Aus: Ausgabe vom 09.12.2017, Seite 2 / Ausland

»Viele versuchen, ihre Herkunft zu verschleiern«

Ukrainische Roma werden von Behörden und Medien diskriminiert – als Folge schotten sich Gemeinschaften immer stärker ab. Gespräch mit Tetjana Logwinjuk

Interview: Frank Brendle
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Auch in der Ukraine gibt es eine Schulpflicht, die analog zum deutschen System, für alle gilt. Trotzdem gibt es unter Roma in dem Land etliche Analphabeten. Wie kann es dazu kommen?

Als die Ukraine unabhängig wurde, stieg der Anteil der Analphabeten rapide. Bei den 30jährigen Roma liegt er bei rund 60 Prozent. Die Kinder gehen zur Schule, sitzen aber auf den hintersten Bänken und lernen kaum etwas. Die Lehrer machen meistens die Eltern dafür verantwortlich. Aber wie sollen die ihren Kindern helfen, die Schule zu bewältigen, wenn sie selbst nicht lesen und schreiben können?

Als meine Tochter eingeschult werden sollte, wollte keine Lehrerin sie in der Klasse haben, bis meine ukrainischen Bekannten dafür bürgten, dass man dieses Kind nehmen könne. Aber was soll einer machen, der keine solchen Bekannten hat? Und wenn ein Kind aus ärmlichen Verhältnissen stammt und nicht so sauber ist wie andere, dann heißt es häufig, es soll lieber zu Hause bleiben.

Wie steuern Sie dagegen?

Vor ein paar Jahren gründeten wir eine Versuchsklasse speziell für Roma-Kinder. Das ging nach hinten los: Andere Kinder sprachen von der »Affenklasse«. Das Minderwertigkeitsgefühl der Roma-Kinder wurde noch verstärkt. Dann haben wir Klassen als Vorbereitung für den Schuleintritt gegründet. Aber auf der allgemeinbildenden Schule kapseln sich die Kinder weiterhin ein. Uns fehlt ein Programm zur Ausbildung von demokratisch gesinnten Lehrkräften, die sich von Stereotypen über Roma frei machen.

Werden Roma auch in anderen Bereichen schlechter behandelt?

Wir werden ständig damit konfrontiert. Da gibt es zum Beispiel in den Krankenhäusern separate Krankenzimmer. Nur wenige wehren sich dagegen, aus Angst, nicht aufgenommen zu werden. Auf dem Arbeitsmarkt sind Roma in erster Linie billige Arbeitskräfte, die schwarz arbeiten, für die man keine Abgaben zahlen muss. Auch Roma, die eine Ausbildung haben, werden nicht eingestellt, wenn sich Ukrainer bewerben. Viele sehen deswegen gar keinen Sinn darin, überhaupt etwas zu lernen. Ich habe vorgeschlagen, Projekte ins Leben zu rufen, die den Roma helfen, kleine Geschäfte zu gründen, etwa eine Autowerkstatt, eine Schneiderei usw. Aber dafür gibt es keine Unterstützung.

Wie verhält sich die Polizei gegenüber Roma?

Es gibt häufig Razzien bei Roma-Familien. Da werden die Personalien erfasst und Handys weggenommen. Das ist eine Art Psychokrieg, um den Roma das Gefühl von Unterlegenheit einzuimpfen. Höhere Polizeibeamte erlauben sich öffentliche Aussagen, dass die Roma kriminelle Elemente seien.

Tatsächlich begehen Roma keineswegs mehr Straftaten als andere. Aber wenn ein Rom eines Verbrechens beschuldigt wird, sieht man in ihm nicht einen einzelnen Straftäter, sondern Medien und Behörden machen häufig ein »Zigeunerproblem« daraus. Dann kommt es schon mal vor, dass ein Dorfvorsteher Unterschriften für die Zwangsaussiedlung der ganzen Familie oder sogar aller Roma sammelt. Und die Regierung lässt diese Beamten gewähren, anstatt zu intervenieren.

Wie reagieren Roma auf diese Probleme?

Viele versuchen, ihre Herkunft zu verschleiern. Wenn Lehrer, Beamte und Vorgesetzte nicht wissen, dass man Rom ist, ist es viel leichter, voranzukommen. Aber ob man mit einer solchen Verleugnung mit sich selbst im Reinen bleiben kann?

Welche Alternativen sehen Sie?

Unsere ganze Gesellschaft hat ein Problem damit zu begreifen, dass es Minderheiten gibt, die man zwar nicht lieben, aber respektieren muss. Dafür müssen sich auch die Roma ändern. Man darf nicht hoffen, dass jemand kommt, hilft und tut. Roma schotten sich viel zu sehr ab, deswegen kennen selbst gebildete Menschen sie nur als barfüßige schwarze Kinder, als Verkäufer von Lutschbonbons oder als Wahrsager und Bettler. Unsere Organisation will Roma aktivieren und der Gesellschaft zeigen, dass diese Minderheit vielseitiger ist als die meisten denken. Aber dafür brauchen wir staatliche Förderprogramme. Denn im Unterschied zu anderen Organisationen nationaler Minderheiten, wie Polen oder Deutsche, die Unterstützung von ihrem Ursprungsland bekommen, haben wir nur unsere eigenen Mittel.

Tetjana Logwinjuk ist Leiterin der Organisation »Terne Roma« (Junge Roma) in Lutsk, Ukraine


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