Aus: Ausgabe vom 08.12.2017, Seite 1 / Inland

Mordverdacht in Dessau

Feuertod von Oury Jalloh: Initiative zeigt Polizisten in Karlsruhe an. Linke fordert Untersuchung

Von Susan Bonath
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Brandversuch zum Todesfall Oury Jalloh im August 2016 im Institut für Brand- und Löschforschung in Dippoldiswalde (Sachsen).

Im Fall des am 7. Januar 2005 im Dessauer Polizeirevier verbrannten Asylbewerbers aus Sierra Leone hat die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh Strafanzeige beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe erstattet. Sie richtet sich gegen den ihrer Ansicht nach tatverdächtigen, inzwischen pensionierten Polizisten Udo S. (69). S. komme aufgrund der Faktenlage dringend als Täter oder Mittäter in Betracht, teilte die Initiative am Donnerstag mit.

Die Unterstützer der Hinterbliebenen Jallohs berufen sich auf Ermittlungsakten. Demnach wurde Jalloh am Morgen des 7. Januar von den Beamten Udo S. und Hans-Ulrich M. festgenommen. Ein-Euro-Jobberinnen der Stadt Dessau hatten sich belästigt gefühlt, weil Jalloh sie eindringlich nach einem Handy gefragt habe. Später waren M. und S. bei der Blutentnahme durch Revierarzt Andreas B. anwesend. Im Arztraum gefundene Blutspuren wurden nicht gewürdigt. Laut S. hatte Jalloh seinen Kopf auf den Tisch geschlagen. Andere Zeugen verneinten das. Dann fixierten beide Beamte Jalloh an Händen und Füßen in der Arrestzelle. Ihre Aussage, dort später nicht mehr gewesen zu sein, erschütterte Polizist Torsten B. 2011. Er habe S. und M. dort eine halbe Stunde vor Brandausbruch angetroffen.

Zudem habe ein Justizangestellter Udo S. Ende 2013 angezeigt, da er wisse, dass dieser das Feuer gelegt habe. Als früherer Chemiefacharbeiter und Feuerwehrmann verfüge S. über gute Kenntnisse darüber, »was brennt und was nicht brennt«. 2015 bestätigte Oberstaatsanwalt Christian Preissner gegenüber jW, der Hinweisgeber »wurde hier vernommen«. Man habe jedoch keinen Ermittlungsansatz erkannt. Laut Initiative überzog man den Zeugen mit einem Disziplinarverfahren, bis er seine Anzeige zurückzog.

Die Linksfraktion im Magdeburger Landtag forderte am Donnerstag einen Untersuchungsausschuss und den Rücktritt von Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU). Keding habe Informationen verheimlicht, wende sich trotz massiver Mordhinweise nicht gegen die jüngste Einstellung des Verfahrens in Halle und habe den Rechtsausschuss belogen.


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