Aus: Ausgabe vom 07.12.2017, Seite 16 / Sport

Systemische Manipulation

Kalter Krieg bis kurz vor Schluss: Bei den Winterspielen werden russische Flaggen wohl erst zur Abschlussfeier geschwenkt

Von Jens Walter
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»Die Lage ist ernst« – Dienstag vor dem IOC-Hauptquartier in Lausanne

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Russland von den Winterspielen im kommenden Februar ausgeschlossen. Wegen »systemischer Manipulation der Antidopingregeln« während der Spiele 2014 in Sotschi werde das Russische Olympische Komitee (ROC) mit sofortiger Wirkung suspendiert, erklärte IOC-Chef Thomas Bach nach einer Sitzung der 14köpfigen IOC-Exekutive am Dienstag abend in Lausanne. Unter bestimmten Voraussetzungen, vor allem Dopingkontrollen durch unabhängige Institutionen, dürften russische Sportler dennoch an den Wettkämpfen in Pyeongchang teilnehmen, und zwar als »Olympische Athleten aus Russland (OAR)«. Sollten entsprechend uniformierte Sportler bei der Siegerehrung auf dem obersten Treppchen stehen, werde nicht die russische Nationalhymne gespielt, sondern die Olympische Hymne von 1896.

Es folgte eine Aufzählung von gegen Sportpolitiker verhängten Sanktionen. Kein Offizieller vom russischen Sportministerium werde in Pyeongchang akkreditiert, erklärte Bach. Russlands Sportminister von 2014, Witali Mutko, werde wie sein damaliger Stellvertreter lebenslänglich von Olympia ausgeschlossen, ROC-Präsident Alexander Schukow als IOC-Mitglied suspendiert. Sollte das ROC diese Entscheidungen respektieren und 15 Millionen US-Dollar Strafe zahlen, schloss Bach, könne die Suspendierung zu Beginn der Abschlussfeier der Spiele in Südkorea aufgehoben werden.

Eine Reaktion des russischen Präsidenten Wladimir Putin ließ auf sich warten. »Die Lage ist ernst und erfordert eine gründliche Analyse«, ließ Kremlsprecher Dmitri Peskow wissen. Ob Athleten unter den vom IOC auferlegten Bedingungen in Südkorea an den Start gehen, soll bei einer Zusammenkunft von Sportlern, Trainern und Verbandsvertretern am kommenden Dienstag geklärt werden, sagte der abgestrafte ROC-Chef Schukow. Den Beweis der Existenz eines staatlich gelenkten Dopingsystems seien die Ankläger schuldig geblieben: »Wir reden heute über die Disqualifizierung eines ganzen Landes aufgrund der durch keinerlei Belege gestützten Aussagen eines Betrügers, der in ein fremdes Land geflohen ist.« Gemeint war der Kronzeuge Grigori Rodtschenkow, langjähriger Leiter des Moskauer Antidopinglabors.

Anfang 2016 hatte sich Rodtschenkow in die USA abgesetzt und war in einem Zeugenschutzprogramm des FBI untergekommen. Im Mai 2016 hatte er in der New York Times recht ausführlich über auch von ihm selbst ins Werk gesetzte Manipulationen berichtet. So war der Stein ins Rollen gekommen. Die Weltantidopingagentur (WADA) beauftragte den kanadischen Sonderermittler Richard McLaren mit der Überprüfung von Rodtschenkows Anschuldigungen. Der befand sie für plausibel und hängte seinem Abschlussbericht über eine »institutionelle Verschwörung« 1.166 Dokumente an. Sie stammten überwiegend vom Kronzeugen Rodtschenkow, und der spielte jedenfalls nie mit offenen Karten, sondern präsentierte sein Belastungsmaterial mit einer Art Salamitaktik. Zuletzt griff er Ende Oktober in seine Zauberkiste mit belastenden Indizien und präsentierte eine Datenbank des von ihm geleiteten Moskauer Labors. Daraufhin erklärte die WADA das systematische Vertauschen von Urinproben in Sotschi für lückenlos bewiesen. Eine russische Ermittlungskommission kam Anfang November zum gegenteiligen Ergebnis, woraufhin Moskauer Staatsanwälte einen Haftbefehl gegen Rodtschenkow ausstellten. Das IOC folgte nun der Version der WADA.

Die internationalen Reaktionen entsprachen den Erwartungen. »Das IOC hat die Penner rausgeschmissen«, jubelte USA Today: »Die teuflischste Staatsdopingmaschine unserer Zeit, die schlimmste seit der DDR, hat endlich die Strafe erhalten, die sie verdient.« Als typische Stimme aus Deutschland empfahl sich am Mittwoch Snowboarder Konstantin Schad, Athletensprecher des Skiweltverbands FIS: »Das ist schon eine knackige Ansage und für Herrn Putin die ultimative Demütigung.«

Tatsächlich hatte Putin vor einigen Wochen vom Start unter neutraler Flagge als einer »Demütigung« gesprochen. Zuletzt waren aus seinem Umfeld allerdings moderate Töne zu vernehmen. Zwar kochte am Mittwoch die russische Volksseele – der Hashtag #NoRussiaNoGames (Kein Russland, keine Spiele) war an diesem Tag bei russischen Twitter-Nutzern der meistverwendete Begriff, wie die staatliche Agentur RIA meldete, auch der eingebürgerte Schauspieler Gérard Depardieu ließ sich mit dem Slogan ablichten –, aber die einflussreiche Stabhochsprunglegende Jelena Issinbajewa erklärte die Auflagen für annehmbar. »Wenn man als Sportler aus Russland antreten kann, wie das IOC vorschlägt, wenn bei der Siegerehrung gesagt wird, dass ich aus Russland bin, dann würde ich teilnehmen«, sagte die Putin-Anhängerin dem Fernsehsender Rossija 1. Auch Eishockeynationalstürmer Ilja Kowaltschuk plädierte gegen einen Boykott: »Wir müssen unbedingt zu Olympia!«

Und so sprach am Mittwoch einiges dafür, dass Russland aus der Blockbildung, die frappierend an den Kalten Krieg erinnert, das Beste machen und zur Abschlussfeier in Pyeongchang mit wehenden Fahnen und ertrotztem Edelmetall in die olympische Familie zurückkehren wird. Ob der lebenslänglich aus dieser Familie ausgestoßene Witali Mutko als Organisationschef der Fußball-WM 2018 zu halten sein wird, bleibt abzuwarten.

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