräftig an. Selbst wenn die Krise herangereift ist, wenn die Überproduktion die Lager gefüllt hat, kann der Kredit den Unternehmern weitere flüssige Mittel verschaffen, die sie sonst nur durch eigene Umsätze erlangen könnten. »Der Kredit verschleiert, dass die Waren unverkäuflich sind. Er täuscht eine zahlungskräftige Nachfrage vor, die es nicht gibt«, erklärt Müller. »Die Inanspruchnahme fremden Kapitals bläht die Nachfrage fiktiv auf. Sie verhindert die Krise nicht. Sie schiebt sie hinaus und verschärft sie.«

Wie kommt man wieder raus aus der Malaise? Noch mehr Kreditnachfrage schaffen, damit wieder mehr produziert wird? Die Europäische Zentralbank verfolgt dieser Tage dieses Ziel, indem sie mehr Geld in Umlauf bringt und die Zinsen niedrig hält. Die Zentralbanker versuchen dadurch, das Pferd von hinten aufzuzäumen, meint Müller. Unlogisch ist das nicht, es funktioniert aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. Denn die Zentralbank kann den Geschäftsbanken zwar Geld anbieten, sie aber nicht dazu zwingen, dieses als Kredit an ihre Kunden weiterzugeben. »Der Zins ist Teil des Profits; er muss erwirtschaftet werden«, erklärt der Autor. »Welcher Unternehmer nimmt einen Kredit, selbst einen zinslosen, wenn er die mit ihm produzierten Waren nicht absetzen kann? Wo niemand oder wenige Kredit brauchen, sind die Zinsen mickrig«, schreibt Müller. Was eine erleichterte Versorgung mit Zentralbankgeld bringt, hängt ab von der Lage auf den Gütermärkten. »Ein Unternehmen will Kredite und ist kreditwürdig, wenn seine Produkte nachgefragt werden und es mit Gewinn produziert. Ist der Bedarf gesättigt und die Leute haben kein Geld, um zu kaufen, brauchen die Unternehmen keine Kredite.« Die Banken bleiben auf ihren Überschüssen sitzen. Das ist der Grund, weshalb das Geschäft mit Bankkrediten stagniert. An deren Stelle tritt die Spekulation. »Überreichliche Liquidität ergießt sich über die Finanzmärkte. Kurse steigen und es bilden sich die berüchtigten Blasen.« Es naht die Rezession, mit allen ihren unangenehmen Begleiterscheinungen, lehrt uns Müller.

Klaus Müller: Boom und Krise. Papyrossa-Verlag, Köln 2017, 126 S., 9,90 Euro


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Alfred Müller: Nichts zu bieten Der Artikel über das neue Krisenbuch bleibt oberflächlich und weit hinter dem aktuellen Forschungsstand zurück. Die Ursache dieser Flachheit liegt u. a. an seinem Autor Klaus Müller. Ihm gelingt es ni...
  • Franz Anger: Linke Sisyphosarbeit An der Überproduktionskrise zeigt sich, wie menschenfeindlich die kapitalistische Produktionsweise ist. Dass die Marktwirtschaftsunternehmen nicht mehr alle ihre produzierten Waren verkaufen können, h...
Mehr aus: Politisches Buch
  • Beilage der Zeitschrift Sozialismus über die Große Sozialistische Oktoberrevolution
    Holger Czitrich-Stahl