Aus: Ausgabe vom 09.12.2017, Seite 5 / Inland

Ausstand in Herberge

Mitarbeiter von Berliner Hostel im Warnstreik. Gefordert werden bessere Löhne und mehr Anerkennung

Von Florian Sieber
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Arm trotz Arbeit: Wombats zahlt wenig mehr als den Mindestlohn

Schon zum zweiten Mal innerhalb von sechs Tagen traten die Beschäftigten des Berliner Wombats City Hostel am Freitag in einen Warnstreik Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) hatte dafür eine Demonstration vor dem Betrieb angemeldet, an der etwa 40 Personen teilnahmen. Die NGG verlangt, dass das Unternehmen endlich die festgeschriebenen Mindeststandards des Tarifvertrags der Gewerkschaft erfüllen müsse. Seit Jahren erhalten die Angestellten nur wenig mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro. Ebenfalls gefordert werden Überstundenzuschläge, Urlaubs- und Weihnachtsgeld und eine anständige Behandlung durch die Unternehmensführung.

Nach dem Warnstreik letzten Samstag (jW berichtete) erhielten die Mitarbeiter, die in den Ausstand getreten waren, vom Unternehmen per Brief Hausverweise und Kündigungsandrohungen. Im Brief gab die Unternehmensführung an, dass es sich bei der Aktion um einen »unzulässigen Streik« gehalten habe.

NGG-Sekretär Sebastian Riesner ist mit dieser Behauptung gar nicht einverstanden, wie er am Freitag gegenüber jW erklärte: »Das ist natürlich Quatsch. Der Streik ist rechtmäßig. Hier wird versucht, das Verfassungsrecht von Mitarbeitern zu kriminalisieren.« Schon seit August wird von der Belegschaft nach Tarifverhandlungen verlangt. Doch die Geschäftsleitung winkte ab und gab an, dass die Angestellten keinen Tarifvertrag brauchen würden.

Bis Redaktionsschluss gab es von Unternehmensseite keine Reaktion auf den zweiten Warnstreik. Für Riesner ist klar, dass man den Betrieb stärker unter Druck setzen müsse, um Wirkung zu erzielen: »Wir müssen uns hier auf eine längere Auseinandersetzung einstellen.« Um die Betriebsleitung an den Verhandlungstisch zu bringen, wendet sich die Gewerkschaft in einem Flyer an die Gäste und bittet diese um Verständnis und Unterstützung. Die Reaktionen auf den Arbeitskampf seien bislang positiv. Ein Gast habe sich wegen der Wahl des Hostels bei den Mitarbeitern entschuldigt, als er nach dem Einchecken vom Anlass des Streiks erfuhr.

»Es gibt hier Kollegen, die seit zehn Jahren und mehr im Betrieb arbeiten und denen offensichtlich nicht mal die tarifliche Gehaltserhöhung zugestanden werden soll«, erklärt Milenko Ristič, Betriebsrat beim Wombats City Hostel, im Gespräch mit jW. »Aber es geht auch um Würde. Mitarbeiter wurden hier von Unternehmerseite vor den Gästen beschimpft, und wenn man sich wehrt, wird mit Kündigung gedroht.« Berlin lebe durch die Menschen, die in der Stadt arbeiten, und dann habe man nicht einmal den Anstand, mit diesen in Verhandlungen zu treten. Die Stadt sei eine der günstigsten Metropolen überhaupt. Bezahlt werden soll das von den Beschäftigten. Dass sich jetzt aber etwas bewegt, stimmt Ristič zuversichtlich: »Die Menschen, die hier arbeiten werden prekarisiert. Aber der Streik zeigt, dass man nicht machtlos ist, dass man sich organisieren und wehren kann.«


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